2 Bauwissen im Antiken Griechenland

Wilhelm Osthues

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2.1 Historische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen der Entwicklung der griechischen Architektur

Wer sich nur oberflächlich mit der griechischen Architektur beschäftigt, dem werden die Bauten der Griechen – im Vergleich zu denen späterer Kulturen und Epochen – ausgesprochen homogen erscheinen. Das gilt für die Bautechnik wie die formale Gestaltung der Bauglieder gleichermaßen. Entsprechend bereitet es auch dem Laien kaum Schwierigkeiten, ein ionisches Kapitell oder einen dorischen Architrav als solche zu erkennen, gleichgültig, ob aus spätarchaischer oder hellenistischer Zeit, und zudem unabhängig davon, ob das Bauteil von einem Tempel, Rathaus oder Gymnasion stammt. Völlig anders stellt sich schon auf den ersten Blick die gesellschaftliche Entwicklung der griechischen Gemeinwesen und Staaten dar, die diese Architektur hervorgebracht und getragen haben: Anstelle von Homogenität findet sich hier ein ausgesprochen breites Spektrum von Staatsformen, das von selbständigen Stadtstaaten über Staatenbünde und Flächenstaaten bis hin zu den gemeingriechischen Heiligtümern reicht, mit entsprechend vielfältigen Regierungsformen, von der Tyrannis über die Oligarchien und Demokratien bis zu den hellenistischen Monarchien.

Dieser Gegensatz zwischen der relativen Homogenität der Architektur und der Vielfalt der Entwicklungen auf gesellschaftlicher und staatlicher Ebene bedeutet keineswegs, dass die Architektur eine von der übrigen Entwicklung losgelöste Sphäre gewesen wäre. Die Beziehungen sind nur nicht so offensichtlich wie in anderen Epochen. So lässt sich beispielsweise innerhalb der Architekturentwicklung selbst keine Erklärung dafür finden, warum etwa die größten, und damit technisch in mancher Hinsicht schwierigsten Bauprojekte keineswegs, wie in vielen anderen Epochen, nicht erst am Ende der Periode realisiert worden sind, sondern im Gegenteil schon sehr früh, nämlich in hoch- und spätarchaischer Zeit. Erklärbar ist das nur, wenn man die Projekte im politischen Kontext sieht, zu dem sie gehörten: Sie waren Werke der älteren Tyrannis, von deren Megalomanie sich spätere Staatswesen erkennbar absetzen wollten. Auch die Organisation des Bauwesens hat sich im Gefolge der gesellschaftlichen Entwicklung nachhaltig verändert. Während die frühen Tyrannen offenbar große Teile ihrer Untertanen für ihre Projekte pauschal zum Dienst verpflichteten, haben die Demokratien die Projekte in vergleichsweise kleine Baulose aufgegliedert, die – soweit erkennbar – unter Leitung eines Architekten von privaten Unternehmern realisiert wurden. Des Weiteren wird man beispielsweise auch die prominente Stellung, die das korinthische Kapitell in hellenistischer Zeit einnahm (und später von den Römern aufgegriffen wurde), kaum erklären können ohne Bezug auf den besonderen Repräsentationsanspruch der hellenistischen Königshäuser, der sich eben nicht in übermäßig großen Bauwerken manifestiert hat.

Als Bezugsebene für entsprechende Überlegungen soll nachfolgend ein ganz knapper Abriss der gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen der hier betrachteten Epochen vorangestellt sein.1

2.1.1 Archaische Zeit (8.–6. Jh.)

Spätestens zu Beginn der archaischen Epoche, eventuell auch etwas früher, entsteht die Polis, der griechische Stadtstaat, der gleichermaßen Siedlungsform und autonome politische Einheit ist. Die Stadt als reine Siedlungsform wurde als ἄστν bezeichnet. Zur Polis gehörte stets ein meist naturräumlich definiertes Umland, die χὼϱα, für die Produktion der Nahrungsmittel. Wohl häufiger entstand die Polis nicht durch natürliches Wachstum, sondern durch einen formellen politischen Zusammenschluss den συνοικισμόϛ (das ‚Zusammenwohnen‘) verschiedener Dörfer und Weiler, wie etwa Athen auf Initiative des legendären Gründers Theseus.2 Man kennt heute etwa siebenhundert solcher autonomen griechischen Städte. Nur im Norden des Festlandes, in Aitolien, Epirus und Makedonien, ist der Prozess der Polisbildung mit autonomer politischer Verfassung nicht nachweisbar. Die Polisbildung war direkt mit Bauaktivitäten verbunden, wozu nicht nur die Errichtung von Stadtmauern zählte, sondern auch der Bau öffentlicher Gebäude für die Organe der Selbstverwaltung und der Tempel für die städtischen Kulte.

Große Bedeutung für den Prozess der Urbanisierung, und sicher in archaische Zeit zu datieren, ist die sog. ältere Kolonisation. Ihr Schwerpunkt fällt in die Zeit von ca. 750 bis 550/40.3 Ausgelöst vor allem durch Nahrungsmangel, aber auch durch schwere Fraktionierungen in der Bürgerschaft bis hin zum Bürgerkrieg, oder auch durch kriegerische Verdrängung, sendete eine Mutterstadt (μητρόπολιϛ), manchmal auch mehrere Städte gemeinsam, Kolonisten aus. Die Koloniestädte waren politisch unabhängig von ihren Mutterstädten – Steuern werden nur ausnahmsweise abgeführt – und gaben sich selbst Verfassungen. Häufig bildeten die Familien der ersten Kolonisten den späteren Adel. Kolonien wurden meist in unbesiedelten Gebieten niedergesetzt, aber gleichwohl meist sehr früh befestigt. Koloniestädte konnten innerhalb von relativ kurzer Zeit wiederum selbst zu Metropoleis neuer Kolonien werden. Schwerpunkte der älteren Kolonisation waren der nördliche Ägäisraum, die Propontis (die Küsten des Marmara-Meeres) und die Schwarzmeerküsten bis nach Georgien und Südrussland. Siedlungsräume von herausgehobener Bedeutung waren Unteritalien und Sizilien. Nur vereinzelte Gründungen gab es in Nordafrika (Kyrene) und im westlichen Mittelmeergebiet: zu nennen wären dort das von den Phokaiern gegründete Massilia (Marseille), Nikaia (Nizza), Antipolis (Antibes) und Emporion (Ampurias) in Spanien.

Die griechischen Gesellschaft der archaischen Epoche unterscheidet sich in politischer Hinsicht von den vorhergehenden Epochen – der späten Bronzezeit, d. i. in Griechenland die mykenische Zeit, sowie den sog. dunklen Jahrhunderten – vor allem dadurch, dass das Königtum fast überall abgeschafft wurde. In der Regel wurden die Poleis vom lokalen Adel beherrscht. Nur am Nordrand des griechischen Siedlungsgebietes, in Makedonien, erhielt sich die Monarchie der Argeaden, aus der auch Alexander der Große hervorgegangen ist, durchgehend von der Frühzeit bis zum Verlust der politischen Selbständigkeit im Gefolge der römischen Eroberung Griechenlands.4

Die Aristokratien vergaben öffentliche Ämter auf jeweils ein Jahr, meist als Wahlamt. (Die Bestimmung der Amtsträger durch das Los ist eine spätere, demokratische Verfahrensweise, weil dadurch die Organisation von Stimmkontingenten durch einflussreiche Adelige verhindert wurde.) Eine Trennung zwischen den ‚Beamten‘ und der Priesterschaft gab es in der Regel nicht, vielmehr gehörte zu den Amtspflichten eines Teils der Beamten wesentlich die Ausübung kultischer Handlungen. Erbliche Priesterämter gab es nur in einigen Heiligtümern.

Parallel zu diesen Aristokratien gab es etwa seit dem 7. Jahrhundert in allen Teilen des griechischen Siedlungsgebietes auch bedeutende Stadtstaaten, die von Alleinherrschern, den sog. Tyrannen, beherrscht wurden. Zu diesen Poleis zählten im Mutterland beispielsweise in Korinth, Argos und Athen, in Kleinasien in Milet, in der Ägäis auf Lesbos, Samos und Naxos, und auf Sizilien in Akragas, Gela und Syrakus. Die Tyrannis wurde in archaischer Zeit nicht – wie später – per se als Gewaltherrschaft empfunden und abgelehnt. So finden sich selbst unter den sog. ‚sieben Weisen‘ die Namen mehrerer Tyrannen. Zu ihnen gehörten Periander von Korinth, Kleoboulos von Lindos und Pittakos von Mytilene. Die Ursache dafür dürfte gewesen sein, dass mindestens einige von ihnen sich auf die unteren Bevölkerungsschichten stützen konnten, die zuvor unter der Adelsherrschaft weit stärker unterdrückt worden waren.5 Trotz dieser nicht durchgängig negativen Beurteilung sind nur sehr selten Tyrannien in stabile Dynastien überführt worden. Soweit erkennbar, wurden Tyrannen zunächst meist vom – oft exilierten – Adel der jeweiligen Stadt gestürzt. Demokratische Revolten gegen die Tyrannenherrschaft finden sich erst in späterer Zeit. Unter den Tyrannen wurden teilweise bedeutende Bauten errichtet, oder wenigstens in Angriff genommen, von denen noch ausführlich die Rede sein wird.

Der politische Partikularismus der Griechen, der mit der Polisbildung verbunden war, erklärt die hohe Bedeutung regionaler oder gemeingriechischer, ‚panhellenischer‘ Heiligtümer. Zwar wurden die Heiligtümer durch einzelne Städte oder Städteversammlungen kontrolliert, doch galt der Zugang zu den Heiligtümern und den dort abgehaltenen periodischen Festen als Recht aller Griechen. Nur sehr selten wurden einzelne Poleis von der Teilnahme an den Festen und Spielen ausgeschlossen, und das auch nie auf Dauer. Die Heiligtümer erhielten bedeutende Stiftungen von den Städten, etwa den Zehnten der Kriegsbeute, die dem Kultinhaber des Heiligtums geweiht wurde. Für die Entwicklung der Architektur von erheblicher Relevanz waren die Gebäudestiftungen in den Heiligtümern. So bauen einzelne Städte dort eigene ‚Schatzhäuser‘ zur Aufbewahrung von wertvollen Weihgeschenken. Große Tempelbauten wurden entweder durch die verwaltenden Städte finanziert, oft mit Kriegsbeute, oder durch Sammlungen unter den Städten mit besonderer Beziehung zum jeweiligen Heiligtum. Erst ab der Spätklassik wurden Bauten in den panhellenischen Heiligtümern auch von Einzelpersonen gestiftet.

