8 Zusammenfassung – Résumé

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8.1 Hauptergebnisse

Um 1100 manifestierte sich in Europa baulich, rechtlich und sozial eine neue städtische Siedlungs– und Lebensform, die unseren Kulturraum nachhaltig prägte. Überkommene Bauwerke aus dieser Zeit sind jedoch selten, und es handelt sich bei ihnen fast immer um Kirchenbauten. Von den Wohn– und Geschäftshäusern des Hochmittelalters und vom Stadt– und Lebensraum, den diese Häuser bildeten, weiß man wenig; dort, wo es gelang, Spuren zu sichern, hat die archäologische Bauforschung oft nur schwer zu deutende Fragmente zutage gebracht. Fragen betreffen die Entstehung der geschlossenen Bebauung, die bis heute die Textur der Städte kennzeichnet, und ihr Verhältnis zur Typologie der Gebäude. Ideengeschichtlich sind Wahrnehmung, Ordnung und Konzeption von Bauwerk, Stadt und Raum aus der Sicht der Menschen dieser Umbruchszeit von Interesse.

In Cluny wurden die beiden bislang frühesten romanischen Stadthäuser Frankreichs, erbaut 1091 und 1136, und Fragmente weiterer hochromanischer Architektur erkannt und dokumentiert, zunächst mit dem Ergebnis, dass im Inneren dicht gereihter Stadthäuser Fragmente älterer, ursprünglich freistehender Häuser liegen können. Der einzig sichere Zugang zur Beurteilung „verdächtiger“ Bausubstanz besteht in der individuellen, akribischen bauhistorischen und –archäologischen Dokumentation und Analyse. Die baugeschichtliche Stellung dieser Häuser, die typologisch dem Adelsbau entstammen und dort als Hausbesatz für die neu entstehenden Städte übernommen wurden, gibt der Erforschung mittelalterlicher Stadtentstehung in Europa eine neue Grundlage. Es handelt sich um Saalgeschossbauten, die als Rechteckhaus mit Vorhof, als Saalhaus mit Treppenvorbau und als Kombination beider Hausformen auftreten; der Unterschied zwischen domus und palatium ist fließend. Die Untersuchungsergebnisse führten zur Schärfung, teils auch zur Korrektur der Wahrnehmung des spätromanischen Reihenhauses und der Entwicklung der Abtei Cluny. Beispiele sind die Neueinordnung des ‚Haus eines Händlers‘ um 1208 (d), die in die typologische Reihe der untersuchten Saalgeschossbauten aufgenommen wurde und der Aula der Periode Cluny III von 1108 (d). Beide Bauwerke wurden 2005/06 typologisch und in der Zeitstellung neu bestimmt. Es entstand eine für Europa exemplarische, differenzierte Typologie der mittelalterlichen domus solarata, die enge Parallelen etwa zum hochmittelalterlichen Rom oder auch Freiburg i. Br. aufweist.

Aus dem Blickwinkel der Stadtbaugeschichte vertreten die frühen Häuser, die in zeitgenössischen Schriftquellen nicht als kontextdefinierte Stadthäuser, sondern aufgrund ihrer Ausstattung mit Obergeschossen bzw. solaria als domus solaratae bezeichnet werden, eigene, im Ursprung solitäre Bautypen, die der neu entstehenden europäischen Stadt um 1100 ihr charakteristisches, noch offenes Gesicht geben. Die Verwendung derselben Bezeichnung auch für die ab ca. 1150 errichteten Reihenhäuser, die eine geschlossene städtische Bebauung ermöglichen, bezeugt die Kontinuität signifikanter typologischer Besonderheiten, denen gegenüber der aus heutiger Sicht wichtige Stadtraumbezug noch zurückbleibt. Eine planerische Auseinandersetzung mit der Gestalt des neuartigen städtischen Straßenraums, die markanten Einfluss bis hin auf die Einzelarchitektur nimmt, beginnt in Cluny ab der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts mit der lokalen Bildung von straßenraumbegrenzenden Baufluchten. Das bedeutet allerdings nicht, dass den Burgus– und Stadtsiedlungen bis dahin noch keine strukturelle Ordnung gegeben wurde. Bei der Untersuchung der genannten Häuser sind konstituierende Elemente der zugrundeliegenden Geometrie und der Bemessung in Grund– und Aufriss festgestellt worden. Daraus wurde eine Vorstellung von der zeitgenössischen Raumordnung abgeleitet. Auf die Ebene der Stadtplanung übertragen, lieferte sie auf der Grundlage der Verteilung untersuchter und datierter Gebäude sowie topographischer Beobachtungen für die Stadtanlage, die in die Zeit des Baus von Cluny III fällt, einen neuen Erklärungsansatz, der außerdem die Entwicklung der Abtei mit einbezieht. Zum ersten Mal basiert eine Interpretation der Stadtgenese von Cluny auf zugehörigen Baubefunden. Die Stadtentstehung zwischen ca. 1090 und 1180 kann aufgrund der urkundlichen Überlieferung präzise als Burgus-Phase eingegrenzt werden.

