4 Fokus: Keilschriftliche Quellen zu Architektur und Bauwesen

Markus Hilgert

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4.1 Einführung

4.1.1 Eine keilschriftliche Monographie des altorientalischen ‚Bauwesens‘? – Epistemologische Prolegomena

Am Beginn dieser erkenntnis- und methodenkritischen Bestandsaufnahme muss eine einfache Feststellung stehen, die in ihrer Grundsätzlichkeit jedoch unmittelbaren Einfluss hat auf alles, was sich aus Sicht der altorientalischen Philologie über keilschriftliche Quellen zu ‚Architektur und Bauwesen‘1 sowie über die forschungsstrategischen Leitlinien ihrer Analyse sagen lässt. Diese lapidare Feststellung lautet: Die überaus reiche2, inhaltlich stark diversifizierte keilschriftliche Überlieferung des antiken Zweistromlandes und der daran angrenzenden Gebiete, die sich nahezu kontinuierlich über einen Zeitraum von mehr als 3.500 Jahren hinweg verfolgen lässt, umfasst keine monografische, enzyklopädische Darstellung des ‚Bauwesens‘.

Dies liegt vermutlich weder an einer zufälligen Überlieferungslücke noch an der vermeintlichen Geringschätzung dieses speziellen, herrschaftsideologisch und theologisch so bedeutsamen Wissens- und Praxisbereiches durch altorientalische Gelehrte3, sondern vielmehr daran, dass die Keilschrifttexte Mesopotamiens – ganz gleich, ob es sich um sogenannte ‚Alltagstexte‘ wie Urkunden und Privatbriefe oder ‚wissenschaftliche‘ und ‚literarische‘ Kompositionen im weitesten Sinne handelt – üblicherweise weder auf die ihnen zugrundeliegenden epistemischen und methodischen Prämissen reflektieren noch das Bestreben erkennen lassen, einzelne Wissensbereiche in schriftlicher Form umfassend, systematisch und methodenkritisch zu explizieren. Ebenso wenig, wie wir also beispielsweise altorientalische ‚Handbücher‘ zu Organisation und schriftlicher Dokumentation zeitgenössischer Verwaltungspraktiken kennen, fehlt es uns an keilschriftlichen Traktaten, die die epistemischen Voraussetzungen, die hermeneutischen Prinzipien oder gar die Konventionen der internen Strukturierung und schriftlichen Repräsentation von sogenannten ‚lexikalischen Listen‘ oder Vorzeichenkompendien theoretisch begründen und systematisch erläutern würden, obschon diese beiden letzteren Textsorten zu den zentralen Bestandteilen der gelehrten keilschriftlichen Überlieferung des ausgehenden zweiten und ersten Jahrtausends v. Chr. zählen. Mit anderen Worten: die etwa für unsere eigene Wissenskultur charakteristische, explizite und schriftlich fixierte Reflexion auf Prämissen, Methoden und Inhalte epistemischer Praktiken ist für die Wissenskulturen altorientalischer Gesellschaften nicht nachzuweisen.

Der Altorientalist Niek Veldhuis hat in diesem Zusammenhang und unter Bezugnahme auf Geoffrey E. R. Lloyd darauf hingewiesen, dass die gelehrte keilschriftliche Texttradition damit gerade auch der wissenschaftlichen Überlieferung des griechischen Altertums nahezu diametral gegenübersteht. Seine Überlegungen gipfeln in folgendem prägnanten Resümee:

„As customary in cuneiform scholarly literature, Tintir [ein lexikalisches Kompendium topografischen Inhalts] does not describe its own method, or the basic assumptions on which it is based. Nor do we find polemics against alternative interpretations. The argumentative or foundational aspect of knowledge is at most at the periphery of what is being put to writing. This scholarly use of literacy differs considerably from the one in classical Athens. G. E. R. Lloyd summarized his lucid characterization of Greek science in four points: 1. the interest in fundamental issues and second-order questions; 2. the challenging of basic assumptions, even to the point of generalised scepticism; 3. ‚an argumentative, competitive, even combative quality, reflected not only in the rejection of rivals‘ views, but also in over-sanguine self-justifications‘; and 4. pluralism.4 The Mesopotamian scholarly tradition may be described as almost point by point the exact opposite. Even though the lists and omen collections may include different, in our eyes sometimes mutually exclusive, explanations of the same data these are peacefully listed side by side. There is no trace of scepticism, of pluralism, no ardent discussions, and no questioning of the fundamental assumptions underlying the scholarly business.“5

Lloyd selbst charakterisiert den Beitrag, den die antike griechische Wissenschaft im Vergleich zu den praktischen Leistungen Ägyptens und Mesopotamiens auf den Gebieten der Astronomie, Mathematik und Medizin leistet, in ganz ähnlicher Weise:

„In astronomy, mathematics and medicine, the Greeks preeminently bring into the open and discuss second-order questions concerning the nature of the inquiry itself. Much as the Egyptians and Babylonians contributed to the content of these studies, the investigations only acquire self-conscious methodologies for the first time with the Greeks.“6

Dies ist nicht der Ort, um der Frage nachzugehen, wie die basalen Differenzen zwischen epistemischen Praktiken und ihrer schriftlichen Repräsentation in altorientalischen Gesellschaften und denjenigen anderer Wissenskulturen en détail zu begründen sind und in welchen Phänomenen sich diese wissenskulturellen Differenzen konkret äußern. Festzuhalten ist allerdings, dass diese Differenzen keinesfalls das Ergebnis eines präsupponierten qualitativen Unterschieds zwischen vermeintlich ‚vor- wissenschaftlichen‘, ‚primitiven‘ epistemischen Praktiken einerseits und einer auf der antiken griechischen beruhenden, ‚modernen‘ Wissenschaft andererseits sind.7 Vielmehr äußern sich in ihnen lediglich differierende Konzeptualisierungen von sowie Bedeutungszuschreibungen an Wissen und, dadurch bedingt, voneinander abweichende epistemische Praktiken.8

Dass es im Falle derjenigen Komplexe von Praktiken, die wir heute auch als epistemisch distinkte ‚Praxisfelder‘ behandeln und mit den Begriffen ‚Architektur‘ und ‚Bauwesen‘ kennzeichnen, in den altorientalischen Gesellschaften offensichtlich nicht einmal den Versuch einer zumindest basalen Sammlung und Strukturierung relevanter Wissenseinheiten in einem allein diesem Gegenstand gewidmeten Werk gegeben hat, während solche Bemühungen für andere Praktikenkomplexe (z. B. ‚medizinisch-magische Praxis‘, ‚kultisch-religiöse Praxis‘, ‚Vorzeichenkunde‘, ‚Pflanzenkunde‘, ‚Mineralienkunde‘, ‚Schrift- und Sprachenkunde‘) durchaus nachzuweisen sind, ist allerdings auffällig. Diese Tatsache könnte einerseits damit zu begründen sein, dass der schriftlichen Repräsentation als Medium der Speicherung und Weitergabe von Wissen im Praktikenkomplex ‚Architektur und Bauwesen‘ gerade auch im Vergleich mit anderen Formen der Repräsentation von Wissen (z. B. mündliche Explikation, bildliche oder praktische Illustration) keine oder lediglich eine untergeordnete handlungsrelevante Bedeutung zugeschrieben wurde.