2.1.2 Klassische Zeit (5. und 4. Jh.)

Das fünfte Jahrhundert war im Mutterland durch zwei große Konflikte bestimmt: die Auseinandersetzung mit dem Perserreich, die v. a. die erste Jahrhunderthälfte bestimmte, und den ‚peloponnesischen‘ Krieg zwischen Athen und Sparta, der die Entwicklungen im letzten Drittel des Jahrhunderts dominierte. Im Westen setzten sich die Griechen, annähernd zeitgleich mit dem Sieg über die Perser im Osten, auch gegen eine weitere antike Großmacht durch: Unter den Tyrannen von Syrakus und Akragas (Agrigent), Gelon und Theron, besiegten sie vernichtend ein Großaufgebot punischer Truppen unter Hamilkar.

Die Perserkriege brachten den Griechen im Ergebnis ein teilzerstörtes Land und reiche Beute. Beides galt insbesondere für Athen: Die Stadt wurde, einschließlich der Akropolis, von den Persern fast vollkommen zerstört. Zugleich entwickelte Athen im Verlauf des Krieges und der Folgejahre eine Machtstellung, die der Stadt ermöglichte, mit Sparta – der politisch bedeutendsten Polis Griechenlands – zu rivalisieren. Die enorm gesteigerten Einkünfte ermöglichten Perikles, dem führenden Politiker Athens am Beginn der zweiten Jahrhunderthälfte, ein Programm für die neue Bebauung der Akropolis aufzulegen, zu dem der Parthenon als der Höhepunkt der klassischen Architektur gehört.

Die neugewonnene Machtstellung Athens hatte auch auf politischer Ebene epochale Folgen, denn sie beförderte wesentlich die Entwicklung der Demokratie, die sich in Athen schon vor Beginn der Perserkriege abgezeichnet hatte. Im Verlauf des 5. Jahrhunderts wurden diese Ansätze in Athen bis hin zur sog. ‚radikalen Demokratie‘ fortentwickelt, und zudem gleichsam exportiert, denn Athen drängte seine Verbündeten mit Nachdruck – und teilweise auch mit Gewalt – zur Übernahme der eigenen Verfassung. Die neue Regierungsform schaffte sich neue, ihren Bedürfnissen Gebäudetypen, etwa für die Volksversammlung und die Volksgerichte.

Die Rivalität zwischen Athen und Sparta kulminierte im peloponnesischen Krieg (431 bis 404) in einer Auseinandersetzung, die im gesamten griechischen Siedlungsgebiet, von Sizilien bis zur heutigen türkischen Westküste, ausgetragen wurde. Im Ergebnis wurde die Machtstellung Athens dauerhaft einschränkt. Enorm sind auch die Schäden, die der Krieg bei einer großen Zahl griechischer Poleis hinterließ.

Im folgenden 4. Jahrhundert kämpften zunächst die großen griechischen Stadtstaaten untereinander um die Vorherrschaft (Hegemonie), die jedoch von keiner der beteiligten Poleis dauerhaft etabliert werden konnte. Der vorläufige Gewinner dieser Auseinandersetzungen war der alte gemeinsame Feind vom Anfang des fünften Jahrhunderts, das Perserreich, das hauptsächlich durch Geldmittel schon zuvor massiven Einfluss auf den Ausgang des peloponnesischen Krieges zwischen Athen und Sparta genommen hatte. Der allgemeine Landfrieden von 386 mit Zusicherung der Autonomie der Städte wurde offen den Persern zugeschrieben (‚Königsfrieden‘).

Entscheidend zurückgedrängt wurde der persische Einfluss etwa ab der Mitte des Jahrhunderts durch den Aufstieg des makedonischen Königshauses unter Philipp II. zur wichtigsten Macht in Griechenland. Seine Hegemonie führte vereinzelt zwar zum ‚Export‘ der eigenen monarchischen Herrschaftsform, indem Makedonien Alleinherrscher in einigen Städten unterstützte oder tolerierte (sog. ‚jüngere Tyrannis‘ in Städten wie Sikyon, Argos, Megalopolis, Pherai). Vor allem aber untergrub die makedonische Hegemonie auf die Dauer die Autonomie der Stadtstaaten, die zwar ihre Verfassungen und ihre innere Selbstverwaltung bewahrten, jedoch nicht mehr eigenständig politisch agieren konnten. In die Sphäre der bei den Poleis verbleibenden Selbstverwaltung gehörte unter anderem der Bereich des Bauens, denn die makedonische „Militärmonarchie“ (H. Berve) hatte nie den Anspruch, eigene Architekturformen in den von ihr beherrschten Poleis zu etablieren. Ihr Anspruch galt allein dem Erhalt und der Ausweitung der eigenen politischen Macht. Er wurde unter Philipps Sohn Alexander mit der Zerschlagung des persischen Königreiches in umfassender Weise realisiert.

2.1.3 Hellenistische Zeit (323 bis 31)

Als Epochenbegriff bezeichnet der Hellenismus die Zeit vom Tod Alexanders des Großen (323) bis zum Beginn der römischen Kaiserzeit unter Augustus (31). Es ist die Periode, in der die griechische Kultur, und teilweise auch die Sprache, sich weit über die Siedlungsgebiete der Griechen hinaus verbreitete. Der früheste Nachweis für eine antike Verwendung des Begriffs im Sinne der Kulturübernahme findet sich schon im Alten Testament. Als ‚Hellenisten‘ bezeichnet wurden – in einem abwertenden Sinne – Juden, die die griechische Kultur und Sprache übernommen hatten.6

Die Ausbreitung der griechischen Kultur als das bestimmende Merkmal der Epoche hatte ihre politische Basis in den Ergebnissen des Alexanderszuges. Bereits Alexander selbst hatte versucht, eroberte Gebiete durch Städtegründungen nach griechischem Muster dauerhaft zu sichern, wobei die neuen Städte zugleich der Ansiedlung von Veteranen seines Heeres dienen sollten. Wohl die bedeutendste Gründung dieser Art war Alexandria an der Mündung des Nil. Die Politik der Städtegründungen wurde von seinen Nachfolgern, insbesondere von den Seleukiden, weiterverfolgt, u. a. mit der Gründung von Antiocheia am Orontes als Hauptstadt des Seleukidenreiches.

Diese zunächst durch Eroberungen bedingte Ausbreitung führte zur Übernahme der griechischen Kultur auch durch Staaten und Städte, die niemals von Griechen erobert oder beherrscht worden waren. Ein prägnantes Beispiel dafür ist der mittelitalische Hellenismus, dem auch Rom in der Zeit der mittleren und späten Republik zuzurechnen ist. Der Verweis auf Rom illustriert zugleich, dass der Hellenismus im Kern ein kulturelles, kein rein politisches Phänomen war. Rom war nicht nur zu keiner Zeit von Griechen beherrscht worden, es beherrschte vielmehr seinerseits ab der Mitte des 2. Jahrhunderts direkt oder indirekt nahezu die gesamte östliche Mittelmeerwelt, und damit fast alle griechischen Siedlungsgebiete. Der Verlust der politischen Unabhängigkeit der griechischen Staaten in dieser Zeit hat die Attraktivität der hellenistischen Kultur erstaunlicherweise keineswegs eingeschränkt.

Die zunächst noch selbständige hellenistische Staatenwelt unterschied sich bereits grundlegend von der Polisgesellschaft der klassischen Zeit. Auf der einen Seite entstanden als Territorialstaaten die hellenistischen Großreiche der Antigoniden (Makedonien), der Seleukiden (Syrien, Südosttürkei, zeitweilig auch Teile des Iran) und der Lagiden (Ägypten), die aus den sog. Diadochenkämpfen nach dem Tod Alexanders hervorgegangen waren. Nach längeren Auseinandersetzungen konsolidierten sich auch neue Mittelmächte wie das Königreich Pergamon, die Republik Rhodos, und nicht-griechische Staaten wie Nikomedien und Bithynien im Nordwesten der heutigen Türkei. Im Westen konnte sich allein Syrakus ein größeres, monarchisch regiertes Herrschaftsgebiet sichern, während die übrigen Griechenstädte in Unteritalien im 3. Jahrhundert ihre Autonomie und ihre griechische Bevölkerung weitgehend verloren oder zerstört wurden.

In griechischen Mutterland entstanden in dieser Phase Staatenbünde, mit denen die autonomen Poleis ihre Freiheit zu sichern suchen. Staatenbünde waren zwar an sich schon viel früher entstanden, doch waren sie in älterer Zeit meist Organisationen direkter oder indirekter Herrschaft einzelner Poleis wie Sparta oder Athen. Demgegenüber war der neue Typus jeweils ein Bund (koinon) tatsächlich freier Städte, die ihre Politik kollektiv organisierten. Das gilt auf der Peloponnes für die Achäer und Arkader, und auch für die Aitoler im nordwestlichen Griechenland. Die Bünde zentralisieren ihre Herrschaft nicht durch feste Verwaltungsstrukturen, so dass in ihrem Kontext – anders als bei den großen Monarchien – keine neuen Hauptstädte entstanden. Als Mittelpunkt diente ihnen meist ein Bundesheiligtum. Folge dieser Strukturen war zudem eine tendenzielle Befriedung der Städte, so dass die im vierten Jahrhundert bestehenden Gegensätze zwischen demokratischen und oligarchischen Gruppierungen innerhalb der Städte an Bedeutung verloren. Die Städte wurden in der Regel von einer Honoratiorenschicht reicher Bürger regiert, die durch ihre privaten Mittel die Aufgaben bewältigen konnten, die ursprünglich die Polis selbst finanzierte. Das galt insbesondere für das öffentliche Bauen. Formal hingegen bleiben die alten Strukturen – mit Prytanien, Rat und Volksversammlung – fast überall bestehen.

Neben den alten Poleis stand die schon angesprochene große Zahl neuer Städtegründungen im Osten, vor allem auf dem Gebiet der heutigen Türkei und Syriens, die sog. jüngere griechische Kolonisation. Mit diesen Stadtgründungen verfolgten die Großreiche neben der erwähnten Sicherung ihrer Herrschaft und der Ansiedlung von Veteranen (quasi die Altersversorgung der Soldaten) auch das Ziel der wirtschaftlichen Entwicklung der eroberten Gebiete. Die neuen Städte zahlen entsprechend, im Gegensatz zu den alten Poleis des Mutterlandes, Steuern an die jeweilige Zentralmacht. Weitere wesentliche Unterschiede lagen in der eingeschränkten städtischen Selbstverwaltung, und vor allem in der Bevölkerungsstruktur. In den neuen Städten lebte neben den Griechen eine große Zahl von Einwohnern, die nicht-griechischer Abstammung waren. Deren Teilnahme am öffentlichen Leben setzte das Erlernen der griechischen Sprache voraus, die sich dadurch in fast der gesamten östlichen Mittelmeerwelt fest etablierte.