Die Forschungsergebnisse zu Typologie,1 Planung, Bemessung und Bauausführung2 weisen das Bauwerk als aussagefähige Quelle für die historischen Disziplinen aus, machen es zu einem Schlüssel der Geisteswelt einer vergleichsweise schriftarmen Zeit. Fragestellungen wie das Verhältnis von Mensch und Raum und die Verknüpfung des Bauwerks mit dem zeitgenössischen Schrifttum brachte in Cluny Ertrag nicht zuletzt wegen des Forschungsstandorts von europäischem Rang, der in der untersuchten Zeit eine führende Rolle im Netz der Tradition von Wissen innehatte. Anhand der Ergebnisse werden neue Interpretationen von Schrift– und Bildquellen möglich und notwendig. Ein Beispiel ist die baugeschichtliche Auswertung der bekannten Gunzo-Legende (Gilo 1200, Paris, B.n.F., Ms lat. 17716, fol. 43r), ein weiteres der Vergleich zentraler Untersuchungsergebnisse mit konkreten Informationen römischer Schriftüberlieferung in Form des Corpus agrimensorum. Diese planungsgeschichtliche Interpretationslinie trägt neue Aspekte zur Erforschung der technischen und geistigen Bewältigung des Raums im Hochmittelalter bei.

8.2 Zusammenfassung nach Kapiteln

Baudokumentation (Kap. 9). Die Abhandlung ist in acht Textkapitel und den Anhang gegliedert, der technisch bedingt ein neuntes Kapitel bildet. Der Baubefund ist so weit wie möglich über die im Anhang enthaltene, beschriftete Baudokumentation erschlossen, die die Grundlage und, den Aufwand betreffend, den Hauptteil der Arbeit darstellt. Sie setzt sich großteils aus im Maßstab 1:20 angefertigten, steingerechten Befundaufnahmen (Pl. 9.7– 9.45) zusammen, die verlustfrei im Maßstab 1:50 gedruckt werden können (vgl. Planköpfe), in der Druckausgabe des vorliegenden Werks allerdings stärker reduziert sind. Neben Bauaufnahmen enthält die Dokumentation auch Rekonstruktionszeichnungen. Die Stadtentstehung von Cluny wurde auf der Basis des Katasgters im Maßstab 1:1000 dokumentiert (Pl. 9.19.3). Erstmals sind die bekannten hochmittelalterlichen Baubefunde von Stadt und Abtei in eine vergleichbar scharfe Übersicht überführt, die außerdem die Topographie des Orts veranschaulicht. Eine kommentierte Auflistung der Monumente ist in Kapitel 6.2.1, S. 342350, enthalten. Ergänzt wird die Baudokumentation durch den Cluny-Stadtprospekt von Louis Prévost (Prévost 1670) mit Perspektivanalyse (Pl. 9.49.5) sowie einen Vorschlag für die Stadtanlage von Freiburg i. Br. (Pl 9.6).

Textkapitel. Die Textkapitel bauen inhaltlich aufeinander auf, sind jedoch so gestaltet, dass die einzelnen Abschnitte in fachüblicher Weise auch zur Gewinnung von Einzelinformationen konsultiert werden können.

Kapitel 1 gibt zunächst den aktuellen Forschungsstand zum mittelalterlichen städtischen Reihenhaus in Cluny wieder, das ab ca. 1150 entstand. Für die Zeit davor hat die Erforschung des Stadthauses in Europa insgesamt bisher nur wenige, meist unsichere, insulare und zertrümmerte Befunde aufzuweisen, doch bieten Ergebnisse insbesondere in Rom und am Oberrhein eine gute Orientierung. Die bisherigen Untersuchungen zu Entstehung und Ausbau von Abtei und Stadt Cluny bis zur Periode Cluny III werden kritisch referiert. Ergebnis ist, dass fast alle vorhandenen Aussagen, die die Stadt Cluny für die Zeit vor 1150 betreffen, hypothetischer Natur sind und aufeinander aufbauen. Die bauarchäologische Kenntnis der Abtei beschränkt sich auf wenige Einzelbauten. Die Interdependenz zwischen der Anlage der Abtei und der Genese von burgus und Stadt Cluny ist kaum erforscht. Die wenigen vorhandenen Schriftquellen mit Informationen zu Gebäuden und Ortsgestalt wurden weitestgehend erschlossen. An ihre Auswertung kann angeknüpft werden.

Die Herangehensweise an das Bauwerk als Quelle ist Thema von Kapitel 2. Mit der vorliegenden Arbeit wurden die steingerechte Dokumentation und die vertiefte bau– und bodenarchäologische Analyse nach dem Vorbild der Antikenforschung in Cluny eingeführt, die dort den Durchbruch der Bauforschung in die Zeit vor 1150 mit sich brachte. Anmerkungen zu den angewandten Methoden gehen auf das Handaufmaß ein, das gerade für den diffizilen mittelalterlichen Profanbau ein unabdingbares Analyseinstrument darstellt. Kritische Anmerkungen betreffen die bisherigen dendrochronologischen Untersuchungsergebnisse, die teils durch methodische Ungenauigkeit fehlerbehaftet sind. Schließlich werden die Möglichkeiten und Grenzen der Auswertung ikonographischer Quellen im Hinblick auf das Thema der hochmittelalterlichen Stadt diskutiert, die die genaue Kenntnis zeitlich entsprechender Bauwerke erfordert. Als Nebenergebnis kann die Datierung des großen Krankenhospizes der Abtei ins 13. Jahrhundert angeführt werden; außerdem wurde der Aufbau der „Gravure Prévost“ (Prévost 1670), der ältesten Gesamtdarstellung von Abtei und Stadt aus dem 17. Jahrhundert, geklärt.

Kapitel 3 beschreibt neuentdeckte, ins späte 11. bzw. die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts datierte, steinerne Saalgeschossbauten. Häuser bzw. Hausfragmente aus dieser Zeit wurden auf den Parzellen 20, rue du Merle, 1–3, rue de la Chanaise und 11–13, place Notre-Dame / 3, rue de la Barre gefunden und dokumentiert. Als Element der Abtei erhöht der „Hôtellerie“ oder „Écuries de Saint Hugues“ genannte Saalbau die Zahl der Untersuchungsobjekte auf vier, die in chronologischer Reihenfolge behandelt werden.