Andererseits ist mit gutem Grund zu vermuten, dass die in unserer eigenen Wissenskultur übliche Segmentierung von Wissensbeständen und Praktiken in vielfach curricular vermittelte und disziplinär verfasste ‚Felder‘ bzw. Fächer sowie die ihnen zugrundeliegenden, kulturell und historisch spezifischen Bedeutungszuschreibungen sich grundlegend von denjenigen unterscheiden, die in den Gesellschaften des Alten Orients vorgenommen wurden. Im Falle der Wissensbestände und Praktiken, die wir heute dem Feld ‚Architektur und Bauwesen‘ zuordnen, könnte die gegenwärtig vorliegende Textevidenz dahingehend gedeutet werden, dass sie als integrierte Bestandteile mehrerer verschiedener, jeweils weit verzweigter Komplexe von Praktiken verstanden wurden, die einen gänzlich anderen, aus heutiger Sicht vielleicht geradezu inhomogen bzw. ‚multidisziplinär‘ erscheinenden Zuschnitt besaßen und die jeweils ein diversifiziertes Spektrum an ineinander greifenden Wissensbeständen und Praktiken in sich vereinten, die etwa in unserer eigenen Wissenskultur strikt voneinander getrennt sind.9Keilschrifttexte des 1. Jahrtausends v. Chr., die auf eine Korrelation ‚mineralogischer‘, ‚botanischer‘, ‚astronomisch-astrologischer‘ und ‚medizinischer‘ Wissensbestände zu einem in der Altorientalistik als „medizinische Astrologie“ oder „astrologische Medizin“ bezeichneten therapeutischen System schließen lassen, erörtert Heeßel 2005. Ein augenscheinlich vergleichbares epistemologisches Konzept liegt der Tafel SpTU 4, 159 zugrunde, die Teile der im Rahmen der Eingeweideschau inspizierten Leber des Opfertieres jeweils mit einer Gottheit, einem Monat und einer Sternkonstellation und bzw. oder einem Planeten in Beziehung setzt; siehe dazu Koch 2005, 29–31.

Ein derart komplexes, ‚multidimensionales‘ Geflecht von Praktiken, in das Wissensbestände und Praktiken des Bauens geradezu ‚organisch‘ integriert waren, könnte man unter dem Rubrum ‚Herrschaft‘ – d. h. die vielfältigen Praktiken der Ausübung, Repräsentation, Legitimation und Affirmation von Herrschaft – subsummieren. Andere Praktiken-Geflechte, in die Praktiken des Bauens fest eingebunden waren und die sich abschnittsweise gegenseitig sowie mit dem gerade genannten überschneiden konnten, sind ‚Kult‘, ‚Ressourcenverwaltung‘ und ‚Siedeln‘.10

In dem Maße, in dem innerhalb dieser vergleichsweise ‚großflächigen‘ Geflechte von Praktiken schriftliche Repräsentationen entstanden, die sich auf die in diesen Geflechten hervorgebrachten Praktiken bezogen, konnten auch Darstellungen von Wissensbeständen und Praktiken aus dem Bereich ‚Architektur und Bauwesen‘ schriftlich fixiert werden. Allerdings geschah dies wohl nur dann, wenn solchen Darstellungen eines bestimmten Abschnitts des Praktiken-Geflechts eine besondere Bedeutung für die schriftliche Repräsentation dieses Geflechts insgesamt zugeschrieben wurde.

Vor dem Hintergrund dieser Zusammenhänge sollte also das Fehlen einer altorientalischen ‚Architekturmonographie‘ keineswegs überraschen. Dies bedeutet allerdings nicht, dass die keilschriftlichen Quellen des antiken Zweistromlandes keinen Beitrag zu der übergeordneten Zielsetzung einer interdisziplinären ‚Wissensgeschichte der Architektur‘ leisten könnten. Denn eine entsprechende Sondierung des auf uns gekommenen altorientalischen Schriftguts zeigt, dass hoch spezialisiertes Wissen im Bereich ‚Architektur und Bauwesen‘ durchaus schriftlich fixiert wurde, allerdings in jeweils ganz unterschiedlichem, bisweilen auch unerwartetem Kontext. Dies soll im Folgenden demonstriert werden.

4.1.2 Forschungsstrategische Konsequenzen

Diese prinzipiellen, epistemologischen Überlegungen wurden der hier versuchten Bestandsaufnahme keilschriftlicher Quellen zu Architektur und Bauwesen vorangestellt, weil sich daraus eine einfache Forschungsstrategie im Umgang mit der verfügbaren Evidenz ergibt: In Ermangelung einer entsprechenden, keilschriftlich überlieferten Gesamtdarstellung sowie eines klar zu umreißenden, thematisch einschlägigen Textkorpus, das speziell zu diesem Zweck konsultiert werden könnte, muss einer ‚Wissensgeschichte der Architektur‘ nach den altmesopotamischen Schriftzeugnissen die denkbar breiteste Quellenbasis zugrundeliegen, sowohl in thematischer als auch in formaler Hinsicht. Es gilt demnach, möglichst unvoreingenommen das Schrifttum des antiken Zweistromlandes allgemein danach zu befragen, wo sich Wissen über Architektur bzw. über die Praktiken, die Architektur hervorbringen, manifestiert.

Folgt man diesem Grundsatz, so wird man – dies sei hier vorweggenommen – in Segmenten der keilschriftlichen Überlieferung fündig, deren schiere Zahl ebenso wie ihre formale und inhaltliche Bandbreite überraschen, so etwa in den frühesten Formen einiger Keilschriftzeichen, in der Metaphorik sumerischer Dichtungen, in sumerischen Eigennamen aus dem dritten Jahrtausend v. Chr., in akkadischen Vorzeichenkompendien aus dem späten zweiten und ersten Jahrtausend v. Chr., in Beschwörungen gegen unheilbringende Mächte, in Ritualvorschriften, in Urkunden diverser Gattungen, in den Formeln, die zur Kennzeichnung von Regierungsjahren dienten, oder in den sehr zahlreich auf uns gekommenen Inschriften altorientalischer Herrscher, um nur einige wenige Beispiele zu nennen.

Es versteht sich dabei von selbst, dass bezogen auf das spezifische Erkenntnisinteresse des Fragenden nicht alle prinzipiell einschlägigen Quellen dasselbe Maß an Relevanz besitzen. So ist etwa festzustellen, dass der erste Abschnitt der zweisprachigen, sumerisch-akkadischen Beschwörungsserie „sag-ba ‚Bann!‘“, die der Abwehr böser Dämonen gilt und ausschließlich durch Manuskripte aus dem ersten Jahrtausend v. Chr. überliefert ist11, zwar einen wahren Schatz an akkadischen und sumerischen Termini der zeitgenössischen Hausarchitektur bereithält, jedoch – der Intention und Funktion des Werks entsprechend – keine Angaben darüber macht, welche Bauweise und Maße beispielsweise das mehrfach erwähnte (Schilf-) „Rohrgeländer am Dach“12 (akkadisch gisallû(m)) gewöhnlich aufwies.