Gemeinsam war den alten und den neuen Städten in hellenistischer Zeit, dass das urbanistische Niveau der Städte oft weit höher lag als das der klassischen Poleis. Die Anzahl und die Qualität öffentlicher Bauten stieg erheblich. Viele Städte verfügten über politische und Handelsmärkte, die von Säulenhallen (Stoen) eingefasst, und deren Freiflächen gepflastert wurden. Hinzukamen Theater, Gymnasien und Palästren für Sport und Freizeit, öffentliche Bibliotheken und Amtsgebäude für die Verwaltung. Die meisten dieser Gebäudetypen waren an sich älter, wurden in hellenistischer Zeit aber sehr viel häufiger gebaut, und nicht selten mit sehr viel mehr Aufwand. Ein weiterer Unterschied zur klassischen Epoche war der aufkommende Luxus im Bereich der Wohnhäuser wohlhabender Privatleute. Vorbild waren die Paläste der hellenistischen Herrscher, die ihrerseits keine Vorbilder in archaischer und klassischer Zeit hatten. Der private Wohlstand der Oberschicht führte zudem zur Monumentalisierung der Sepulkralarchitektur. Es entstanden z. B. Grabanlagen mit mehreren Räumen, und teilweise unterirdischen Grabkammern.

Die frühe Phase des Hellenismus war, trotz der vielen Kriege, per saldo in vielen Gebieten eine Periode der Moderne und des Wohlstands. In die umgekehrte Richtung verlief die Entwicklung allerdings nach den Eroberungen der Römer. Ihr Ziel war nicht die Entwicklung, sondern die Ausbeutung der Städte, die bis zur Plündung und Zerstörung sowie zur Versklavung der Wohnbevölkerung reichte, wenn die Städte in Aufstände gegen die römische Herrschaft verwickelt waren. Die Zerstörung Korinths (und Karthagos) sind nur die prominentesten Beispiele dieser Politik. Kein römischer Heerführer konnte für sich und seine Truppen den begehrten Triumpfzug vom Senat einfordern, wenn er nicht ein erhebliches Quantum an Kriesbeute präsentieren konnte – seien es Gelder, Sklaven oder auch Kunstgegenstände. Nur ganz wenige Orte blieben von dieser Politik – aus dezidiert strategischen Gründen – ausgenommen, wie etwa Delos, das zum führenden Freihafen im östlichen Mittelmeer ausgebaut wurde, um Rhodos als Zentrum des internationalen Handels zu schwächen bzw. zu ersetzen. Das angesprochene Verhalten der Römer gegenüber den eroberten Gebieten, und der damit einhergehende Substanzverlust der griechischen Städte, ist deutlich am Bauwesen ablesbar: Größere Neubauprojekte gab es in dieser Zeit so gut wie nicht mehr, und schon die Reparatur der Zerstörungen überstieg vielfach die Mittel der Städte. Diese Situation änderte sich erst, als zu Anfang der Kaiserzeit die Römer begannen, in den eroberten Gebieten nicht mehr nur Objekte zu sehen, die sich ausbeuten ließen, sondern Teile des eigenen Staates, die zu entwickeln sich lohnte.

2.2 Bauverwaltung

Die bei weitem wichtigsten Quellen für unsere Kenntnis der Bauverwaltung und Bauorganisation sind in Stein aufgezeichnete Verwaltungstexte. Hinzukommen einige kursorische Informationen aus den literarischen Quellen. Die Bauten selbst bewahren nur punktuell Informationen, etwa im Form von Abrechnungsmarken.7

Das Prinzip, Entscheidungen und Abläufe von öffentlichen Bauprojekten durch Inschriften dauerhaft und öffentlich zu dokumentieren, ist fast so alt wie der griechische Werksteinbau: die ältesten Fragmente solcher Aufzeichnungen datieren in die Mitte des 6. Jahrhunderts. Wirklich fassbar wird die Verwaltungsorganisation in Inschriften aber erst ab der Mitte des 5. Jahrhunderts in Athen. Die geographische Verteilung der Bauinschriften ist vergleichsweise aber noch sehr viel weniger repräsentativ: Erhalten haben sich baubezogene Inschriften zwar aus den meisten Teilen der griechischen Siedlungsgebiete (mit Ausnahme der westgriechischen – unteritalischen und sizilischen – Gebiete), doch stammen die meisten der aussagefähigen Inschriften aus den Heiligtümern Delos, Delphi und Epidauros, sowie aus Athen.

Die Inschriften lassen sich, entsprechend ihrer Bedeutung im Bauprozess, etwa folgendermaßen typisieren:8

Baubeschlüsse öffentlicher Gremien, teilweise mit Bestimmungen für die Konzeption und Durchführung des jeweiligen Projektes,

Projektbeschreibungen;

Stücklisten mit technischen Spezifikationen, teilweise mit Angabe der jeweiligen Lieferanten;

einzelne Leistungsverträge zwischen Baukommissionen und Unternehmern und deren Abrechnung;

periodische Rechenschaftsberichte der Baukommissionen zur Herkunft und Verwendung von Geldmitteln:

allgemeine, gesetzliche Regeln für das Bauen, und speziell für die vertraglichen Beziehungen von Auftraggebern und Unternehmern (‚Bauvertragsrecht‘ bzw. ‚Verdingungsordnungen‘).

Hinzukommen noch Angaben in Dokumenten der allgemeinen Finanzverwaltung, die vor allem die Baufinanzierung oder Mittelzuweisung betreffen, sowie Ehrenbeschlüsse und Ehreninschriften, die auf Bauaktivitäten der Geehrten Bezug nehmen.

In ihrem Aufbau entsprechen diese Inschriften meist den üblichen Regeln für die Dokumentation von Beschlüssen und Verwaltungsvorgängen. Am Anfang der Inschriften, im sog. ‚Praeskript‘, wird meist angegeben, um welches Gremium es sich handelt, wer Mitglied war und gegebenenfalls in welcher Funktion, und die Datierung.

Gewisse Schwierigkeiten für die Interpretation der Urkunden ergeben sich erstens aus der dezentralen politischen Struktur, d. h. der politischen Autonomie der Poleis. Keiner Stadt war es verwehrt, individuelle Organisationsformen und Amtsbezeichnungen festzusetzen. Selbst in Phasen, in denen die politische Autonomie der Poleis massiv beschränkt wurde, blieb das Bauwesen stets einer der wenigen Bereiche, in denen sich die Autonomie der Städte noch geltend machen konnte. Sprachlich sind die auch in amtlichen Urkunden verwendeten Dialekte kaum ein Problem, eher die Interpretation der handwerklich-technischen Termini. Die bei weitem größte Schwierigkeit in der Auswertung der Bauinschriften liegt jedoch in ihrer Erhaltung: Fast immer sind nur mehr oder weniger große Bruchstücke der Inschriften erhalten, manchmal auch Abschnitte durch Erosion oder Zweitverwendung der Steine unleserlich. Die Zuverlässigkeit der Ergänzungen der Texte durch die Herausgeber ist pauschal nicht zu beurteilen. Vor allem dann, wenn mehr oder weniger standardisierte Formulierungen in periodischen Berichten, Listen, bei Praeskripten usw. verwendet wurden, sind Ergänzungen problemlos möglich. Oft jedoch sind für die Interpretation zentrale Begriffe ergänzt, die zwar das Richtige treffen können, naturgemäß jedoch nicht als Beleg für den entsprechenden Sachverhalt herangezogen werden können.

2.2.1 Die Bauherren

Bei der Mehrzahl der Bauten, für die entsprechende Informationen vorliegen, war der Bauherr keine natürliche Person. Selbst bei den Bauten, die sicher auf Initiative von Einzelherrschern errichtet wurden,9 dürfte – rein formell – in den meisten Fällen ein städtisches Gremium den Baubeschluss gefasst haben. In den Stadtstaaten ist für fast alle Bauprojekte die Polis der Bauherr, repräsentiert je nach Verfassung durch einen Rat oder die Volksversammlung. Das gilt oft selbst dann, wenn – wie vor allem im Hellenismus – faktisch eine einzelne Person den betreffenden Bau durch Bereitstellung entsprechender Geldmittel finanzierte. Vereinzelt treten in den Städten auch private Körperschaften auf, die für die von ihnen initiierten Projekte (meist Kult- und Versammlungsbauten) die Genehmigung der städtischen Körperschaften benötigten.10 Über private Bauherrn, die für sich selbst Wohnhäuser oder Gewerbebauten errichteten, wissen wir nahezu nichts, sieht man von einigen vereinzelten Nachrichten aus dem ptolemäischen Ägypten ab, die sich kaum für die genuin griechischen Gebiete verallgemeinern lassen.11

In den gemeingriechischen Heiligtümern trat als Bauherr entweder das leitende Gremium des Heiligtums auf, oder aber auswärtige Stifter. Die Mitglieder der Gremien, die den Heiligtümern vorstanden, wurden meist von der Stadt delegiert, auf deren Territorium das Heiligtum lag, wie für die Boulé von Olympia durch Delegierte der Stadt Elis (seit dem frühen 5. Jh.). Es gab jedoch auch kollektiv verwaltete Heiligtümer, die von einer Amphiktyonie (ἀμφυκτιονία) geleitet wurden, was ursprünglich wohl eine Delegiertenversammlung aus mehreren Städten des jeweiligen Umlandes meinte. Fast den Status einer nationalen Körperschaft hatte die Amphiktyonie von Delphi, der in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts zwölf ‚Stämme‘ (ἔϑνη) angehörten, die die meisten der griechischen Siedlungsgebiete repräsentierten. Sie tagte zweimal im Jahr, konnte also kein Bauprojekt selber leiten. Als Stifter traten in den Heiligtümern auch auswärtige Städte, Staatenbünde, Alleinherrscher und kultische Vereinigungen auf (jeweils mit vorheriger Genehmigung durch die Leitung des Heiligtums), wobei das Bauwerk den Charakter eines Weihgeschenks an eine Gottheit des Heiligtums hatte, wie sich aus Weihinschriften auf vielen Bauten ergibt.