Das auf der Parzelle 20, rue du Merle stehende ‚Haus mit Rundbogentor‘ von 1090/91 (d) (Kap. 3.2 bzw. Pl. 9.79.20) kann als das bislang älteste exakt datierte mittelalterliche Stadthaus Frankreichs gelten. Es wurde bau– und bodenarchäologisch untersucht. Das Haus hat den Grundriss eines exakten Rechtecks, dessen Proportion, Absteckung und Bemessung aus dem Befund heraus erklärt werden. In der Mittelachse seiner Front, die mit einem etwa 30 Grad steilen Giebel rekonstruiert werden kann, steht ein zweiflügliges Rundbogentor, dessen Werksteinbogen Parallelen in den Ostteilen der Abteikirche Cluny III hat. Als Einzelhaus mit Vorhof, einem Obergeschoss und – zu rekonstruierender – Außentreppe geht das Gebäude typologisch der geschlossenen, straßenraumbegrenzenden Reihenhausbebauung voraus, von der es schon seit dem Mittelalter auch überformt wurde. Es stellt die Verbindung zu zeitlich korrespondierenden Häusern, etwa in Freiburg i. Br., her und entspricht dem Phänotyp früh– und hochmittelalterlicher domus solaratae, die in Rom durch die Auswertung notarieller Akte und durch Grabungen festgestellt worden sind. So kann eine europäische Regionen übergreifende Beispielhaftigkeit des Baubefunds bzw. –typus etabliert werden (vgl. Kap. 5).

Im Fall des Hauses 1–3, rue de la Chanaise (Kap. 3.3 bzw. Pl. 9.369.37) wurde im spätromanischen Bestand eine ältere, hochromanische Bauphase festgestellt, die als Saalhaus mit Treppenvorbau in die Reihe der älteren Häuser aufgenommen wurde und bautechnisch, typologisch und stilistisch in die Zeit zwischen ca. 1100 und 1130 datierbar ist. Dieses Gebäude wurde gegen 1200 zu einem Doppelsaalhaus erweitert. Das an exponierter Stelle in einer Straßengabel gelegene Haus bildet einen frühen, seltenen Vergleichsbau nicht nur für die anderen Stadthäuser, sondern auch für die Aula von 1108 (s. u.).

Auf den Parzellen 11–13, place Notre-Dame / 3, rue de la Barre steht der weitgehend erhaltene ‚Saalbau mit hohem Wohnhaus‘ von 1135/36 (d) (Kap. 3.5 bzw. Pl. 9.219.34). Der kombinierte Bautyp entstammt dem Kontext des Hochadels und wurde als früher Hausbesatz der Stadt am Vorplatz der Hauptpfarrkirche des Orts eingesetzt. Dieses zweitälteste datierte mittelalterliche Stadthaus Frankreichs ist das bisher älteste im Aufrechten erhaltene Beispiel des speziellen Bautyps. Seine Größe übertrifft diejenige aller späteren romanischen Häuser Clunys. Dennoch blieb der besondere Bau bis um 1990 vollkommen unbekannt. Die bau– und bodenarchäologische Untersuchung schälte als Ursprungszustand einen Doppelsaalbau mit Treppenvorbau heraus, der als unmittelbares Vorbild für die Ausprägung des städtischen Reihenhauses gelten kann. Das Obergeschoss des Vorbaus bildet ein loggienartiges solarium, das von den in der Hausmitte Seite an Seite angeordneten Sälen aus zugänglich ist. Der Doppelsaalbau ist rückwärtig mit einem viergeschossigen hohen Wohnhaus kombiniert; beide Baukörper stehen auf einem gemeinsamen Sockelgeschoss. Das hohe Wohnhaus ist typologisch dem 45 Jahre älteren Haus von 1091 eng vergleichbar, jedoch ist die Anzahl der Obergeschosse vervielfacht. Nach der detaillierten Erkundung des Baus von 1136 wurden weitere Doppelsaalbauten in Cluny identifiziert, die allerdings nicht zusätzlich mit Rechteckhäusern verbunden sind.

Die symmetrische Anlage und das ausgeklügelte Erschließungssystem im Innern des Hauses von 1136 gehen auf planerische Vorleistungen zurück. Der Bau konnte vom Fundament bis zu den Sparren des Dachstuhls rekonstruiert werden; der breite Saaltrakt bildet das typologische Vorbild für die bekannten spätromanischen Reihenhäuser der Zeit nach 1150. Wie schon beim Haus von 1091 diente das Sockelgeschoss als Keller, Arbeitsraum, zeitweise wohl auch Stall, und der Wohnbereich befand sich in den saalartigen Räumen der Obergeschosse. Weitere Parallelen bilden die Konstruktion aus hammerrechtem Mauerwerk und eine Mönch-und-Nonne-Ziegeldeckung des Dachs, die schon zur Bauzeit gleichartig vorhanden war; Innen– wie Außenwände trugen einen pietra-rasa-Fugenputz. Gegen 1200, teils erst danach, traten Kalkschlämme, Kalkmalerei und deckende Putze auf, die das Hausinnere vom Außenbau differenzieren. Die ersten feststellbaren steinernen Kamineinbauten am Haus von 1136 entstammen derselben Zeit; vielleicht waren vorher einfachere Holz-Lehm-Kamine auch in Steinhäusern üblich. Fenster– und Türblätter waren generell als einfache Klappen konstruiert, die an eingemauerten Eisenangeln hingen. Die Öffnungen kamen ohne Holzrahmen aus. Möglicherweise waren sie am Haus von 1136 seit etwa 1200 teilverglast, denn an Fensterleibungen und angrenzenden Wänden wurde Kalkmalerei aus dieser Zeit gefunden.