Im Unterschied dazu belehrt uns ein umfangreiches, abgeschlossenes Korpus Ur III-zeitlicher Verwaltungsurkunden über einzelne Arbeitsschritte in der Produktion von Lehmziegeln zum Bau einer gewaltigen Befestigungsanlage (sumerisch bad3), über die Zahl und hierarchische Organisation der Arbeiter, die mit der Ziegelproduktion betraut waren, über ihr Tagespensum und ihre Entlohnung sowie über die jeweilige Menge von Lehmziegeln, die namentlich genannte Trägerinnen pro Tag über eine bestimmte Distanz hinweg beförderten.13 Wenig Spezifisches ist diesen Texten dagegen etwa im Hinblick auf die beim Bau verwendeten Werkzeuge und Hilfsmittel14 oder die Praktiken und Artefakte der Bauplanung zu entnehmen. Welche methodischen Konsequenzen die an diesen Beispielen illustrierte, prinzipielle inhaltliche Limitierung keilschriftlicher Einzelquellen sowie formal und inhaltlich homogener Textgruppen für die Erforschung des altorientalischen Bauwesens hat, soll in Abschnitt 4.2.2 thematisiert werden.

4.2 Forschungspragmatische Strukturierung der Evidenz

Dem Reichtum und der Vielfalt keilschriftlicher Quellen zu ‚Architektur und Bauwesen‘ auch nur annähernd gerecht zu werden, ist im Rahmen dieses Beitrags selbstredend nicht möglich. Auch eine bloße Auflistung all derjenigen Texte und Textgruppen, die in diesem Kontext eine wie auch immer geartete Relevanz besitzen mögen, erscheint weder sinnvoll noch praktikabel. Vielmehr soll im Folgenden der Versuch unternommen werden, wichtige übergreifende Charakteristika des verfügbaren Quellenmaterials herauszuarbeiten, kritisch zu bewerten und nach den forschungspraktischen und methodischen Konsequenzen zu fragen, die sich aus dieser Bewertung für die noch zu schreibende ‚Wissensgeschichte der altorientalischen Architektur nach keilschriftlichen Quellen‘ ergeben. Um eine zumindest basale, forschungspragmatisch begründete Strukturierung der verfügbaren Evidenz zu gewährleisten, werden die keilschriftlich fixierten Äußerungen altorientalischen Wissens im Bereich ‚Architektur und Bauwesen‘ unter folgenden inhaltlichen Aspekten betrachtet:

1Wahrnehmung von Architektur und Bauwesen durch den Menschen;

2Lexik und Idiomatik im Bereich ‚Architektur und Bauwesen‘;

3Praktiken im Bereich ‚Architektur und Bauwesen‘;

4die kosmologische, theologische und ideologische Dimension von ‚Architektur und Bauwesen‘.

4.2.1 Wahrnehmung von Architektur und Bauwesen durch den Menschen

Wollte man eine umfassende Wissensgeschichte der Architektur und des Bauwesens nach den keilschriftlichen Quellen schreiben, so müsste man sich wohl zunächst sehr allgemein fragen, wo die Wahrnehmung von Architektur und Bauwesen durch den Menschen ihren schriftlichen Niederschlag gefunden hat. Denn auf diese Weise ließen sich alle in diesem Zusammenhang prinzipiell relevanten Schriftzeugnisse identifizieren, von Eigennamen aus drei Jahrtausenden, die Bauwerke erwähnen, über lexikalische Listen und Baurituale bis hin zu mythisch-epischen Dichtungen wie etwa dem sogenannten Weltschöpfungsepos Enūma eliš.15 Eine detaillierte Auflistung dieser Texte bzw. Textgruppen ist an dieser Stelle nicht notwendig, denn die überwiegende Mehrzahl der Quellen kann auch unter einem oder mehreren der drei folgenden inhaltlichen Aspekte betrachtet und jeweils in diesem Zusammenhang besprochen werden.

Tatsächlich gibt es m. W. nur eine Quellengattung, die ausschließlich hier einzuordnen ist. Dabei handelt es sich um proto-keilschriftliche Piktogramme aus dem späten vierten und frühen dritten Jahrtausend v. Chr., die ursprünglich etwa Bauwerke, Bauteile oder Siedlungen darstellen. Ich denke an Zeichen wie beispielsweise E2 „Haus“, das grafisch davon abgeleitete KA2, „Tür, Tor“, AB „Heiligtum (?)“, BAD3 „Mauer“, KISAL „(umbauter, eingegrenzter) Hof“, NISAG „Schilfrohrhütte“, URU bzw. IRI „Stadt“ etc.16 Auch wenn die Identifikation der mitunter offenbar stark abstrahierenden Ideogramme mit dem dargestellten Objekt nicht immer evident ist, könnten sie doch beispielsweise Aufschluss über frühe Bauformen oder gar die zeitgenössischen Konventionen der bildlich-abstrahierenden Repräsentation von Architektur geben. Monografische Untersuchungen in diesem Bereich sind ein Desiderat der altorientalistischen Forschung.

4.2.2 Lexik und Idiomatik im Bereich ‚Architektur und Bauwesen‘

Der zweite Aspekt, unter dem keilschriftlich fixiertes Wissen im Bereich ‚Architektur und Bauwesen‘ betrachtet werden kann, ist die Lexik bzw. Idiomatik. Einschlägig sind in dieser Hinsicht sämtliche Schriftzeugnisse, die Elemente der altorientalischen Architektur- und Bauterminologie enthalten. Dabei soll die Kategorie ‚Architektur- und Bauterminologie‘ so weit gefasst sein, dass darunter nicht nur Namen und Bezeichnungen von Bauwerken, Bautypen, Bauteilen oder Baumaterialien subsummiert werden können, sondern etwa auch Berufs- und Amtstermini für die im Bauwesen tätigen Personen, Ausdrücke für die verwendeten Werkzeuge, Baustellengeräte und sonstigen technischen Hilfsmittel, Längen-, Maß- und Gewichtseinheiten sowie Begriffe aus den Bereichen der Bauplanung, -organisation, -logistik und -ausführung, die mentale und praktische Aktivitäten bzw. Prozesse beschreiben.