Als Person bekannte Bauherrn sind zunächst meist Alleinherrscher wie Könige oder Tyrannen. Den Herrschern der sog. älteren Tyrannis der archaischen Zeit schreiben die antiken Quellen häufig die Initiative für große Bauprojekte zu: Polykrates von Samos für einen Tempel der Hera, Lygdamis von Naxos für den Apollontempel der Insel, die Peisistratiden in Athen für das Olympieion, Theron von Akragas für das dortige Olympieion. Auch die beiden archaischen Großbauten in Syrakus, der Apollontempel und das Olympeion, werden Alleinherrschern zugeschrieben. Direkt durch Quellen belegen lassen sich die Initiativen der Tyrannen zwar in keinem Fall, doch besteht kaum Zweifel, dass solche Großprojekte kaum gegen, oder auch nur ohne aktive Unterstützung der Tyrannen hätten begonnen werden können. Das Fehlen expliziter Quellen bedeutet zugleich, dass nicht zu beurteilen ist, inwieweit die Tyrannen als Bauherren direkt am Entwurfsprozess beteiligt waren.

Aus dem 5. Jahrhundert kennt man vereinzelt ‚private‘ Stifter, meist Adelige, die aus wohlhabenden Familien stammten und öffentliche Ämter wahrnahmen. Ab dem späten 4. Jahrhundert kennt man auch Stifter, die durch Gewerbe zu Vermögen gekommen waren. In hellenistischer Zeit hängen städtische Bauprojekte zunehmend stärker von der Finanzierung durch lokale Honoratioren ab. Aufgrund entsprechender Ehrungen und Danksagungen durch die Städte sind einige von ihnen namentlich bekannt.

2.2.2 Baufinanzierung

Bauen war schon in der Antike teuer.12 Genaue Zahlen für die Gesamtkosten von Bauten sind zwar in keinem Fall bekannt, doch geben Zahlungsanweisungen für einzelne Aufträge hier ansatzweise Aufschluss. Nur zur Verdeutlichung der Dimensionen sei hier eine grob überschlägige Umrechnung aufgemacht. Der Parthenon – wohl der teuerste Tempelbau im griechischen Mutterland – hat nach einer modernen, im allgemeinen von der Forschung akzeptierten Kalkulation etwa 800 Talente oder 4,8 Millionen Drachmen gekostet.13 Der übliche Tageslohn für einen qualifizierten Handwerker betrug seinerzeit eine Drachme. Rechnet man dafür heute mit einhundert Euro, so käme man auf etwa eine halbe Milliarde Euro Gesamtkosten, die von einem Stadtstaat, in diesem Falle dem reichen Athen, aufgebracht wurden. Jenseits solcher Zahlen sind die nicht selten überlangen Bauzeiten ein Hinweis darauf, wie sehr solche Projekte die Finanzen der Städte belasteten. Von einigen Tempelbauten, wie etwa dem Athenatempel von Priene, weiß man, dass an ihnen jahrhundertelang gebaut wurde. An einigen Großprojekten wurde sogar noch in römischer Zeit gebaut, ohne dass es auch nur annähernd zu einer Fertigstellung gekommen wäre (Samos, sog. Zweiter Dipteros; Didyma, Apollontempel). Es unterliegt dabei keinem Zweifel, dass die Finanzen das Problem waren, nicht etwa Materialmangel oder das Fehlen qualifizierter Handwerker.

Erstaunlich ist, dass trotz der oft enorm hohen Kosten und der Probleme mit unzureichenden Finanzierungen, die ja durch Bauten wie die oben genannten bekannt gewesen sein müssen, in den Quellen sich kaum Hinweise auf Kalkulationen von Gesamtbaukosten finden, und zwar auch dort nicht, wo der Baubeschluss erhalten ist. Einfach war die Finanzierung wohl nur dann, und erforderte auch keine weitergehende Finanzplanung, wenn eine Stadt oder ein Heiligtum über hohe Sondereinnahmen verfügen konnte. Praktisch handelte es sich in solchen Fällen meist um Kriegsbeute. Unter normalen Bedingungen hingegen wurden Bauten meist aus mehreren Quellen finanziert. Die wichtigsten Formen solcher Mischfinanzierungen sollen nachfolgend kurz vorgestellt werden.

2.2.3 Zuweisungen aus öffentlichen Kassen und Abtretungen von städtischen Einnahmen

Ein bekanntes Beispiel für eine Mischfinanzierung ist der Bau des Parthenon in Athen. Die Hauptquelle waren Einnahmen, die Athen durch seine führende Position im delisch-attischen Seebund zuflossen. Der Bund war gegründet worden, um nach den Siegen von 480/79 über die Perser im Mutterland den Krieg fortzuführen, um auch die nach wie vor persisch beherrschten Städte an der türkischen Westküste zu befreien. Da die meisten Bündner keine Schiffe für den Kampf auf See stellten, leisteten sie ersatzweise Zahlungen an die Bundeskasse, die den Städten zuflossen, die über Kriegsflotten verfügten. Da Athen die bei weitem größte Flotte stellte, erhielt es den größten Teil der jährlich erhobenen Zahlungen. Vereinbart war außerdem, dass nach der Verlegung der Bundeskasse von Delos nach Athen von den Beiträgen ein Sechzigstel – die die sog. Aparché – an das Athenaheiligtum auf der Athener Akropolis abgeführt wurde.14 Abgewickelt wurden die Zahlungen in der Weise, dass zunächst die Beauftragten des Seebunds, die Hellenotamiai, die auch die Höhe der Beiträge der Städte festsetzten, einen Teil der Aparché an die Tamiai der Athena, also den Vorstand des Akropolisheiligtums weiterleiteten, die dann ihrerseits der Baukommission für den Parthenon, den Epistaten, Mittel zukommen ließen. Nach demselben Muster war später auch die Sockelfinanzierung für den Bau der großen Toranlage der Akropolis, der Propyläen, organisiert. Diese regulären Zuweisungen waren jedoch mit Sicherheit nicht ausreichend. Das gilt selbst dann, wenn man die zeitgenössischen Vorwürfe, Athen habe weitere Bundesmittel für die Bauten unterschlagen, für unzutreffend hält.15 Aus den, wenn auch nur lückenhaft erhaltenen, Rechenschaftsberichten der Baukommission des Parthenon geht eindeutig hervor, dass der Kommission weitere Zuweisungen aus städtischen Einkünften übertragen wurden. So wurden Mittel aus den Kassen der Stadtmauer-Kommission und der Schiffbau-Kommission für den Bau verwendet, sehr wahrscheinlich auch die Erlöse aus der Verpachtung der Silberminen von Laureion, und wohl sogar auch die vergleichsweise unbedeutenden Erträge städtischer Bäder.16 Ähnlich geringfügig dürfte der Erlös aus dem Verkauf der Häute der Rinder gewesen sein, die bei den Staatsopfern geschlachtet wurden, und in späterer Zeit der Erechtheion-Kommission zugewiesen wurden.17 Bei den Abrechnungen der Einnahmen der Propyläen-Kommission findet sich schließlich ein Betrag von 132 Drachmen, der wahrscheinlich aus den Mieteinnahmen eines Hauses stammt.18

Keine Rolle bei der Finanzierung von Bauten spielten in Athen wie in anderen autonomen Poleis direkte Steuern, denn sie galten allgemein als Charakteristikum tyrannischer Herrschaft.19 Die regulären städtischen Einnahmen hingegen aus Markt- und Hafenzöllen, Verpachtungen usw. reichten kaum hin zur Deckung der laufenden Ausgaben der Städte. Lediglich unter besonderen Umständen konnte eine Polis damit Bauten finanzieren wie etwa die Siphnier, die aus ihren Goldbergwerken derart hohe Erträge zogen, dass sie ihr – ungewöhnlich aufwändiges – Schatzhaus in Delphi allein aus diesen Einnahmen finanzieren konnten.20

2.2.4 Eigenmittel der Heiligtümer

Eine Mischfinanzierung, bei der Eigenmittel21 eine Rolle spielten, ist schon für die archaische Zeit aus Delphi bekannt, denn ein Baubeschluss der Amphiktyonie sah vor, dass ein Viertel der Bausumme (75 Talente) das Heiligtum selbst tragen musste, obwohl entsprechend hohe Reserven gar nicht vorhanden waren22. Das Heiligtum auf Delos hatte, wie aus Inschriften des 2. Jahrhunderts bekannt ist, einen Etat, der jedoch auf die Kosten für den laufenden Unterhalt hin angelegt war, nicht für Bauprojekte. Die Eigenmittel des delischen Heiligtums stammten zum Teil aus Vermögeneinnahmen. Dazu zählten Zinsen aus Darlehn sowie die langfristige Verpachtung von Land, Gärten, Häusern und Fischereirechten (auf zehn Jahre)23. Die Gesamtvermögenseinnahmen sind allerdings nicht bekannt. Für ein nicht lokalisiertes, offenbar kleineres Asklepios-Heiligtum in Athen weiß man durch einen erhaltenen Vertrag, dass es vollständig verpachtet wurde, wobei der Pächter u. a. für Instandhaltungsarbeiten Sorge zu tragen und die Opferkosten zu finanzieren hatte.24

2.2.5 Stiftungen

Stiftungen spielten von Anfang an in den Heiligtümern eine zentrale Rolle bei der Finanzierung. Etwa ab dem 4. Jahrhundert bekamen Stiftungen auch in den Städten immer mehr Gewicht, weil die Poleis wegen des wirtschaftlichen Niedergangs durch die endlosen Kriege selbst für Reparaturen auf die Mittel von Privatleuten angewiesen waren.

Eine sehr früh bereits fest etablierte Form der Stiftung war die Weihung von Kriegsbeute durch Städte oder Einzelherrscher, denn die Vorstellung, ein Sieg sei ohne die Hilfe der Götter denkbar, galt offenbar als Hybris. Gängige Praxis war die Weihung des Zehnten aus der Beute. Üblich waren keine Barspenden, sondern – neben Teilen der Kriegsbeute selbst (wie etwa Waffen) – entsprechend aufwändige Weihgeschenke, die vor allem in den überregionalen Heiligtümern der Selbstdarstellung und Propaganda der Sieger dienten. Viele der bedeutendsten Tempelbauten sind in diesem Sinne als Sieges-Weihgeschenke aufzufassen, wie etwa der Zeustempel in Olympia als Siegesweihung der Stadt Elis (die das Heiligtum seit dem fünften Jahrhundert allein verwaltete), oder die Stoa der Athener in Delphi, die eine entsprechende Inschrift auf dem Stylobat trug.25 Der große Apollontempel auf Delos gehört in den Kontext der Siege in den Perserkriegen. Das Olympieion in Akragas, der Athenatempel in Syrakus und der große Tempel von Himera dürften alle drei auf den Sieg von 480 über die Karthager bei Himera zurückgehen. Natürlich wurde Kriegsbeute auch innerhalb der Städte selbst für Bauprojekte verwandt, wie in Athen zum Beispiel für die kimonische Südmauer der Akropolis oder als Beitrag zur Finanzierung der Propyläen.26