Während das Rechteckhaus von 1091, wohl nach dem Vorbild der für Wohnzwecke im 11. Jahrhundert weitaus noch dominierenden, ebenfalls längsrechteckigen Schwellenbauten, keine Fundamentgräben hat, sind diese beim Haus von 1136 bereits konsequent vorhanden, wenn auch das Fundament noch nicht vermörtelt ist. Der beim Bau verwendete Oolith (Jura-Kalkstein) entstammt, wie auch beim Haus von 1091, einem Steinbruch im Gewann La Cras unmittelbar nördlich der Stadt; dort wurde auch das Material für die Abtei extrahiert. Die Mitverwendung im Haus von 1091 von Mikrit und metamorphem Arkose-Material aus Steinbrüchen der näheren Region entspricht ihrerseits den Abteigebäuden, die bis zum Beginn des 12. Jahrhunderts errichtet wurden.

Die so genannten „Écuries“ bzw. „Hôtellerie de Saint Hugues“, das einzige großteils noch aufrecht stehend aus dem Mittelalter überkommene Bauwerk der Abtei, sollte zunächst nur als Vergleichsbeispiel für den fragmentierten Dachstuhl des Saalbaus von 1136 dienen (vgl. Pl. 9.45). Um den Großbau für den Vergleich gebrauchen zu können, wurde eine erneute Untersuchung und Dokumentation notwendig (Pl. 9.35). Diese brachte dann die die Entdeckung der Dominanz der Querachse im Grundriss und die sichere typologische Bestimmung des nach der „Grande Église“ größten hochmittelalterlichen Bauwerks der Abtei Cluny als Aula der Periode III mit sich (Kap. 3.4). Ein Novum bildet außerdem die Feststellung, dass der traufständige Großbau typologisch in enger Verbindung mit den Stadthäusern des 12. Jahrhunderts steht; wie diese hat er ein Sockelgeschoss, ein Saalgeschoss und ein vorgelagertes solarium, das die Treppen zum Obergeschoss enthält (vgl. Kap. 5). Diese Eigenschaften begründen die Einreihung der Aula in die baugeschichtliche Darstellung der vor 1150 datierten Häuser.

Die Untersuchung, Dokumentation und systematische Rekonstruktion der genannten Gebäude macht schließlich auch planungsgeschichtlich verwertbare Daten verfügbar, die grundlegende Aufschlüsse über Planungsweise, Baubemessung und –realisierung der Zeit liefern. Die Ausführungen dazu bilden jeweils einen Abschnitt am Ende der Einzelbeschreibungen (übergreifende Darstellung und Auswertung siehe Kap. 7).

Kapitel 4. Für die angemessene und richtige Darstellung der Häuser der Zeit vor 1150, die die Hauptuntersuchungsobjekte der Abhandlung darstellen, waren Korrekturen an der bisherigen baugeschichtlichen, besonders der chrono– und typologischen Stellung der bekannten romanischen Häuser Clunys vorzunehmen, die nun als Reihenhäuser aus der Zeit zwischen 1150 und ca. 1225 eingeordnet werden können, im Fall der Häuser 1–3, rue de la Chanaise und 6, rue dʼAvril auch als Doppelsaalbauten. Beschrieben werden vorliegend sechs der untersuchten Reihenhäuser, im Einzelnen die Häuser 9, rue du Merle, 15, rue dʼAvril, 10, rue Saint-Odile, 23, rue Filaterie / 1, petite rue des Ravattes, 17, rue de la République und 6, rue dʼAvril (das so genannte „Hôtel des Monnaies“). Für das Haus 1–3, rue de la Chanaise ist die Nachuntersuchung der spätromanischen Befunde (Bauzeit gegen 1200) mit der Beschreibung der neu entdeckten 1. Bauphase (um 1100) verknüpft und erscheint deshalb in Kap. 3. An den meisten Untersuchungsobjekten ermöglichten bauteileingreifende Umbauvorgänge neue Beobachtungen zu Konstruktion und Typologie, daneben konnten erstmals Stratigraphien, darunter eine sukzessive Straßenaufhöhung, dokumentiert werden. Ergebnis ist unter anderem eine neuartige Rekonstruktion der Fassaden mit höher proportioniertem Sockelgeschoss und vertikalerer Proportion als bisher.

Um 1160–80 ist die Entstehung der Häuser 9, rue du Merle (Kap. 4.2 bzw. Pl. 9.38– 9.39) und 15, rue dʼAvril (Kap. 4.3 bzw. Pl.9.409.41) anzusetzen. Es sind die frühesten noch fassbaren Reihenhäuser Clunys. Die bisherige Darstellung des Hauses 9, rue du Merle als romanisches Haus mit zwei Obergeschossen wurde, dem Baubefund von Grund– und Aufriss folgend, auf ein einziges ursprüngliches Obergeschoss hin korrigiert, dessen Firstlinie mittig über dem rückwärtigen Hauptraum des Hauses liegt; das heutige 2. OG stellt eine Aufstockung der Zeit um 1400 unter Wiederverwendung älterer Fensterteile dar. So ergibt sich für den hochmittelalterlichen Bau der Gebäudeschnitt eines Saalhauses mit straßenseitigem Treppenvorbau, der – bis hin zur inneren Erschließung – den Saalhäusern 1–3, rue de la Chanaise (um 1100) und 11–13, place Notre-Dame (1135/36 (d)) entspricht bzw. nachfolgt. Die Nachuntersuchung des Hauses 15, rue dʼAvril erkundete erstmals auch das Innere des Gebäudes vollständig und zeitigte eine Stratigraphie sowohl für das Hausinnere wie auch für die vorbeiführende Straße, deren Anlage der Bauzeit des Hauses zugeordnet werden kann. Die neuartige Rekonstruktion des romanischen Hauses sowie dessen stilistische, typo– und chronologische Einordnung ist mit derjenigen des Hauses 9, rue du Merle fast identisch.