Das Korpus keilschriftlicher Quellen, in denen sich Elemente einer so umfassend verstandenen Bauterminologie nachweisen lassen, ist grundsätzlich überaus reichhaltig.17 Allerdings besitzen nicht alle Schriftzeugnisse dieselbe Relevanz bzw. Aussagekraft. Dabei sollen zunächst diejenigen Textgruppen in aller gebotenen Kürze behandelt werden, denen in diesem Zusammenhang ein höherer Stellenwert zukommt. Naturgemäß denkt man dabei vor allem an die diachrone Überlieferung der sogenannten ‚lexikalischen Listen‘, auch wenn wir bislang kein keilschriftliches Listenwerk kennen, in dem ausschließlich Termini im Bereich ‚Architektur und Bauwesen‘ kompiliert sind. Mehrere der im ersten Jahrtausend in weitestgehend standardisierter Form tradierten, ein- oder mehrsprachigen Wortlisten bieten jedoch vereinzelte Abschnitte bzw. Passagen, die dieser Thematik zugeordnet werden können. Zu nennen wären hier beispielsweise die Serien „ka2-gal: abullu“ („Großes Tor: Stadttor“) zusammen mit dem ‚Vorläufer‘ Proto-Kagal sowie der Boghazköy-Rezension;18 „igi-du8-a: tāmartu“ („Sehen: Besuchsgeschenk“)19 „sig7-alan: nabnītu“ („Erschaffung: Gestalt“) (Finkel 1982), der 21. und 22. Abschnitt der großen thematischen Wortliste „ur5-ra: hubullu“ („Verzinsliche Schuld“) mit Vorläufern, verwandten Texten und dazugehörigen Kommentaren20 sowie im weiteren Sinne etwa die sogenannten ‚Tempellisten‘21, das sogenannte ‚Götteradressbuch von Assur22 oder das topografische Kompendium „TIN.TIR: Babilu“ („Babylon: Babylon“).23

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang gerade eine Passage aus dem zehnten Abschnitt der bereits erwähnten Serie „ur5-ra: hubullu“, der ausschließlich dem Material Lehm bzw. Ton sowie daraus hergestellten Artefakten gewidmet ist. Die besagte Passage, „ur5-ra: hubullu“ X, 422‘–438‘, bietet das sumerische und akkadische Vokabular der Lehm- bzw. Tonbearbeitung insbesondere mit Blick auf die Herstellung einer Tontafel. Dabei scheint sich der Text grob an der realen Abfolge der Arbeitsschritte bei der Lehmbehandlung im Allgemeinen zu orientieren. Inhaltlich verwandt sind beispielsweise auch zwei lexikalische Texte der altbabylonischen Zeit, anhand derer angehende Schreiber finite sumerische Verbalformen und deren adäquate Wiedergabe im Akkadischen erlernten.24

Terminologisch bedeutsame Quellen liegen selbstverständlich auch in sumerischen und akkadischen Kommemorativinschriften altmesopotamischer Herrscher vor, die allerdings die jeweils ausgeführten Arbeiten an Heiligtümern, Palästen, Kanälen, Maueranlagen oder etwa Brunnen in sehr stark variierender Detailliertheit beschreiben. Der lexikalische bzw. idiomatische Fundus, den diese Quellen für die Erforschung des altorientalischen Bauwesens bergen, ist in seiner Vielfalt schier unübersehbar.25

In assoziativer Reihung ließen sich als einschlägige Quellen hier etwa noch das Korpus der sumerischen Tempelhymnen,26 sumerische Hymnen an Ur III-zeitliche und altbabylonische Herrscher,27 die sogenannten sumerischen ‚Städteklagen‘ aus altbabylonischer Zeit wie die „Klage über die Zerstörung von Sumer und Ur28, akkadische Preislieder auf Städte und Tempel aus dem ersten Jahrtausend v. Chr.29, die große Gruppe der im institutionalisierten Kultgeschehen so zentralen, im sumerischen Emesal-Soziolekt verfassten ‚Klagelieder‘30 sowie schließlich Baurituale31 anführen.

Hohen Stellenwert in diesem Kontext besitzen überdies die vermutlich gegen Ende des zweiten Jahrtausends v. Chr. in ihrem Textbestand standardisierten, umfangreichen Vorzeichenkompendien, die sich direkt oder indirekt auf ‚Architektur und Bauwesen‘ im weitesten Sinne beziehen. Zu denken wäre hier vor allem an die kalendarische Omenserie iqqur īpuš „Er riss ein, er baute (auf)“, die, wie bereits der antike Serientitel andeutet, unter anderem günstige bzw. ungünstige Zeiträume für diverse bauliche Aktivitäten verzeichnet.32 Zu den dort behandelten Themen zählen der profane Hausbau, Bauen, Renovieren, und Reparieren im Bereich des Gotteshauses, der Bau einer Grabstätte sowie das Anlegen eines Brunnens. Ebenfalls relevant sind zahlreiche Abschnitte des großen terrestrischen Omenkompendiums šumma ālu ina mēlê šakin „Wenn eine Stadt auf einer Anhöhe liegt“, die Vorzeichen im unmittelbaren Umfeld der menschlichen Behausung thematisch anordnen und deuten. Versammelt sind Tausende von Zeichen, die beispielsweise in und an einer Stadt, beim Legen der Fundamente eines Hauses, an den Türen eines Tempels, eines Palastes oder eines Hauses, an Pilzen und Flechten in und am Haus, an Wasserpfützen in und am Haus, beim Bau einer Grabstätte, beim Bau eines Brunnens, am Erscheinen von Geistern und Dämonen im Haus sowie beim Auftreten von Schlangen, Skorpionen, Ameisen, Echsen und Insekten im und am Haus beobachtet werden können – nicht zuletzt eine architektur- und bauterminologische Fundgrube.33 Das Thema „Mauereinsturz“ ist Schwerpunkt der achten Tafel der Omenserie tukum-bi iti apin-du8-a-ta „Wenn vom Monat Arahsamna an“. Allerdings konnten von der fraglichen Tafel, über deren Existenz wir unter anderem durch Zitate in akkadischen Bauritualen des ersten Jahrtausends v. Chr. unterrichtet sind, bislang noch keine Textvertreter identifiziert werden.34

Überraschenderweise stoßen wir auch in der altorientalischen Beschwörungsliteratur nicht selten auf Elemente der zeitgenössischen Architektur- und Bauterminologie. Besonders einschlägig sind in diesem Zusammenhang solche Beschwörungsformeln, die jegliches Eindringen einer unheilvollen Macht in ein Gebäude systematisch zu verhindern suchen und dementsprechend alle grundsätzlich denkbaren, durch die Architektur des Gebäudes vorgegebenen Zugangsmöglichkeiten gleich einer Litanei aufzählen. Gute Beispiele dafür liegen etwa in dem 21. Abschnitt der ersten Teiltafel der zi-pà- Beschwörungen35 oder in der bereits erwähnten ersten Tafel der Beschwörungsserie „sag-ba, Bann!‘“ aus dem ersten vorchristlichen Jahrtausend vor.36

Überaus umfangreich und vielseitig ist weiterhin das architektur- und bauterminologische Beleggut, das wir in keilschriftlichen Alltagstexten aus drei Jahrtausenden antreffen. Unter dem Rubrum ‚Alltagstexte‘ sind dabei primär Rechts- und Verwaltungsurkunden sowie Briefe des privaten und administrativen Schriftverkehrs zusammengefasst. Die altorientalische Alltagstextüberlieferung ist inhaltlich so breit gestreut, dass eine auch nur kursorische Übersicht an dieser Stelle ausgeschlossen ist. Beispielhaft sei hier noch einmal auf das Korpus der sogenannten ‚Garschana-Texte‘ aus dem späten dritten Jahrtausend v. Chr. verwiesen, das die besondere Relevanz von Verwaltungsurkunden für die Erforschung des altorientalischen Bauwesens eindrucksvoll unter Beweis stellt.37

Elemente der altorientalischen Architektur- und Bauterminologie finden sich schließlich, wenn auch meist nur sporadisch, in zahlreichen anderen keilschriftlichen Quellen, so beispielsweise in sumerischen Eigennamen38, in Jahresdatenformeln39, in der bildlichen Sprache sumerischer Literaturwerke40, in sogenannten ‚topografischen‘ und ‚metrologischen‘ Texten41, in mythisch-epischen Dichtungen, in Ritualanweisungen, die Gebäude oder Gebäudeteile erwähnen42 oder in der metonymischen Terminologie der extispizinischen Omenliteratur.43 Die Liste ließe sich unschwer ausdehnen.