Einzelherrscher traten als Euergeten schon früh auf. Nach Plinius d. Ä.27 waren bereits die Säulen des archaischen Artemisions von Ephesos einzeln gestiftet worden von verschiedenen Königen, unter anderen von dem Lyderkönig Kroisos (‚Krösus‘). Für die Fertigstellung des spätklassischen Nachfolgebaus bot Alexander der Große der Stadt Mittel an, die diese erstaunlicherweise ablehnte.28 Das nicht weit entfernte Priene nahm ein ähnliches Angebot Alexanders für die Fertigstellung des Athenatempels hingegen an.29 Die meisten der hellenistischen Könige, die sich im Gefolge des Alexanderfeldzuges etablieren konnten, folgten Alexanders Vorbild ‚königlich‘ ausgestatteter Hilfen für die Städte – die davon, vor allem wegen der Konkurrenz der Herrscher, erheblich profitierten – und für die großen Heiligtümer, wobei die allgemeine Propagandawirkung sicher im Vordergrund stand. Dort zeugen auch komplette Bauten von diesem Interesse, wie etwa im Kabirenheiligtum auf Samothrake in der Nordägäis das Propylon und das Arsinoeion, Bauten von höchster Qualität, die die in Ägypten herrschenden Ptolemaier stifteten. Gewissermaßen den Höhepunkt dieser Tendenz setzte die Familie Alexanders sich selbst, denn sie ließen innerhalb des Sakralbezirk des Heiligtums von Olympia einen Rundtempel erbauen, in dem keine Götterbilder, sondern die Statuen der Familienmitglieder standen. Aber auch Stiftungen jenseits von direkten politischen Interessen sind bekannt. So finanzierte und organisierte Antiochos IV. den Weiterbau – oder eher Neubau – des ursprünglich peisistratischen Olympieions in Athen, bot aber auch Lebadeia, einem böotischen Landstädtchen, das nie zu seinem Herrschaftsbereich gehören konnte, Mittel für den Weiterbau des dortigen Zeustempels an. Ein hinsichtlich der Baufinanzierung besonders interessanter Fall ist die Stiftung einer großen Stoa in Milet durch Antiochos I., denn die Räume in dieser Stoa wurden als Läden vermietet (‚Kaufhaus‘). Die Mieteinnahmen wiederum sollten auf Dauer den Weiterbau des riesigen Apollontempels von Didyma sicherstellen, von dessen Finanzierungsproblemen oben schon die Rede war.30

Wohlhabende Privatpersonen als Euergeten von Bauwerken traten vereinzelt bereits früh auf. Schon Themistokles, der politische Führer Athens in den Perserkriegen, stiftete einen, sicher kleineren, Tempel in seinem Stadtbezirk der Artemis Aristobulé (der ‚besten Rat gebenden Artemis‘), womit er sicher auf die von ihm selbst initiierte, erfolgreiche Flottenpolitik hinweisen wollte, was ihm jedoch öffentlichen Ärger einbrachte.31 Aus Athen sind – sicherlich nicht große – Heiligtümer bekannt, die von Vereinigungen ausländischer Kaufleute finanziert wurden, so für Isis von ägyptischen, für Aphrodite von zypriotischen Händlern. Auf Delos gab es in hellenistischer Zeit einen Baukomplex der Poseidoniasten von Berytos (Beirut). Das große Gästehaus in Olympia war die Stiftung eines Leonidas aus Naxos (dessen Name zweimal auf dem Gebälk genannt war),32 und auch der heute noch erhaltene ‚Turm der Winde‘ in Athen war die private Stiftung des Andronikos von Kyrrhos aus dem 1. Jahrhundert.33 Weitaus häufiger jedoch waren naturgemäß private Stiftungen geringeren Umfangs. Manche von ihnen lassen die schon angesprochene Finanznot der Städte deutlich erkennen, wenn etwa die Stadt Athen in ihrem Ehrenbeschluss für den Stoiker Zenon von Kition darauf verweist, dass er zur Reparatur eines öffentlichen Bades beigetragen hat;34 dasselbe wird auch in einer Rede des Isaeus erwähnt,35 und man könnte dem Dutzende weitere Beispiele an die Seite stellen.36 Wie ebenfalls bereits angedeutet, nehmen diese Stiftungen im Hellenismus stark zu. Eine besondere Rolle spielen dabei reich gewordene Funktionäre der hellenistischen Herrscher, die in ihren Heimatstädten als Honoratioren und andernorts Euergeten agieren, wobei die Stiftungen auf die Herrscher zurückverweisen: So stiftet ein Privatmann 165/64 Kapitelle und ein Portal zu Ehren der Ptolemaier, bei denen er offenbar seinen Reichtum erworben hatte.37

Die Stiftungen durch Einzelpersonen entwickelten im Laufe der Zeit eigene, relativ feste Formen.38 Der Stifter wurde von der empfangenden Stadt oder dem Heiligtum mit dem Titel Euergetes (‚Wohltäter‘) oder Proxenos mit Niederlassungsrecht (‚Gastfreund‘) geehrt. Die entsprechenden Beschlüsse der Gremien wurden in Form von Inschriften veröffentlicht. Bei bedeutenden Spenden konnte auch eine Ehrenstatue dekretiert werden, oder dem Stifter das Recht zugesprochen werden, eine solche auf eigene Kosten an prominenter Stelle aufzustellen.

2.2.6 Kreditfinanzierungen, Subskriptionen und Umlagen

Bekannt sind schließlich eine Reihe von Finanzierungsinstrumenten, die – gemessen an der Zeitstellung – teilweise sehr modern wirken. So gab es bereits schon früh das organisierte Einwerben von Spenden. Schon das archaische Heiligtum von Delphi betrieb im großen Stil ‚fund raising‘ durch eine Delegation, die nicht nur durch Griechenstädte reiste, sondern selbst in Ägypten vorstellig wurde, wo sie von den dort ansässigen Griechen 20 Minen (=  Talent) erhielt und vom Pharao Amasis tausend Talente Alaunsalz.39 In hellenistischer Zeit wurden die Formen, private Mittel aktiv einzuwerben, noch weiter entwickelt. So wurden für den Bau der Stadtmauer in Oropos zu Ende des 3. Jahrhunderts die städtischen Beamten ermächtigt, Kredite bei städtischen und auswärtigen Gläubigern aufzunehmen. Wegen des ausdrücklich formulierten Ziels niedriger Zinssätze wurden die Anleihen gleichsam mit ‚Bonus‘-Leistungen ausgestattet: Annonciert wurden offizielle Ehrungen durch die Stadt und das Niederlassungsrecht in Oropos. Jedoch nur, wenn Anleihen von mehr als einem Talent zu einem Zinssatz von weniger als 10% gezeichnet wurden. Für niedrigere Kredite, wiederum bis zu einem Mindestbetrag, waren lediglich Ehreninschriften vorgesehen. Ein weiteres Finanzierungsinstrument waren Subskriptionen – öffentlich dokumentierte Geldleistungen ohne Rückzahlung –, wiederum verbunden mit je nach Zeichnungshöhe gestaffelten Ehrungen.40 Dieses Instrument wurde auch für andere städtische Projekte verwendet.

Soweit erkennbar, wurde von einem älteren Finanzierungsinstrument für öffentliche Aufgaben, der Leiturgie, bei Bauprojekten kein Gebrauch gemacht. Als Leiturgien bezeichnete man die zwangsweise Bereitstellung einer öffentlichen Leistung durch eine reiche Privatperson. Leiturgien sind vor allem, aber nicht nur, aus Athen für Choraufführungen und die Ausstattung von Kriegsschiffen bekannt.41 Zu trennen sind diese Leiturgien, die einer Teilkonfiskation des Vermögens gleichkommen konnte, von Umlagefinanzierungen durch die Gesamtheit der Bürgerschaft, wie die Ablieferungspflicht für Schmuck in Ephesos nach dem Brand des Artemisions42. Solche Vermögensabgaben dürfen nur in Ausnahmesituationen angeordnet worden sein.

2.2.7 Unentgeldliche Arbeit

Frondienste der Bevölkerung bei Bauprojekten sind lediglich für die sog. Ältere Tyrannis bekannt. So ließ etwa Aristodemos, der Tyrann von Cumae (bei Neapel) am Ende des 6. Jahrhunderts ein Wassergraben rings um das Territorium der Stadt anlegen, wobei jeder Bürger verpflichtet war, ein bestimmtes Quantum Erde auszuheben. Plutarch gibt an,43 dass der Graben nicht aus fortifikatorischen, sondern aus politischen Gründen angelegt worden sei. Durch den Bau sollte es den Bürgern an Zeit und Kraft fehlen für einen Aufstand gegen den Herrscher. Nahezu dieselbe Interpretation gibt Aristoteles für den Bau des Tempels des olympischen Zeus in Athen durch die Peisistratiden und für die Errichtung der „samischen Monumente“44 durch Polykrates. Die Bauprojekte wären unternommen worden, „damit die, die in täglicher Arbeit stehen, keinen Anschlag unternehmen“.45 Zudem würden die Projekte zur Verarmung der Bevölkerung beitragen, was ebenfalls der Sicherheit des Tyrannen zugute käme. Nach Aristoteles hätte dieses Motiv schon dem Bau der Pyramiden in Ägypten zugrunde gelegen. Ähnliche Deutungen finden sich bereits bei Platon.46

Berichte über Kriegsgefangene, die zur Mitarbeit an Bauprojekten herangezogen wurden, gibt es aus Sizilien. So wurden die athenischen Kriegsgefangenen nach der Niederlage gegen Syrakus dort zu Steinbrucharbeiten herangezogen. Auch beim Bau des riesigen Olympieions von Akragas nach dem Sieg der Griechen bei Himera von 480 soll der Tyrann Theron punische Gefangene eingesetzt haben. Dies wurde gleichsam als Siegeszeichen am Bau selbst dargestellt. Die riesigen Stützfiguren unterhalb des Gebälks (‚Telamones‘) sollen die Kriegsgefangenen darstellen.47. Im Mutterland wurde von Kriegsgefangenen aus Lesbos der Graben um die Stadtmauer von Samos angelegt.48

Sklavenarbeit spielt hingegen eine erstaunlich geringe Rolle. Inschriftlich bekannt ist die Steinmetzarbeit der Tempelsklaven in Didyma, die dort neben den Kleinunternehmern tätig waren. Solche Unternehmer beschäftigten allerdings ihrerseits neben Freien auch Sklaven, deren Arbeitsleistung in den Urkunden zum Erechtheion allerdings genauso abgerechnet wurde wie die der Freien. Die Sklavenarbeit war für den Bauherrn demnach keineswegs unentgeldlich. Freiwillige, unentgeltlich geleistete Arbeit der Bevölkerung kam wohl nur in Ausnahmesituationen vor, wie etwa beim Bau der themistokleischen Stadtmauer in Athen nach der Zerstörung durch die Perser von 479, und ebenso in Syrakus bei der Stadtmauererweiterung durch Dionysios. Fron- und Zwangsarbeit dürfte im Übrigen auch schon deshalb auf den Baustellen keine große Rolle gespielt haben, weil der überwiegende Teil der Arbeiten ausgebildete Fachkräfte erforderte, wie beispielsweise die Erechtheion-Abrechungen zeigen, in denen nur sehr wenige ‚Hilfskräfte‘ ausgewiesen werden.