Die dendrochronologische Datierung der Bauzeit des romanischen Stadthauses 23, rue Filaterie (Kap. 4.5 bzw. Pl. 9.44) in die Jahre 1109–49, seit 1988 wichtige Referenz für die zeitliche Einordnung aller romanischen Häuser Clunys, wurde als fehlerhaft erkannt und auf um 1205 (d) korrigiert. Durch diese neue, rund acht Jahrzehnte spätere Datierung erhält die typologische und stilistische Entwicklung des Reihenhauses insgesamt einen Zeitrahmen von hundert Jahren, der sich grosso modo mit dem 12. Jahrhundert deckt. Die Untersuchung von Steinhaus und Dachstuhl schloss die Nachbarparzelle 1, petite rue des Ravattes mit ein und ergab die Zusammenführung der romanischen Bausubstanz beider Parzellen zu einem einzigen, detailliert rekonstruierten Ursprungsbau, dessen Zugang sich auf der Quermittelachse befand. Das Haus liegt am Knotenpunkt mehrerer Straßen sowie dem tangierenden Mühlkanal, auf den der Hausgrundriss ebenso zugeschnitten ist wie auf die das Haus durchquerende Gasse. Sowohl der Kanal als auch die Gasse gehen dem Bau des Hauses zeitlich voraus. Dieser Befund führt mit zu einer neuartigen Sicht auf das Stadtviertel um Saint-Mayeul und ist von höchster Bedeutung für die Erklärung der Stadtentstehung. Das Viertel um Saint-Mayeul kann nun in eine alle Pfarreien der Stadt synchron betreffende Burgus– und Verstädterungsphase einbezogen werden (vgl. Kap. 6). Typo– und morphologisch ist das Haus an einen bereits stark verdichteten, urbanen Kontext angepasst. Die bekannte Ladenöffnung im Erdgeschoss des Ursprungsbaus, der im Spätmittelalter weitere folgten, sowie die Identifizierung des 2. OG als Speichergeschoss führen zur Interpretation als ‚Haus eines Händlers‘, das sich beispielsweise für den Handel mit Textilien eignete.

Das Hinterhaus der Parzelle 10, rue Saint-Odile (Kap. 4.4 bzw. Pl. 9.42) wurde dem Bearbeiter von der zuständigen Denkmalbehörde als Parallelfall zum ‚Haus mit Rundbogentor‘ von 1091 anempfohlen. Die Untersuchung ergab, dass es sich um das ursprüngliche Hinterhaus eines gegenüber dem Haus von 1091 zwar deutlich späteren, jedoch noch romanisches Reihenhauses handelt. Aus Bauteilmaßen des Hauses ergaben sich metrologisch verwertbare Daten.

Im Fall des Hauses 1–3, rue de la Chanaise (Kap. 3.3 bzw. Pl. 9.369.37), dessen Substanz großteils aus der Zeit gegen oder um 1200 stammt, wurde nicht nur die die im Vorabschnitt angesprochene, neu erkannte ältere Bauphase eines Saalgeschosshauses aus der Zeit um oder kurz nach 1100 untersucht, sondern auch der spätromanische Umbau zum Doppelsaalbau dokumentiert. Hierbei wurden im Hofbereich auch archäologische Beobachtungen gemacht, die auf städtebaulicher Ebene bedeutsam sind. Sie stützen die Vorstellung, dass ein präurbaner, in Nord-Süd-Richtung verlaufender Fernverkehrsweg vom Talsaum an die Ostseite des Hauses, das auf halber Höhe liegt, hin verlegt wurde – eine Maßnahme, die die Westerweiterung der Abtei mit der Periode Cluny III begleitete (vgl. Kap. 6). Die Befundbeschreibung des spätromanischen Umbaus ist zur einheitlichen Darstellung des Gebäudes in Kap. 3 enthalten.

Das Saalhausfragment auf der Parzelle 17, rue de la République (Kap. 4.6 bzw. Pl. 9.43) ist als Eckhaus mit Giebel gegenüber dem Haupttor der Abtei von städtebaulicher Bedeutung für die Periode III. Auch dieses Haus aus der Zeit gegen oder um 1200 kann als Saalhaus mit Treppenvorbau beschrieben werden. Eine wesentliche typologische Neuerung stellt die Ausstattung des Treppenvorbau-Obergeschosses mit einem Kamin dar, der die bisher unerklärte Leibungsstärke und die Dreizahl der Erdgeschossarkaden im mur de refend bedingte. Außerdem wurde dieser Kaminsaal jetzt über ein Podest am oberen Ende der Obergeschoss-Zugangstreppe erschlossen, was die Aufwertung des zuvor loggienartigen solarium zu einem repräsentativen, heizbaren, vom Hauptsaal unabhängigen Innenraum bedeutete. Vergleichbar sind Raumdisposition und Erschließung im Doppelsaalbau 6, rue dʼAvril (das so genannte „Hôtel des Monnaies“), dessen Kamin allerdings nicht an eine innenliegende Querwand angelehnt, sondern ostentativ in die Fassade integriert ist (Kap. 4.7).