Methodische Konsequenzen

Die Heterogenität des keilschriftlichen Quellenmaterials, die in inhaltlicher, chronologischer und geografischer Hinsicht besteht, ist in Verbindung mit der bereits angedeuteten tendenziellen Einseitigkeit der individuellen Schriftzeugnisse das methodische Grundproblem bei der Rekonstruktion des einschlägigen Wortschatzes. Denn die ‚altmesopotamische Architektur- und Bauterminologie‘ gibt es freilich nicht, und die sich in der diachron und diatop breit gefächerten Überlieferung niederschlagenden Sprachvarietäten sind vielfach nur unvollständig dokumentiert und bzw. oder wenig erforscht. Überdies ist gerade innerhalb von Fachsprachen, zu denen Elemente der Architektur- und Bauterminologie wohl vielfach gehören, des Öfteren mit idiomatischen Bezeichnungen zu rechnen, die nicht zwangsläufig als einschlägig zu identifizieren sind oder sich einer semantischen Interpretation entziehen. Dabei ist bislang noch nicht einmal die Tatsache problematisiert worden, dass ja das Studium der altorientalischen Architektur- und Bauterminologie nicht nur sumerische und akkadische Schriftzeugnisse sowie die Interferenzerscheinungen zwischen beiden Sprachen berücksichtigen müsste, sondern beispielsweise auch hethitische, hurritische und elamische Quellen. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen ist den genannten Besonderheiten der Überlieferungslage in methodischer Hinsicht nur mit chronologisch und geografisch stark eingegrenzten Fallstudien zu begegnen, die den jeweiligen Spezifika der untersuchten Textkorpora Rechnung tragen und sie adäquat abbilden können. Die grundsätzlichen Schwierigkeiten bei der Identifizierung und semantischen Analyse relevanter Fachtermini in den keilschriftlichen Quellen bleiben dabei allerdings unverändert bestehen.44

4.2.3 Praktiken im Bereich ‚Architektur und Bauwesen‘

Wenden wir uns nun den Praktiken im Bereich ‚Architektur und Bauwesen‘ zu, soweit sie aus den altmesopotamischen Quellen erschlossen werden können. Im Hinblick auf eine interdisziplinär angelegte ‚Wissensgeschichte der altorientalischen Architektur‘ ist dies wohl der aufschlussreichste inhaltliche Aspekt, unter dem die relevanten keilschriftlichen Quellen betrachtet werden können. Im Gegensatz zum vorausgehenden Abschnitt soll hier der umgekehrte Weg beschritten und die wichtigsten, übergreifenden Beobachtungen vorangestellt werden:

1Grundsätzlich sind einige zentrale Aspekte des baupraktischen Wissens in den keilschriftlichen Quellen nicht oder nur sehr unzulänglich dokumentiert. Hierzu sind etwa die Themen „Entwurfsvermittlung“ und „Entwurfsumsetzung“ zu rechnen.

2Es gibt weder eine einzelne keilschriftliche Quelle noch eine zeitlich und geografisch abgeschlossene Textgruppe, die sämtliche Stadien bzw. Arbeitsabläufe eines Bauprojektes im Detail dokumentiert.45 Die Schriftzeugnisse erweisen sich also nicht nur in lexikalischer, sondern auch in inhaltlicher Hinsicht als limitiert.

Insbesondere letzteres Kennzeichen der keilschriftlichen Überlieferung erklärt sich aus der Intention bzw. Funktion der in diesem Zusammenhang relevanten Texte und Textgattungen. Nie ging es darum, der Nachwelt minutiöse Informationen über alle Aspekte eines Bauprojekts – einschließlich der eher trivialen, alltäglichen Probleme, die es zu allen Zeiten zu bewältigen galt – in Ton gedrückt oder in Stein gemeißelt zu hinterlassen.46 Vielmehr sind einerseits die auch hier als Quellen sehr bedeutsamen Inschriften der altorientalischen Herrscher in erster Linie herrschaftsideologische, religiös-politisch motivierte Texte. Ihre sprachliche und inhaltliche Gestaltung steht primär im Dienste dieser Motivation. Davon unmittelbar betroffen sind selbstredend auch die Bauberichte innerhalb dieser Inschriften, die das Verdienst des Herrschers in den Vordergrund rücken sollen und somit die technischen oder logistischen Details verschweigen, die vor dem Hintergrund dieser Zielsetzung als irrelevant bewertet wurden.

Urkunden andererseits dokumentieren, sehr vereinfacht gesprochen, die Bewegung von Kapital und nehmen in der Regel nur dann Bezug auf den größeren Handlungskontext einer Transaktion, wenn dieser für die Identifizierung oder Beurkundung des aufgezeichneten Vorgangs notwendig ist. So mögen wir aus einer Verwaltungsurkunde erfahren, dass eine Arbeiterin pro Tag eine bestimmte Anzahl von Ziegeln einer bestimmten Spezifikation über eine bestimmte Gesamtdistanz beförderte und dafür einen bestimmten Betrag Gerste als Entlohnung erhielt. Doch dieselbe Urkunde wird uns in der Regel im Unklaren darüber lassen, wo genau auf der Baustelle die Ziegel auf welche Weise gelagert wurden, wie dieser Platz hieß, wie weit er von dem Ort entfernt lag, an dem die Ziegel verbaut wurden, ob und wie oft besagte Arbeiterin eine Pause einlegte, wie lange diese Pause dauerte und wie man sie bezeichnete. Weitere ‚Informationslücken‘ ließen sich unschwer benennen.

Baurituale wiederum können Aufschluss über verschiedene, bedeutsame Stadien eines Bauprojekts geben und vermitteln einen sehr lebendigen Eindruck von den feststehenden rituellen Handlungen, die selbstverständlicher Bestandteil wohl eines jeden bedeutsamen Bauvorhabens im Alten Orient waren. Architektonische Details sowie je nach Bauwerk variierende Parameter wie etwa die verbaute Ziegelmenge oder die Zahl der Stroh häckselnden Arbeiter sind hier naturgemäß bedeutungslos und daher nicht dokumentiert.

Entsprechendes wäre über die verbleibenden Textgruppen zu sagen, denen bei der Erforschung der Bauplanung und -ausführung eine besondere Bedeutung zukommen kann: Passagen aus lexikalischen Listen, die sich in der Organisation des Wortschatzes an der konkreten Abfolge der Arbeitsschritte orientieren, Vorzeichenkompendien, mathematische Texte47 sowie sogenannte ‚topografische‘ und ‚metrologische‘ Texte.48 Typologisch davon zu trennen sind die mit keilschriftlichen Anmerkungen versehenen Bauzeichnungen.49 Inwieweit sie tatsächlich eine praktische Bedeutung im Rahmen der Bauplanung und -ausführung hatten, ist allerdings bislang nicht geklärt.