2.2.8 Projektmanagement

Ein nur periodisch tagendes Gremium mit umfassender Zuständigkeit wie der Rat einer Stadt oder eines Heiligtums konnte naturgemäß nicht selbst ein Bauprojekt leiten, bei dem ständige Präsenz erforderlich war. Demgemäß wurden die Projekte immer delegiert an einen Repräsentanten des Bauherrn, der zwischen diesem und den Ausführenden vermittelte. Zwei Formen dafür lassen sich unterscheiden. Die erste, weil historisch ältere Form ist die Übergabe des Projekts zur Durchführung an eine einzelne Person mit umfassenden Kompetenzen. Die zweite Form ist die Delegation des Projektes an eine Behörde. Was sich hingegen nirgendwo belegen lässt, sind zwei aus anderen Epochen und Kulturen als Standard bekannte Organisationsformen, nämlich die Übergabe der Bauleitung an den entwerfenden Architekten49 oder eine Bauhütte. Es ist zudem kein Architekt nachweisbar, der als Inhaber eines Bauunternehmens ein komplettes Bauprojekt übernommen hätte.50 Charakteristisch ist für das Bauwesen vielmehr, dass die Oberleitung stets – in Gremien mindestens mehrheitlich – bei Personen lag, die Bauen nicht als Beruf betrieben.

Das archaische System der personalen Gesamtverantwortung

Die Projektleitung durch eine einzelne Person (oder Familie) findet man ausschließlich in archaischer Zeit. Die konkreten Nachrichten darüber sind mehr als spärlich und lassen kaum mehr als die Grundform der Organisation erkennen: Ein sonst unbekannter Agathokles wurde in Syrakus als Epistat mit dem Bau eines Athenatempels beauftragt,51 die Amphiktyonie von Delphi übergab den (spätarchaischen) Neubau des Apollontempels der Familie der Alkmaioniden,52 und in Akragas auf Sizilien leiteten die späteren Tyrannen Phalaris und Theron Bauprojekte im Namen der Stadt.53 Soweit bekannt, waren alle genannten ‚Projektleiter‘ Angehörige des Adels, und damit keinesfalls Unternehmer, da kommerzielle Erwerbsarbeit für den griechischen Adel ebenso tabu war wie für den römischen. Nach den übertragenen Geldmitteln (im Fall des Phalaris 200 Talente, d. h. ca. 5000 kg Silber; in Delphi sogar 300 Talente) und anderen Nachrichten zu urteilen, wurde die Bauleitung jeweils für das gesamte Projekt übertragen. Die kurzen Berichte über die beiden Tyrannen zeigen, dass sie über die übergebenen Geldmittel frei verfügen konnten. Etwas anders lag der Fall bei den Alkmäoniden, denn zwischen ihnen und der delphischen Amphiktyonie müssen konkretere Vereinbarung über den Bau bestanden haben, da berichtet wird, dass die Familie die Front in Marmor ausführen ließ, obwohl preiswerteres Material abgesprochen worden war. Auch in diesem Falle war die Gesamtverantwortung offenbar sehr weit gefasst, da sie (positive) Änderungen der Absprache zuließ. Vor allem das Beispiel der Alkmäoniden, die Eigenmittel zuschossen, könnte darauf hinweisen, dass die Übertragung der Gesamtverantwortung zugleich bedeutete, dass die ‚Projektleiter‘ die erfolgreiche Durchführung des Projektes persönlich garantierten. In diesem Punkt wäre die archaische Form der Projektleitung durch Einzelpersonen ähnlich den angesprochenen Leiturgien aus späterer Zeit, denn bei den Leiturgien wurden ebenfalls einer Einzelperson staatliche Finanzmittel zur Erbringung einer öffentlichen Aufgabe übertragen, wobei die betreffenden Personen die Erbringung der Leistung persönlich zu garantieren hatten, also im Bedarfsfall zusätzliche eigene Mittel zuzuschließen hatten. Der Unterschied wäre dann nur der, dass die Leiter der Bauprojekte die Aufgaben freiwillig, vielleicht sogar auf eigene Initiative hin übernahmen. Bei den Leiturgien war die Unterfinanzierung der Regelfall.

Die hier angenommene Verpflichtung zum Nachschießen privater Mittel dürfte einige Eckpunkte der archaischen Organisationsformen erklären. Erstens wäre dadurch verständlich, warum die Projektleiter stets reiche Adelige waren und keine kommerziellen Unternehmer, denn nur der Adel konnte sich leisten, erforderlichenfalls Eigenmittel zuzuschießen, die einen Unternehmer nicht hatte oder die ihn ruiniert hätten. Das sicherte zugleich die Exklusivität der Aufgabe, also Prestige für den Leiter, und machte die Aufgabe damit für den Adel würdig. Das Prestige-Motiv wiederum erklärt, weshalb die Bauleitung nicht, wie später, jährlich wechselte, denn nur wenn der Bau als Ganzer einer Person zugeschrieben werden konnte, war der Prestigewert entsprechend hoch, und damit attraktiv für Mitglieder führender Kreise. Es würde schließlich erklären, warum aus keinem dieser Projekte Abrechnungsurkunden, wie sie später üblich wurden, bekannt sind, denn wenn die Projekte ohnehin unterfinanziert waren, war eine Finanzkontrolle durch den Bauherrn überflüssig oder sogar kontraproduktiv, weil sie die persönliche Integrität des adeligen Bauleiters in Zweifel gezogen hätte. Die beschriebene Form der Bauleitung entspräche damit allgemein den Strukturen einer Adelsgesellschaft, die bürokratische Strukturen kaum kannte, und in der personale Beziehungen und Wertesysteme dominierten. Der Normalfall dürfte gewesen sein, dass der vom Adel gebildete Rat einfach eines seiner Mitglieder mit der Gesamtverantwortung beauftragte.

Die überlieferten Nachrichten zeigen jedoch auch die problematische Seite dieser Verfahrensweise. Der erwähnte Agathokles veruntreute die ihm übertragenen Mittel für den Bau seines Privathauses, was zu einem Prozess gegen die Familie führte, denn er selbst wurde – so der Bericht – von der Göttin wegen der Veruntreuung ihres Eigentums mit einem Blitz erschlagen. Die genannten Adeligen aus Akragas verwendeten das Geld des Rates gar, um damit Söldner anzuwerben und der Stadt eine Tyrannis aufzuzwingen.54 Die demokratisch verfassten Stadtstaaten der klassischen Zeit haben jedenfalls aus solchen Fehlentwicklungen ihre Konsequenzen gezogen und niemals auf Dauer ähnlich umfassende Kompetenzen und Machtmittel an Einzelpersonen vergeben.

Die Baubehörden der klassischen und hellenistischen Zeit

Bauleitung durch Einzelpersonen kam zwar in Einzelfällen auch später noch vor,55 in der Regel wurden jedoch die Bauprojekte von Behörden oder Kommissionen mit mehreren Mitgliedern geleitet. Die wesentlich wichtigere Änderung war aber, dass die Bauleiter nunmehr Wahlbeamte auf Zeit mit Rechenschaftspflicht waren. Welche Behörde konkret mit einem Bauprojekt beauftragt wurde, hing von der Verwaltungsorganisation der jeweiligen Polis, der Art der Projektes, und vor allem von dessen Umfang ab. Kleinere Bauaufgaben wurden oft an allgemeine Behörden überwiesen, die auch andere Funktionen wahrnahmen. Im einfachsten Fall waren die Prytanen zuständig, die man in etwa als ständig tagenden Unterausschuss des Stadtrates beschreiben kann, der für alle kurzfristig anfallenden Entscheidungen zuständig war,56 oder auch in Heiligtümern wie in Eleusis57 oder auf Delos58 die Vorsteher, die Bauprojekte zusätzlich zu ihren sonstigen Aufgaben betreuten.59 Speziell für die Vergabe öffentlicher Aufträge zuständig waren Gremien wie die Egdoteres in Tegea, Sparta oder Epidauros,60 die zur Vergabe der Aufträge auch in umliegende Städte reisten,61 und die Poleten in Athen. Sie wurden jeweils auf Basis von Beschlüssen des Rates oder der Volksversammlung tätig.62

Bekannt sind jedoch vor allem die ständigen Behörden, die ausschließlich mit der Leitung von Bauprojekten betraut waren. Hierher rechnen vor allem die Teichopoioi, eine in verschiedenen Städten nachweisbare, ständige Kommission für die Stadtmauern.63 Ähnliche Behörden sind die für die Straßen in Athen zuständigen Hodopoioi, die durch Los bestimmt wurden;64 sowie die sog. Ausrüster der Heiligtümer, die für laufende Reparaturen an Tempeln einen festen Etat zur Verfügung hatten,65 und die Behörde für den Bau von Kriegschiffen (Trieropoioi). Für den Schiffbau wurde ein Architekt genannter Schiffbaumeister vom Volk direkt gewählt.66 Ein vergleichbares Amt für den Hochbau gab es jedoch offenbar nicht. Aus den Heiligtümern sind ebenfalls ständige Ausschüsse für bauliche Fragen bekannt.67 Für das Asklepiosheiligtum von Epidauros kennt man einen ganzjährig beschäftigten Architekten.