Die Beobachtungen an den zwischen ca. 1160 und 1225 datierten Häusern zeitigen ein präziseres Bild des romanischen Stadthauses, das sich, europäische Regionen übergreifend, um 1150 als Modelltypus etablierte (vgl. Kap. 5). In vielfacher Hinsicht besteht eine konkrete morpho– und typologische Verbindung zu den älteren, in Kapitel 3 behandelten Objekten. Auch eine stilistische Chronologie der Bauskulptur und –ornamentik ist nun möglich. Es kann eine Entwicklung beschrieben werden, die vom rustikalen Flachrelief am Haus von 1091 über den einfachen Blattvolutenstil des Hauses von 1136 und den reichen, angulären und schweren Ornamentüberzug der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts zu einem mechanisch verkümmerten romanischen Stil um 1200 führt. Danach setzt die kantige, schmuckarme Frühgotik des 13. Jahrhunderts ein, wie sie etwa am Haus 6, rue dʼAvril zu finden ist. Darüber hinausgehend, bilden die Baubefunde die gegenständliche, überprüfbare und ableitungsfähige Basis sowohl für ein präziseres Verständnis von Stadtentstehung und –anlage im Hochmittelalter (siehe Kap. 6, vgl. auch Pl. 9.1 und 9.6) als auch für einen neuartigen planungsgeschichtlichen Erklärungsansatz (Kap. 7).

Kapitel 5 fasst die Genese und Typologie des Stadthauses zusammen und verknüpft diese mit der zeitgenössischen Terminologie. Die Untersuchungsobjekte sind Häuser mit Obergeschoss, die sich als steinerne domus solaratae von der eingeschossigen domus terrinea abhoben, die sie vom 11. bis zum 13. Jahrhundert weitgehend verdrängten. Seit dem Frühmittelalter als einfaches Rechteckhaus oder freistehend konzipierter Saalgeschossbau ausgebildet, wurde die domus solarata ab der Mitte des 12. Jahrhunderts typologisch als städtisches Reihenhaus mit innenliegender Treppe, wie schon im Saalbau mit hohem Wohnhaus von 1136 vorhanden, ausgeformt, das in der Lage ist, eine verdichtete Stadttextur zu bilden. Wie die Entwicklung im einzelnen vor sich ging, kann befundhaft am Beispiel Cluny erstmals umfassend und detailliert dargestellt werden. Die frühen Saalgeschossbauten mit Treppenvorbau (Kap. 5.2) werden als Modell für die Reihenhäuser der Zeit nach 1150 (Kap. 5.3) übernommen. Ähnlich verläuft die typologische Entwicklung in Freiburg i. Br., wo um 1140 ein erstes Reihenhauses an ein freistehendes Nachbarhaus angebaut wurde; auch in Rom verläuft die von Étienne Hubert aus notariellen Akten extrahierte typologische Entwicklung mit Cluny parallel und zeitlich genau übereinstimmend. So wird neben der Neuartigkeit der Typologie auch deren europäische Regionen übergreifende Bedeutung fassbar. Eine Schlüsselrolle in der typologischen Entwicklung spielte ein Bauglied, das mit dem in den oben angesprochenen stadtrömischen Urkunden zentralen Begriff solarium bezeichnet wird und der domus solarata, dem Wohnhaus mit Obergeschoss(en), den Namen gab (Kap. 5.4). Zunächst bezeichnet das solarium allgemein das durch Fenster nach draußen geöffnete Obergeschoss eines Hauses. Des Weiteren ist darunter das mit Arkadenfenstern ausgestattete, loggienartige Obergeschoss eines Treppenvorbaus zu verstehen, das die typologische Entwicklung des Stadthauses vom älteren Solitärbau zum urbanen Reihenhaus der Zeit um 1200 begleitete. Es stellte das markanteste, von der Straße aus sichtbares Kennzeichen des Stadthauses dar. Gegen Ende des 12. Jahrhunderts erhielt es eine vom Hauptraum des Hauses unabhängige Erschließung und einen Kamin. Dadurch wurde es zum hellen und heizbaren, komfortablen und auch nach außen hin repräsentativen Wohnraum aufgewertet, mithin das Piano nobile initiiert. Am Ende des Kapitels wird die typologische Einordnung der „Écuries“ bzw. „Hôtellerie de Saint Hugues“ als Aula der Abtei III von 1107/08 (d) auf der Basis der Fensterverteilung begründet, die auf die Dominanz der Querachse hinweist. Über den Systemschnitt des Gebäudes mit Treppenvorbau und solarium, Sockel– und Saalgeschoss wird die konzeptionelle Vergleichbarkeit mittelalterlicher palatia mit den Stadthäusern des 12. Jahrhunderts aufgezeigt. Anhand der typologischen Gemeinsamkeiten wird deutlich, warum die Begriffe domus und palatium im Hochmittelalter oftmals austauschbar gebraucht wurden.