Methodische Konsequenzen

Wie kann die kulturwissenschaftliche Forschung der formalen und inhaltlichen Disparität sowie der im Einzelfall eingeschränkten Aussagekraft der keilschriftlichen Quellen begegnen? Wiederum können wir an dieser Stelle lediglich sehr allgemein sprechen. Prinzipiell wäre der bereits thematisierte Mangel an einzelnen Texten bzw. Textgruppen, die alle Aspekte eines bestimmten Bauvorhabens dokumentieren, dadurch zu kompensieren, dass man inhaltlich komplementäre Schriftzeugnisse auch über Gattungsgrenzen hinweg wie in einer Collage miteinander kombiniert, unabhängig von ihrer jeweiligen Provenienz und chronologischen Einordnung. So wäre es beispielsweise denkbar, Gudeas sehr ausführliche aber keineswegs erschöpfende Darstellung seiner Bauarbeiten am Tempel E-ninnu des Gottes Ningirsu in Girsu/Lagasch aus dem letzten Drittel des dritten Jahrtausends v. Chr.50 mit den bereits erwähnten, mindestens einige Jahrzehnte jüngeren Verwaltungsurkunden aus Garschana51, mit Ziegelmaßen und Kalkulationskonstanten aus altbabylonischen mathematischen Texten des frühen zweiten Jahrtausends v. Chr.52 sowie mit Tempelbauritualen aus dem ersten vorchristlichen Jahrtausend53 zu verbinden. Das sich aus dieser Synopse diverser Quellen ergebende Bild wäre zweifellos detailreich und bunt, doch würde es sich bei diesem Konstrukt unweigerlich um eine kulturgeschichtliche ‚Chimäre‘ mit nur sehr begrenztem wissenschaftlichem Aussagewert handeln.

Methodisch vorzuziehen wäre aus Sicht der altorientalischen Philologie wohl eher die Beschränkung auf einige wenige, inhaltlich und formal möglichst verwandte Textgruppen, die einem geografisch wie chronologisch stark eingegrenzten Raum entstammen. Doch führt diese letztere Vorgehensweise fast zwangsläufig zu größeren, misslichen Lücken im resultierenden Gesamtbild. Im Falle des soeben genannten Bauberichts des Gudea von Lagasch wäre man etwa gezwungen, sich im Wesentlichen auf diese eine Quelle zu beschränken. Denn das vergleichsweise kleine Korpus zeitgenössischer Verwaltungsurkunden bietet kaum einschlägige Informationen, während Baurituale vergleichbar denjenigen des ersten Jahrtausends v. Chr. aus dieser Epoche bislang nicht überliefert sind.

Gerade hier besteht allerdings ein idealer Ansatzpunkt für eine interdisziplinäre Forschungsperspektive im Verbund etwa mit Archäologen, Architekten und Bauforschern, wenn diese die in technischer Hinsicht oftmals sehr unspezifischen keilschriftlichen Bauberichte und Verwaltungsurkunden durch die Analyse zeitgenössischer archäologischer und bauhistorischer Befunde komplementieren können. Zweifelsohne würde auch die Erforschung der altorientalischen Bauterminologie von einer solchen Zusammenarbeit ganz entscheidend profitieren.

4.2.4 Die kosmologische, theologische und ideologische Dimension von Architektur und Bauwesen

Erörtern wir abschließend den letzten Aspekt, unter dem keilschriftlich fixiertes Wissen im Bereich ‚Architektur und Bauwesen‘ behandelt werden kann, die kosmologische, theologische und ideologische Dimension des Bauens im Alten Orient. Auch dieses komplexe Thema kann hier lediglich angerissen werden. Dies ist umso bedauerlicher, als darin ein Schlüssel zum Verständnis vieler keilschriftlicher Quellen liegt, die wir für die Erforschung des altorientalischen Bauwesens heranziehen. Die Tragweite dieses Gesichtspunktes wird offenbar, vergegenwärtigt man sich alleine die zentrale religiöse und kulturelle Bedeutung, die das indigene Konzept vom Tempel als Vergegenständlichung eines in mythischer Vorzeit von den Göttern selbst erschaffenen Urbildes hatte. Bau bzw. Renovierung eines Heiligtums galten somit grundsätzlich als „Wiederherstellung“ dieses Urbildes. Es ist daher nur konsequent, dass die akkadische bzw. sumerische Wendung, die vielfach im Zusammenhang mit Bau- bzw. Renovierungsarbeiten verwendet wird (akk. ana ašrīšu turru, sum. ki-bi-še3 gi4), wörtlich übersetzt bedeutet „(eine Sache) an den ihr eigenen Platz zurückkehren lassen“.

Die Wesensgleichheit von vorweltlichem Urbild und realgeschichtlichem Abbild hat Stefan M. Maul am Beispiel der Stadt Babylon und des Marduk-Heiligtums Esagil wie folgt veranschaulicht:

„Uranfänglichkeit wurde […] nicht nur für die gesellschaftliche Ordnung, für kulturelle Errungenschaften und Tempel in Anspruch genommen, sondern auch für ganze Städte. Am besten ist dies für Babylon bezeugt. Das sog. Weltschöpfungsepos Enūma eliš berichtet davon, dass Marduk, nachdem er die Urkräfte des Chaos besiegt hatte, die Welt erschuf. Nachdem durch seine ‚Kunstfertigkeit‘ der Mensch erschaffen war, errichten ihm die Götter, die ihn zu ihrem König erwählt hatten, seinen Wohnsitz und sein Heiligtum Babylon mit Esagil und allen anderen Heiligtümern, die somit Teil des Schöpfungsaktes sind, ja, dem Text zufolge dessen Vollendung darstellen. Das Esagil ist nach Enūma eliš nicht nur der Wohnsitz Marduks, sondern die Heimstatt aller Götter, die Marduk zu versorgen versprochen hatte.

Ort und Gestalt des Tempels des Marduk waren laut Enūma eliš freilich nicht zufällig gewählt. An dem Ort, von dem letztlich alles Leben ausgegangen war, dort, wo Marduk geboren und der Mensch erschaffen wurde, bauten die Götter ihrem König sein Haus. Das Heiligtum selbst errichteten sie über dem apsû, in dem Ea – bereits in der Vorwelt – seinen Wohnsitz errichtet hatte, über dem Ort, aus dem Marduk hervorgegangen war und der auch in dem tatsächlichen, historischen Tempelkomplex Esagil als Sitz des Ea realiter bestand. Das Esagil galt sowohl als Ebenbild des Palastes Eas im apsû als auch als Ebenbild des über dem Esagil gedachten himmlischen Palastes Ans. Jeder der drei kosmischen Bereiche, der Himmel, die Erdoberfläche und die Erde, wird dieser Vorstellung zufolge von einem Götterpalast beherrscht. Gemeinsam bilden alle drei Paläste eine vertikale Achse, in deren Zentrum Babylon mit dem Tempel Marduks liegt. Ausdrücklich wird Esagil als Stütze und Verbindung des in der Erde befindlichen Grundwasserhorizontes apsû mit dem Himmel bezeichnet. Das Heiligtum Esagil und die Stadt Babylon liegen also in der Mitte der vertikalen kosmischen Achse und verbinden diese mit der irdisch-gegenwärtigen Welt. […] Diese axis mundi nahm für den Besucher des alten Babylons sichtbare Gestalt an in dem siebenstufigen Tempelturm, der den Namen É-temen-an-ki ‚Haus, Fundament von Himmel und Erde‘ trug.“54