2.2.9 Baukommissionen

Soweit erkennbar, wurden etwa ab der Mitte des 5. Jahrhunderts große Bauprojekte aus dem Aufgabenbereich der ständigen Behörden ausgegliedert und von eigens eingesetzten, projektbezogenen Kommissionen geleitet.68 Zur Illustration des grundlegenden Verfahrens sei zunächst eine entsprechende Inschrift aus Athen , das sog. Nikedekret IG I3 35, in leicht gekürzter Form zitiert:

„[(Die Phyle) Leontis hatte die Prytanie inne. Beschlossen haben der Rat und da]s [Vol]k, [… war Epistates, Gl]aukos stellte den Antrag: [Für die Athena Ni]ke soll man eine Priesterin, welche d[urch das Los] aus sämtlich[en] Athenerinnen [bestimmt wird, einsetz]en und das Heiligtum mit einer Tür ausstatten in der Weise, wie Kallikrates in seinem Entwurf es festlegt; den Auftrag vergeben sollen die Poletai in der Prytanie der (Phyle) Leontis. […] Einen Tempel soll man bauen in der Weise, wie Kallikrates in seinem Entwurf festlegt, sowie einen Altar aus Marmor. vacat. Hestiaios stellte den Antrag: Drei Männer soll man wählen aus dem Rat; diese sollen, wenn sie gemeinsam mit Kallikrat[es] den Entwurf ausgearbeitet haben, in[formieren den Ra]t, in welcher Weise die Auftr[agsvergabe erfolgen soll…].“

Die stark ergänzten Reste der ersten Zeilen sind das sog. Formular, die den Text als Volksbeschluss (psephisma) ausweisen. Ergänzbar ist es vor allem deshalb, weil es sich um weitgehend standardisierte Formulierungen handelt. Die Angabe der Prytanie datiert den Monat, da die Prytanen nur 35 Tage amtierten. Die Jahresdatierung durch Angabe des Namens des jährlich bestimmten Oberbeamten (archon eponymos) fehlt. Die Inschrift wird wegen der Buchstabenformen (dreigestrichenes Sigma) auf ca. 450 datiert. Der Beschluss durch das Volk und den Rat bedeutet, dass verfassungsgemäß der Beschluss der Volksversammlung vom Rat vorberaten worden war. Dessen probuleuma im ersten Abschnitt der Inschrift wird ergänzt von dem angenommenen Zusatzantrag des Hestiaios.

Inhaltlich sah der Beschluss vor: die Zuweisung einer eigenen Priesterin an das bereits bestehende Heiligtum der Athena Nike (südlich vom Eingang zur Akropolis), den Verschluss des offenbar bereits ummauerten Heiligtums (temenos) durch eine Tür, und den Bau von Altar und Tempel. Der entwerfende Architekt Kallikrates – er ist als Architekt auch aus anderen Quellen bekannt – war offenbar vom Rat vorher ausgewählt worden, und wurde von der Versammlung bestätigt. Die Bauleistungen sollten von der oben schon erwähnten Behörde für die Vergabe öffentlicher Aufträge, den Poleten, vergeben werden.

Erst durch den Zusatzantrag wurde eine spezielle Kommission aus drei Ratsmitgliedern eingesetzt. Ihre Aufgabe war die Vorbereitung der Auftragsvergabe, d. h. ein Leistungsverzeichnis zu erstellen, das als Basis für die Ausschreibung und Vergabe der Werkverträge an verschiedene Unternehmer dienen konnte. Ein Generalunternehmer war offensichtlich nicht vorgesehen, denn sonst wäre keine vorbereitende Kommission erforderlich gewesen, sondern die Volkversammlung hätte direkt den Generalunternehmervertrag ausschreiben und vergeben können. Solche Generalunternehmer sind aus Athen in klassischer Zeit auch in keinem Fall bekannt geworden, vielmehr wurden stets Verträge für einzelne Bauleistungen abgeschlossen.

Um nun das Leistungsverzeichnis zu erstellen, war ein Bauentwurf erforderlich, aus dem das Leistungsverzeichnis abgeleitet werden konnte. Hier liegt der Grund, warum der Architekt Kallikrates zur Zusammenarbeit mit den drei Ratsmitgliedern bestimmt wurde. Kallikrates war also der entwerfende Architekt. Ob er formelles Mitglied der Kommission war, und damit stimmberechtigt, geht aus der Urkunde nicht eindeutig hervor.

Es sind hier folglich zwei alternative Organisationsmodelle benannt, wobei das Probuleuma für das ältere Modell der Arbeitsteilung zwischen Architekt und ständiger Ausschreibungsbehörde steht, der Zusatzantrag hingegen für die Kooperation von Architekt und Ratsmitgliedern in einer Kommission speziell für dieses Projekt.

Aus der zeitgleichen Arbeit der Parthenon-Kommission (aktiv ab 449) ist bekannt, dass die Kommissionen die Vertragstexte nicht nur formulierte, sondern – nach Bestätigung durch die Volksversammlung, wie im Nike-Dekret vorgesehen – auch die Prüfung und Abrechnung der Vertragsleistungen vornahm. Das wiederum bedeutete, dass die Kommission während der gesamten Projektdauer aktiv war, und die Gelder für den Bau verwaltete, wie für die Parthenon-Kommission ebenfalls belegt ist.

Für die These, dass diese Übertragung der Bauverwaltungsaufgaben von der allgemeinen und ständigen Behörde hin zu speziellen Baukommissionen in dieser Zeit erfolgte, spricht auch eine Inschrift aus dem Heiligtum von Eleusis,69 die die Behörden des Heiligtums anwies, die Arbeitsweise der Parthenon-Kommission zu übernehmen. Letztere war also wohl neu und wurde zum Paradeigma, zum Vorbild für die Organisation auch anderer Vorhaben. Im folgenden sei nun die Arbeitsweise solcher Baukommissionen zusammenfassend dargestellt.

Baukommissionen trugen unterschiedliche Amtsbezeichnungen.70 Teils wurden sie einfach allgemein als Epistatai (‚Aufseher‘)71 oder Epimeleten (‚Verwalter‘)72 des jeweiligen Projekts bezeichnet, teils bezieht sich die Bezeichnung auf die Funktion (in Delphi, Lebadeia, Athen etwa Naopoioi = ‚Tempelbauer‘, analog gebildet zu den schon erwähnten Teichopoioi = ‚Mauerbauer‘). Vereinzelt trugen die Beamten auch direkt den Namen des zu errichtenden Baus wie die Thymelepoioi in Epidauros. Thymelé ist die dortige Bezeichnung für einen Rundbau73 (allgemein: Tholos), wodurch schon im Namen klargestellt war, welchem Bau die Kommission vorstand.74 Die Bestellung der Kommissionen erfolgt meist gemeinsam mit dem Baubeschluss durch die obersten Gremien der Städte und Heiligtümer. Ihnen als Bauherrn waren die Kommissionen rechenschaftspflichtig bzw. entsprechenden Unterausschüssen, beispielsweise den Athen und andernorts Logistai genannten Rechnungsprüfern75). Meist enthielt der Baubeschluss zugleich die Festlegung der Anzahl der Mitglieder (meist fünf, gelegentlich auch nur drei76), die direkt gewählt wurden.

Die Wahl der Kommissionsmitglieder erfolgte in Athen in der Volksversammlung auf Vorschlag, ähnlich wie die der Schiffbau-Kommissionen, und generell der kriegswichtigen Ämter.77 Baukommissionsmitglieder wurden also nicht durch Losverfahren berufen wie etwa die erwähnten Poleten, die Beamten der einfachen Verwaltung generell78 und die Mitglieder vieler anderer, auch bedeutender Ämter bis hin zu den neun Archonten (‚Oberbeamte‘). Spezielle Beschränkungen sind kaum bekannt. Fachlich einschlägige Qualifikationen wurde, wie bei der Besetzung anderer Ämter auch, nicht zwingend verlangt.79 Wahrscheinlich galten aber die jeweils üblichen Auswahlkriterien für Beamtenpositionen jeder Art. Gefordert wurde das Bürgerrecht80, Schuldenfreiheit gegenüber dem Staat81 und ein Mindestalter. Letzteres geht indirekt auch aus dem Nike-Dekret hervor, wo die Kommissionsmitglieder Ratsmitglieder sein mussten, die wiederum mindestens 30 Jahre alt zu sein hatten. Dieselbe Altersgrenze galt etwa in Tanagra.82 Möglicherweise konnte unter bestimmten Bedingungen die Wahl nicht abgelehnt werden.83

Die Amtsperiode blieb in den Beschlüssen meist ungenannt, weil sie den allgemeinen Regeln für die Ausübung von Ämtern entsprach. Ämter wurden als Jahresämter vergeben.84 Vereinzelt war die Amtszeit auch kürzer, wie etwa die des Sekretärs einer Kommissionen in Epidauros mit nur sechs Monaten.85 Die Amtsperiode war also stets wesentlich kürzer als die Bauzeit selbst mittelgroßer Projekte. Da Verlängerung bzw. Wiederwahl nur in Ausnahmefällen vorkam,86 bestand für kein Mitglied die Möglichkeit, wie in archaischer Zeit ein Bauprojekt vollständig zu leiten oder zu kontrollieren. Honorierung ist in einigen Fällen bekannt. Sie liegt jeweils auf dem Niveau der Handwerkerlöhne, eher sogar darunter. Die Epistaten einer Kommission in Eleusis erhielten vier Obolen täglich,87 der Architekt der Erechtheion-Kommission erhielt eine Drachme, der zweite Sekretär fünf Obolen.88 Zum Vergleich: Der Handwerkerlohn betrug in dieser Zeit etwa eine Drachme pro Arbeitstag; zwei Obolen täglich betrug die Invaliden-Unterstützung in Athen im 4. Jahrhundert.89 Aus der Bezahlung darf aber gleichwohl nicht auf ein geringes Prestige der Amtsinhaber geschlossen werden, denn sie orientierte sich einfach an der üblichen Honorierung öffentlicher Ämter. Mehr als eine Drachme pro Tag bekamen selbst die Inhaber höchster Positionen nicht,90 weil das Honorar eher als eine Aufwandsentschädigung denn als ein Gehalt verstanden wurde.

Die interne Struktur der Kommissionen kennt nur zwei besondere Positionen: den Architekten und Grammateus (‚Schreiber/Sekretär‘). Die Tatsache, dass nie ein Vorsitzender einer Kommission ausgewiesen wird, und zudem, dass die bekannten Kommissionen stets eine ungerade Zahl von Mitgliedern hatten, deutet daraufhin, dass bei unterschiedlichen Meinungen in den Kommissionen abgestimmt wurde, also niemand eine Leitungskompetenz hatte.

Der Kern der Aufgabenstellung war die sachgemäße Verwendung der bereitgestellten Gelder. Das zeigen bereits die älteren Rechenschaftsberichte. Sie nennen die Summe der übernommenen oder neu vereinnahmten Geldmittel, führen die Ausgaben auf (Leistung, Leistungsnehmer, Betrag), sowie die am Ende der Amtsperiode verbliebenen Mittel. Im einzelnen erwähnt wurden der Ankauf von Baumaterialien, die Abrechnung von Werkaufträgen oder die Bezahlung der Handwerker im Tageslohn, sowie die Schlichtung diesbezüglicher Streitfälle. Für letztere konnten gegebenenfalls auch Gerichte herangezogen werden. Mit diesen in den Inschriften greifbaren, eher verwaltungstechnischen Aufgaben und Kompetenzen dürfte die Bedeutung der Kommissionen jedoch noch nicht in jedem Falle angemessen bestimmt sein. Wäre die Arbeit etwa der Parthenon-Kommission auf die bloße Kassenverwaltung beschränkt gewesen, hätte sich wohl kaum jemand wie Perikles – der seinerzeit führende Politiker Athens – in eben diese Kommission hineinwählen lassen.91 Naheliegt, dass die Kommissionen bei großen Projekten ein regelrechtes ‚Projektmanagement‘ dargestellt haben, das erheblichen Einfluss auf die Ausgestaltung des Bauentwurfs hatte.