Kapitel 6. Siedlungsgeschichte und Stadtanlage von Cluny sind das zweite Hauptthema der Abhandlung. Erstmals wird eine umfassende Darstellung der Stadtentstehung von Cluny auf bauliche Zeitzeugen gestützt. Sämtliche greifbaren Bauwerke der Zeit bis um 1200 wurden katasterscharf kartiert und in die Topographie des Orts eingebettet (Kap. 6.2 bzw. Pl. 9.1). Auf dieser Grundlage wurde ein neuer Ansatz der Siedlungs– und Stadtentstehung in enger Relation zur Topographie entwickelt, der zahlreiche Einzelbeobachtungen, von römischen Funden bis zum Bau der Stadtmauer um 1200, strukturell vereint. Er wurde an den vorhandenen Quellen zur Stadtentstehung kritisch überprüft und überwindet die bisherigen Hypothesen einer polyzentrischen Siedlungsentwicklung einschließlich der verbreiteten Vorstellung einer Verlagerung des Grosne-Flussbettes zugunsten eines zentralen Siedlungskerns („villa Cluniacum“), der auf keltische oder gallorömische Ursprünge zurückblickt und am Talausgang des Bachs Médasson zwischen Hügelland und Talboden der seit historischer Zeit an gleicher Stelle verlaufenden Grosne liegt (Kap. 6.3 und 6.4). An diesem Siedlungskern wurde um 910 auch die Abtei gegründet. Die Stadt entstand durch den Ausbau der Siedlung zusammen mit der kolossalen Abtei Cluny III über die Zwischenstufe eines zwischen 1094 und 1166 – neben villa – mehrfach nachrichtlich so bezeichneten burgus, der erst gegen 1200 weitläufig ummauert wurde. Die Westerweiterung der Abtei überbaute um 1100 einen Teil der Siedlung und veränderte die topographisch vorgegebene ältere Wegeführung. Zwischen 1050 und 1150 wurden erste steinerne domus solaratae gebaut. Ab der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts fand eine systematische Erweiterung des vorhandenen Straßen– und Kanalnetz mit über längere Strecken geradlinigen, teilweise rechtwinklig aufeinander stehenden Achsen statt; dies kann als Vorstufe der Planstädte des 13. Jahrhunderts angesehen werden. Die Entwicklung des städtischen Reihenhauses fiel in dieselbe Zeit. Die zahlreichen repräsentativen Neubauten scheinen zuvorderst der sich gegen 1150 etablierende Klasse der meliores burgenses zuzuordnen zu sein, die sich aus den reichsten Kaufleuten des Orts konstituerte und gesellschaftlich zwischen Rittern und Bauern stand.

Kapitel 7. Planungsgeschichtliche Ergebnisse bilden den Schluss der Abhandlung. Während die Herleitung von Bauproportion und –dimensionierung der untersuchten Einzelbauten in der jeweiligen Baubeschreibung untergebracht ist, wurden die erkannten Systeme in Kapitel 7 zusammengefasst. Als in Cluny um 1100 verwendetes Grundmaß erscheint ein Werkschuh mit ca. 0.31,5 m Länge, der im Verhältnis 1:10 zur Messrute (pertica in Kongruenz mit decempeda) steht und die bisher verbreitete Annahme eines „römischen“ Fuß von 0.29,5 m Länge ablöst. Die genaue Kenntnis hochmittelalterlicher Architektur führte zu Rückschlüssen auf ein zeitgebundenes Raum(ordnungs)verständnis und auf eine spezifische Vorgehensweise bei der Konzeption und Realisierung von Bauwerken. Dies ermöglichte die Interpretation einer bedeutenden Schrift– und Bildquelle, deren planungsgeschichtlich relevante Informationen mit einem Mal lesbar wurden: Die technischen Angaben der Manuskriptseite Paris, B.n.F., Ms lat. 17716, fol. 43r mit der Gründungslegende von Cluny III aus der Hugo-Vita des Gunzo, die als „monument de l’historiographie clunisienne“3 bekannt ist, wurden neu übersetzt, Miniaturen und Text komplementär neu interpretiert (Kap. 7.2). Es zeigte sich, dass die bildlich dargestellte Seilverspannung ein Quadratraster bildet, wie es auf Basis der pertica an der Aula von 1108 und anderen Bauten erschlossen wurde, und dass der Protagonist Gunzo bei der Übermittlung des Bauentwurfs an den Abt das Fußmaß als zentrale, vielleicht maßstäblich gemeinte Geste einsetzt (vgl. Titelbild). Der Text enthält vorrangig den Hinweis auf longitudo und latitudo des Bauwerks, die unter dem Begriff der dimensio subsumiert werden; das Aussehen des Baus bleibt Nebensache. Abgesehen von der Durchsetzung der schieren Größe des tatsächlich realisierten Bauprojekts, wäre ein Grund für den Vorrang der dimensio unter den Angaben des Textes, dass die pragmatische Bemessung eines geplanten Baus, wie hier mittels eines aufgeschnürten Rasters, als Leistung sine qua non die Baukunst selber repräsentieren konnte – sie wurde der Darstellung beispielsweise einer visionären Ansicht des zu errichtenden Bauwerks vorgezogen. Im Verein mit der Textinformation des Manuskripts entspricht diese ikonographische Spezialität der Beobachtung, dass in der Praxis sowohl beim Hausbau als auch bei der Stadtanlage von Anfang an und ganz vorrangig mit gleichartigen Längenmaßen und parallelen bzw. rechtwinkligen Strecken operiert wurde.