Berücksichtigt man den hier geschilderten Zusammenhang zwischen metaphysischem Urbild einerseits und dessen Reifizierung in Form eines Gebäudes bzw. eines Gebäudekomplexes andererseits, so wird deutlich, dass der Tempelbau altorientalischer Herrscher als sichtbare Erfüllung eines göttlichen Ordnungsplans eine ‚kosmische‘ Dimension besaß, die nicht nur das Bauvorhaben als solches rechtfertigte, sondern auch die göttliche Legitimation weltlicher Herrschaft implizierte. Denn die vornehmste Pflicht dieser Herrschaft war die Abwendung bzw. Beseitigung des allgegenwärtigen, bedrohlichen Chaos durch die Realisierung der uranfänglichen göttlichen Ordnung. Nirgendwo sonst war die Erfüllung dieser Pflicht augenfälliger als in den Heiligtümern, denen somit das besondere Interesse der königlichen Bauherren galt.

Das Studium von Herrscherinschriften, Ritualtexten und Omenkompendien zeigt überdies, dass auch dem Palast- und profanen Hausbau sowie zahlreichen anderen Formen baulicher Aktivität eine ‚metaphysische‘ Dimension zuerkannt wurde, die es zu berücksichtigen und zu respektieren galt. Aus dem Bauvorgang konnten sich Vorzeichen von Unheil ergeben, denen man mit Löseritualen zu begegnen suchte. War beispielsweise schon das Legen der Fundamente von einem ominösen, ungünstigen Zeichen begleitet, so konnten dem Hausherrn daraus Krankheit, Armut oder gar Tod erwachsen. Stand das Bauvorhaben dagegen ‚unter einem guten Stern‘, so profitierten davon auch der Hausherr und seine Familie. Hinter diesem einfachen Mechanismus verbirgt sich die soziokulturelle Verortung, der ‚Sitz im Leben‘, zahlreicher Keilschrifttexte, die wir bereits als Quellen für die Erforschung des altorientalischen Bauwesens benannt haben.55 Es sind dies etwa die einschlägigen Omina der Serien šumma ālu ina mēlê šakin, iqqur īpuš oder tukum-bi iti apin-du8-a-ta sowie diverse Bau- und Löserituale.

Doch die ‚metaphysische‘ Dimension des Bauens im Alten Orient zeigt sich auch in anderen Bereichen der keilschriftlichen Überlieferung, verfolgt uns gleichsam auf Schritt und Tritt. Sie begegnet uns in ‚Tempellisten‘, im sogenannten ‚Götteradressbuch von Assur‘ oder im topografischen Kompendium „TIN.TIR: Babilu“; in esoterisch-spekulativen Texten; in Tempel- und Herrscherhymnen; in mythisch-epischen Dichtungen wie Enūma eliš; in kultischen ‚Klageliedern‘ sowie nicht zuletzt in Kommemorativinschriften. Religiöse Bauwerke als Elemente von Personen-, Orts- und Jahresnahmen sind wohl ebenfalls nur im Wissen um diese metaphysische Dimension des Bauens zu verstehen.

Auch wenn diese zuletzt genannten Keilschriftquellen nur wenig zu Fragen der Bauplanung, Arbeitsorganisation und Bautechnik aussagen, eine Wissensgeschichte im Bereich ‚Architektur und Bauwesen‘ wäre kaum vollständig ohne die Berücksichtigung der frühesten schriftlichen Zeugnisse für die formative und affirmative Bedeutung entsprechender Praktiken in den Gesellschaften des Alten Orients.

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Fußnoten

Soweit ich sehe, gibt es keinen sumerischen oder akkadischen Terminus, der die im Deutschen unter den Begriffen „Architektur“ bzw. „Bauwesen“ zusammengefassten Wissensbestände und Praktiken entsprechend kennzeichnet. Daher erscheinen diese heute verwendeten Begriffe hier durchweg in gnomischen Anführungszeichen. Ob man aus dem augenscheinlichen Fehlen eines solchen epistemologischen Rubrums im antiken Zweistromland darauf schließen darf, dass die in unserer eigenen epistemischen Kultur darunter subsummierten Wissensbestände und Praktiken nicht als distinktes, akademisch ‚diszipliniertes‘ Praxisfeld wahrgenommen wurden, lässt sich gegenwärtig nicht zuverlässig entscheiden (s. dazu in diesem Abschnitt unten).

Die heute bekannten keilschriftlichen Quellen bilden eines der größten antiken Textkorpora überhaupt. Zum Umfang der sumerischen und akkadischen Überlieferung siehe Streck 2010.

Siehe dazu unten Abschnitt 4.2.4.

Hilgert 2009 schlägt vor, die epistemischen Praktiken, die keilschriftlichen Wort- und Zeichenlisten des frühen 2. Jahrtausends v. Chr. als artefaktische ‚Repräsentationen‘ solcher epistemischen Praktiken zugrunde liegen, als „non-lineare Wissenspraktiken“ zu konzeptualisieren. Diese non-linearen Wissenspraktiken zielten „– vergleichbar den für naturwissenschaftliche Experimentalsysteme heutiger Wissenskulturen beschriebenen Praktiken an und mit ‚epistemischen Dingen‘ – unter der konventionalisierten Akzeptanz einer begrifflich-kategorialen, methodologischen und epistemologischen Unterbestimmtheit, die „nicht defizitär, sondern handlungsbestimmend ist“ (Rheinberger 2006, 27) vor allem auf die möglichst breite ‚Entfaltung‘ des als stets unvollkommen wahrgenommenen, sich non-linear ausdehnenden Wissensobjekts […] In solchen non-linearen Wissenspraktiken altorientalischer Gesellschaften würde sich eine außerordentlich dynamische, adaptive Wissenskultur ausdrücken, deren spezifische, hohe Leistungsfähigkeit wir gerade erst zu begreifen und würdigen beginnen“ (Hilgert 2009, 307).

Ein gutes Beispiel für ein solches, ‚multidisziplinär‘ zusammengesetztes Praxisfeld, in das sehr verschiedene, in unserer Wissenskultur epistemologisch, methodologisch und institutionell voneinander geschiedene Wissensbestände und Praktikenkomplexe Eingang fanden, ist die altmesopotamische ‚Heilkunde‘, also dasjenige Praxisfeld, in dem Krankheiten des Menschen diagnostiziert und behandelt wurden. Annäherungen an die epistemologische Disposition dieses Feldes gerade auch im Vergleich mit der ‚griechisch-römischen Medizin‘ bieten Horstmanshoff and Stol 2004.

Die hier für altmesopotamische Gesellschaften vorgeschlagene Konzeptualisierung von ausgreifenden Praktikenkomplexen als ‚Geflechte von Praktiken‘, die aus heutiger Sicht sehr verschiedenartige Wissensbestände und Praktiken miteinander verbinden, sich gegenseitig überlagern bzw. ineinandergreifen und in ihrer Ausdehnung entsprechend variabel sind, befindet sich in theoretischem Einklang mit bzw. ergibt sich als theoretische Konsequenz aus der These, dass epistemische Praktiken in bestimmten altorientalischen Wissenskulturen als „non-lineare Wissenspraktiken“ zu verstehen sind; siehe Hilgert 2009, dazu oben, Anm. 7. Denn sollte letztere These tatsächlich das Richtige treffen und Wissen in diesen altorientalischen Wissenskulturen nicht als hierarchisch und dichotomisch strukturierbar, sondern als „non-lineares, rhizomorphes Gebilde“ konzeptualisiert worden sein (Hilgert 2009, 302–305), wäre ein Modell strikt voneinander getrennter, disziplinär definierter sowie hierarchisch und dichotomisch strukturierter Wissens- und Praxisfelder wohl kaum stimmig.

Eine Gesamtedition des Werks bietet Schramm 2001.

von Soden 1965-1981, 291b s. v. Vgl. Oppenheim and Roth 1956, G 97 s. v. gisallu A, „reed fence or screen (along the edge of a flat roof)“.

Das in der Altorientalistik nach seiner vermuteten Provenienz Garšana als „Garschana-Texte“ bezeichnete Korpus stammt aus rezenten Raubgrabungen im Süden des Irak und ist jüngst durch eine Gesamtedition zugänglich gemacht worden, siehe Owen and Mayr 2007. Eine detaillierte sprachliche und inhaltliche Analyse derjenigen Urkunden, die Auskunft über diverse größere und kleinere Bauvorhaben geben, bietet Heimpel 2009.

Die im Folgenden aufgeführten Texteditionen bzw. Übersetzungen wurden in erster Linie danach ausgewählt, inwieweit sie gerade auch dem fachfremden Leser einen Zugang zu den zitierten keilschriftlichen Quellen eröffnen können. Dementsprechend sind die hier gebotenen Literaturangaben nicht auf Vollständigkeit ausgerichtet.

Landsberger and Gurney 1957–1958, 81–86. Das Listenwerk igi-du8-a = tāmartu ist Gegenstand von Kamran V. Zands unveröffentlicher Magisterarbeit Die unveröffentlichte Liste Igi-du8-a = tāmartu aus Assur. Kopie, Transliteration, Übersetzung und Kommentar (Göttingen, 2003).

Ein erheblicher Teil dieser Herrscherinschriften liegt inzwischen in rezenten Übersetzungen vor und ist in der Reihe The Royal Inscriptions of Mesopotamia veröffentlicht (siehe Grayson 1987). Die in dem hier behandelten Kontext vielfach sehr materialreichen Inschriften des neubabylonischen Herrschers Nabonid behandelt Schaudig 2001.

Siehe z. B. Black 2004, 325–330.

Siehe z. B. Black 2004, 303–311.

Siehe z. B. Black 2004, 127–141.

Siehe z. B. Foster 2005, 875–877.

Siehe Cohen 1988.

Siehe Ambos 2004.

Siehe Labat 1965; dazu Ambos 2004, 31–32. Eine Neuedition des Kompendiums durch Jeannette C. Fincke ist in Vorbereitung.

Die Kapitel 1 bis 21 des Vorzeichenkompendiums sind ediert bei Freedman 1998; dazu Ambos 2004, 32–35.

Siehe Borger 1969.

Siehe dazu bereits oben Abschnitt 4.1.2 mit Anm. 13 und Heimpel 2009, 219–2002.

Siehe z. B. Limet 1968, 203–213, sowie die bei Krebernik 2002 gesammelten einschlägigen sumerischen Personennamen.

Siehe z. B. Edzard 1987.

Siehe George 1992.

Siehe etwa die bei Linssen 2004 edierten Ritualanweisungen.

Siehe die Diskussion der einschlägigen Metonyme bei Koch-Westenholz 2000, 43–70.

Lediglich ein charakteristisches Beispiel dafür, wie disparat die Beleglage, wie unsicher die semantische Analyse und wie spärlich die überlieferten Informationen im konkreten Einzelfall sein können, ist der Artikel „Rampe“ im Reallexikon für Assyriologie und Vorderasiatische Archäologie, der das gegenwärtig verfügbare Wissen über Rampen nach den sumerischen und akkadischen Keilschriftquellen zu bündeln sucht. Dort ergibt sich als Resümee: „Die R. als künstlich angelegte, ‚schräg ansteigende Zufahrt oder Zugang (schiefe Ebene) zu einem erhöhten Platz, einer Terrasse oder einem Bauwerk“ (Koepf and Binding 1999, 374b) ist in Keilschrifttexten aus Mesopotamien vergleichsweise selten explizit bezeugt. Zu Baumaterialien, Konstruktionsmerkmalen und Funktion von R. bieten diese Quellen meist keine spezifischen Angaben. Während die indigene Fachterminologie der R.architektur weitestgehend unbekannt ist, erweisen sich die wenigen, als Bezeichnungen solcher Bauwerke nachgewiesenen Ausdrücke durchweg als Polyseme […] R. sind in den keilschriftlichen Textquellen des 2. und 1. Jts. hauptsächlich für das Militärwesen dokumentiert … Darüber hinaus dürften R. etwa in der Land- und Bewässerungswirtschaft sowie als Hilfskonstruktionen im Bauwesen sehr viel weiter verbreitet gewesen sein, als dies durch die Textquellen explizit dokumentiert wird. Dieser Sachverhalt ist insbesondere für die keilschriftliche, primär administrativ verankerte Überlieferung des 3. Jt. anzunehmen, in der sich zwar übergeordnete Begriffe für Erdarbeiten und -aufschüttungen […] im allgemeinen, jedoch bislang keine spezifischen Termini für R. zweifelsfrei nachweisen lassen. Da allerdings die derzeit sicher identifizierten Ausdrücke für „Rampe“ nicht ausschließlich für entsprechende Bauwerke stehen, ist prinzipiell damit zu rechnen, daß auch andere sum. und akk. Begriffe, die befestigte Erdaufschüttungen oder funktionsgleiche Konstruktionen aus anderen Materialien zum Inhalt haben, zur Bezeichnung von Rampen verwendet werden konnten, ohne daß dies aus dem jeweiligen Textzusammenhang eindeutig hervor ginge“ (Hilgert 2007).

Siehe dazu bereits oben in Abschnitt 4.1.2 mit Anm. 13 und Heimpel 2009, 219–220.

Siehe dazu oben Abschnitt 4.1.1.

Zu einschlägigen Vertretern dieses ‚Genres‘ siehe z. B. Friberg 2001; Robson 1999, 16–92.

Zu den beiden letztgenannten Textgruppen siehe George 1992, 109–119.

Siehe dazu den Beitrag von Claudia Bührig in diesem Band.

Siehe dazu oben Abschnitt 4.1.2 mit Anm. 13 und Heimpel 2009, 219–220.

Siehe Ambos 2004.

Zu den im Folgenden genannten Werken und Textgruppen siehe oben Abschnitt 4.2.2.