Ausgehend von den in Cluny erschlossenen geometrischen Verfahren und spezifischen Praktiken bei Planung und Bauumsetzung, wurde ein einfacher Vorschlag für die hochmittelalterliche Stadtanlage von Freiburg i. Br. entwickelt, der die topographischen Bedingungen und eine nachweislich vorhandene Vorsiedlung in ökonomischer Weise einbindet. Eine solche Raumordnung entspricht dem Geist der römischen Feldmesser, deren Kompendium zur fraglichen Zeit im Untersuchungsgebiet das Zentrum seiner Verbreitung fand. Die Rezeption von Teilen des Corpus agrimensorum als einziger umfassend tradierter Quelle für die hochmittelalterliche Raumordnung, beispielsweise Frontins, wird vor dem Hintergrund der relativ geringen Leistungsfähigkeit der Zeit um 1100 auf den Gebieten der Geometrie und Arithmetik durch den Vergleich von Planungs– und Bauergebnissen zu Haus und Stadt erklärlich und wahrscheinlich (Kap. 7.3). Der Vergleich der Untersuchungsergebnisse mit der antiken Überlieferung ergibt Aufschlüsse über deren Rezeption im Hochmittelalter, die von den Längeneinheiten und deren Systematik bis hin zur Raumordnung auf der Ebene des Bauwerks wie auch der städtischen Ansiedlung reicht. Gerade aber die Systematik großflächiger Koordinatennetze und deren exakte Rechtwinkligkeit, an der die heutige Wahrnehmung die Agrimensoren identifiziert und ihre Leistung zuvorderst misst, wurde im Mittelalter bis um 1150 nicht umgesetzt. Es sind dagegen die Bedürfnisse einfacher Anwendbarkeit und möglicherweise die Legitimation der Inbesitznahme von Siedlungs– und Baugrund nach überliefertem Muster, die die größere Rolle spielten. Die offenkundig praktizierte Berücksichtigung der Natur des Orts und bestehender Strukturen wird von den Agrimensoren vorgegeben und beispielhaft illustriert. Dies alles rückt die Stadtanlagen der Zeit um 1100 an die spätrömische Praxis heran, in vielem näher als spätere Idealstadtkonzepte, und das langfristige Bestehen hochmittelalterlicher Städte scheint maßgeblich in antikem Bauwissen begründet zu sein.

8.3 Résumé

C’est à Cluny que l’auteur a identifié et documenté les deux plus anciennes maisons romanes urbaines datées avec certitude en France, qui remontent aux années 1091 et 1136, ainsi que des fragments de maisons comparables (cf. chap. 3). Leur classification dans l’archéologie monumentale les constitue en référence fondamentale pour la recherche sur la genèse de la ville médiévale européenne. Il s’agit de bâtiments avec salle(s) à l’étage, de typologie plutôt pavillonnaire, simple ou complexe, qui servaient de modèle et de point de départ pour le développement de la maison urbaine alignée en front de rue. Ceci signifie d’abord qu’un tissu urbain à maisons densément alignées peut conserver en son sein des fragments d’une architecture antérieure relevant d’une typologie différente. La seule façon d’obtenir une évaluation certaine d’un substrat, dont on soupçonne qu’il recèle de tels fragments, est de documenter et d’analyser ceux-ci dans le cadre de monographies d’archéologie monumentale très minutieuses (cf. chap. 2 et plans-relevés chap. 9). À Cluny, les résultats ont aussi permis de préciser et de corriger la perception de la maison romane dite « classique » (cf. chap. 4) et du contexte de l’abbaye. La ‹ maison d’un marchand › (chap. 4.5),4 autour de 1208, et l’aula imperialis de Cluny III (chap. 3.4), datant de l’an 1108, en sont des exemples. Après leur nouvelle classification et datation, les deux monuments pourront constituer des références fondamentales.

Du point de vue de l’histoire de l’urbanisme, les maisons étudiées permettent de conclure que la ville européenne était composée d’édifices espacés, lors de sa renaissance au Moyen Âge. À partir du milieu du XIIe siècle, l’urbanisation densifiée commençait à prendre tournure, grâce au développement d’un type de maison alignée en front de rue (cf. chap. 5, typologie). Jusqu’aux alentours de l’an 1100, la présence d’un étage ou solarium – d’où le terme domus solarata, désignant la maison pourvue d’un ou plusieurs étages dans les sources écrites – représente une véritable particularité rappelant un contexte féodal. L’étage commence par prédominer dans le tissu urbain à partir du milieu du XIIe siècle (cf. chap. 5.4). C’est le moment où les meliores burgenses, marchands qui n’étaient pas membres de la noblesse, adoptent et multiplient le modèle de la domus solarata. En ce qui concerne géométrie et dimensionnement de l’architecture étudiée, des éléments constituants ont été décelés. L’évaluation de l’impact de ces données sur une conception de l’aménagement de l’espace à cette époque, ainsi que la répartition des maisons étudiées dans la ville, servent de point de départ pour établir la conception et l’implantation de structures urbaines à Cluny, en même temps que le chantier de la période Cluny III. Pour la première fois, l’interprétation de la genèse de la ville de Cluny est basée sur des maisons datées autour de 1100 (chap. 6).

Les résultats concernant typologie, projection, dimensionnement et exécution amènent à considérer les monuments analysés comme des documents historiques de premier ordre et des clés du monde intellectuel et mental d’une époque plutôt pauvre en sources. Sur cette base, de nouvelles interprétations de sources écrites et iconographiques deviennent possibles, voire nécessaires (cf. chap.  6 et  7). L’analyse du manuscrit Paris, B.n.F., Ms lat. 17716, fol. 43r (Gilo 1200, le rêve du moine Gunzo; chap. 7.2) ainsi que la comparaison des résultats susmentionnés avec des informations détaillées données par le Corpus agrimensorum (chap. 7.3) constituent deux exemples d’approche qui rapportent de nouveaux aspects de la maîtrise technique et intellectuelle de l’espace après l’an Mil.

Fußnoten

Vgl. Flüge 2011 (ergebnisabsichernde Zusammenfassung).

Vgl. Flüge 2013 (ergebnisabsichernde Zusammenfassung in englischer Sprache).

Résumé en langue française de l’étude de la maison 23, rue Filaterie : voir (chap. 4.5.6, p. ).