Über ihre Tätigkeit hatten die Kommissionen Rechenschaftsberichte abzufassen, die als Inschriften veröffentlicht wurden, also auf Stein und ohne Möglichkeit zur nachträglichen Korrektur bzw. Manipulation. Die Berichtsperioden waren teilweise auch kürzer als die Amtsperioden, wie aus Epidauros bekannt ist. Die dortigen Monatsberichte erklären sich durch den monatlichen Wechsel des Schriftführers (katalogos) der Kommission. Man muss in diesem Zusammenhang damit rechnen, dass auch an anderen Orten die Berichtsperioden kürzer waren, denn die inschriftlich erhaltenen Angaben können durch Dokumentationen auf Wachstafeln, die sich nicht erhalten haben, ergänzt worden sein. Solche Dokumente wurden in staatlichen Archiven aufbewahrt, wie in Athen im Metroon, dem Tempel der Göttermutter auf der Agora. Dafür sprechen jedenfalls Aufzeichnungen aus Epidauros, Delos und Delphi, wo Beträge bis zu einer halben Drachme einzeln aufgeführt wurden.92 Solche Angaben könnten in Athen auf den erwähnten Wachstafeln aufgeführt worden sein.

Der offensichtliche Zweck der berichtspflichtigen Kommissionen, die Verhinderung von Unterschlagungen, scheint nicht in jedem Falle durch die neuen Organisationsformen erreicht worden zu sein. Immerhin ein prominenter solcher Fall ist literarisch überliefert für eine Kommission, die man auch aus originalen Inschriften kennt. Für die Schaffung der Gold-Elfenbein-Statue der Athena im Parthenon durch Phidias gab es eine eigene Kommission, deren Mitglied Perikles war. Der Prozess gegen Phidias wegen Unterschlagung von Elfenbein ist schon in der Antike als politischer Angriff auf Perikles verstanden worden, jedoch lassen die fragmentarisierten Quellen keine Auskunft darüber zu, ob allein Phidias als Unternehmer, oder ob die Baukommission selbst auf Unterschlagung angeklagt worden ist.93 Wahrscheinlich war nur Phidias formell angeklagt, indirekt jedoch (und vor allem) Perikles, denn Phidias gehörte zu Perikles‘ persönlichem Freundeskreis, und es darf als sicher gelten, dass sich Perikles für die Vergabe des Auftrags an Phidias eingesetzt hatte.

2.2.10 Die Syngraphé als Arbeitsgrundlage der Baukommissionen

In dem oben erwähnten Nikedekret war vorgesehen, dass der Tempel nach dem Plan des Architekten Kallikrates erbaut werden sollte. Der in der Urkunde für diesen Bauplan verwendete griechische Begriff ist Syngraphé. Die umfangreichste Syngraphé, die erhalten ist, beschreibt den von Philon von Eleusis entwickelten Plan für die zwischen 347 und 329 errichtete Skeuothek, das Arsenals im Piräus-Hafen, in dem die Ausrüstung für ca. vierhundert Kriegsschiffe aufbewahrt wurde (Takelage, Ruder usw.).94

Die Inschrift enthält eine Art Bauplan in Form eines Textes, der bis heute Grundlage für verschiedene Rekonstruktionsvorschläge für die Skeuothek gewesen ist. Jenseits der damit verbundenen Probleme stellt sich im hier diskutierten Kontext vor allem die Frage, warum dieser Text in die Volksversammlung eingebracht und dort auch beschlossen worden ist. Heute würde selbst bei Großprojekten kein Parlament über Blaupausen diskutieren. Die naheliegende Vorstellung, in der direkten Demokratie des athenischen Staates hätte sich die Volksversammlung bis ins Detail mit ihren Bauprojekten befasst, ist bei genauerer Betrachtung kaum tragfähig. Wenn die Volksversammlung sich wirklich mit dem Entwurf als solchem hätte auseinandersetzen wollen, hätte zumindest die Grundrissdisposition in dem Antrag vollständig angegeben sein müssen. Das ist aber nicht der Fall, denn trotz des beachtlichen Umfangs des Textes fehlen dort entwurfsbestimmende Angaben, wie etwa das Joch der beiden inneren Stützenstellungen95.

Umgekehrt sind dort aber wiederum Angaben enthalten, die soweit ins Detail gehen, dass man sich nicht vorstellen kann, dass darüber eine Aussprache in diesem Rahmen hätte stattfinden sollen, wie beispielsweise die Abmessungen der Platten der obersten Schicht des Fundaments, oder die Anzahl der Fundamentplatten unter den Stützen. Beurteilen konnten solche konstruktiven Einzelheiten ohnehin allenfalls Baufachleute, sicherlich jedoch nicht die Mitglieder der Volksversammlung. Nach meinem Verständnis findet sich der Schlüssel für die Antwort auf die Frage, warum solche Projektbeschreibungen trotzdem der Versammlung vorgelegt wurden, in dem schon zitierten Baubeschluss für den Niketempel, bzw. genauer gesagt dem Zusatzantrag des Hestiaios: Er beantragte die Einsetzung einer Drei-Männer-Kommission für die Vergabe der Bauleistungen.96 Für die Arbeit dieser Kommission, d. h. im Wesentlichen für die Formulierung und Vergabe der einzelnen Aufträge, war die Syngraphé die Arbeitsgrundlage, denn aus der Syngraphé konnte die Kommission die Leistungsbeschreibung der zu vergebenden Werkverträge wörtlich übernehmen. Tatsächlich ist die Syngraphé eine einfache Aneinanderreihung der Leistungsbeschreibung der zu vergebenden Werkverträge. Das zeigt unter anderem der Vergleich mit den Formulierungen der hier später noch zitierten Prostoon-Inschrift.97 Die Syngraphé enthielt also de facto Angaben, aus denen die Mitglieder der Volksversammlung Anzahl und Umfang der Verträge abschätzen konnte. Es dürfte der Volksversammlung mithin in der Hauptsache um die Kontrolle über die Vergabe öffentlicher Bauaufträge gegangen sein, die sich aus dem Baubeschluss ergaben, nicht aber um Entwurfsfragen.

Aus der Inschrift lassen sich darüber hinaus wichtige Schlussfolgerungen für das Bauwesen dieser Zeit in Athen ziehen. Erstens beweist sie, dass es weder Bauhütten noch Generalunternehmer in Athen gab, denn andernfalls wäre es überflüssig gewesen, eine eigene Kommission zur Vergabe von Werkverträgen einzurichten. Das belegen im übrigen auch die diversen, fragmentarisch bekannten Rechenschaftsberichte der Athener Baukommissionen, die die Vergabe und Abrechnung solcher Werkverträge dokumentieren. Die Errichtung Bauten wurde demnach stets aufgegliedert in eine Vielzahl von Werkaufträgen, die an eine ähnlich große Zahl von kleineren Unternehmern vergeben wurden (siehe Abschnitt 2.7.2) Zweitens beweist die Inschrift, dass vor Baubeginn eine detaillierte Planung des zu errichtenden Gebäudes vorgelegen haben muss, denn nur auf dieser Basis konnte die Kommission die einzelnen Verträgsleistungen ausschreiben und als Werkverträge vergeben. Worüber die Inschrift hingegen nichts aussagt, ist die Art und Weise, wie griechische Architekten ihre Entwürfe entwickelten. Wie immer das geschah (dazu ausführlich im folgenden Abschnitt), die Inschrift zeigt nur, dass die planenden Architekten wegen des Ausschreibungsverfahrens ihre ausgearbeiteten Entwürfe in Textform präsentieren mussten, damit die Volksversammlung die Arbeiten genehmigen und zur Ausschreibung an Baukommissionen überweisen konnten.

2.3 Planung und Bauentwurf

Angesichts der immensen Bedeutung der griechischen Architektur für die europäische Baugeschichte ist nachvollziehbar, warum die Frage nach den griechischen Entwurfsverfahren von der Forschung schon sehr früh gestellt, und seither kontinuierlich diskutiert worden ist. Die Rekonstruktion des Entwurfs galt und gilt als der eigentliche Schlüssel zum Verständnis der geistigen Leistung, die den Bauten zugrunde liegt. Schon in der Antike selbst wurden die perikleischen Bauten auf der Athener Akropolis für mehr als bloßes Handwerk angesehen.98 Gerade das Entwerfen als eine genuin geistige Tätigkeit spielte auch für die antike Bewertung der Arbeit der Architekten, und damit für ihren sozialen Status, eine wesentliche Rolle.99

Die hohe Bewertung der planerischen Leistung ist allerdings für den heutigen Betrachter der antiken Ruinen keineswegs evident, und zwar paradoxerweise um so weniger, je mehr dieser Bauten er besucht: Wer etwa die Ruinen der acht dorischen Ringhallentempel von Agrigent auf Sizilien gesehen hat, dem dürfte sich, trotz der ohne weiteres erkennbaren Unterschiede in den Details, durchaus der Eindruck vermitteln, ‚immer dasselbe‘ gesehen zu haben, nämlich umlaufende Stufenbauten, Säulen ohne Basis mit scharf kannelierten Graten und Wulstkapitellen, Gebälke mit Triglyphenfriesen, Gesimse mit Nagelplatten usw. Angesichts der offensichtlich strikten Verbindlichkeit des Formenapparats und Ähnlichkeit der Grundrisse wird gar nicht erkennbar, worin die besondere planerische Leistung der Architekten gelegen haben soll. Selbst die Fachleute sprechen bezüglich der Architekturordnungen – der dorischen und ionischen Ordnung – vom sog. ‚Kanon‘, also von etwas, das sich aufgrund verbindlicher Regeln stets wiederholt.100 Der unbefangene Betrachter dürfte auch kaum vom individuellen Gestaltungswillen der Architekten überzeugt werden, wenn er beispielsweise erfährt, dass ungefähr zweihundertfünfzig Jahre nach Beginn des griechischen Monumentalbaus in Stein jemand gewagt hat, eine Säule ionischer Ordnung mit einem Gebälk dorischer Ordnung zu kombinieren.101

Die Auflösung dieses vermeintlichen Widerspruchs besteht vor allem darin zu erkennen, dass die Architekturordnungen den Architekten Baumuster und Typenarsenale keineswegs so klar definiert vorgaben, dass deren Umsetzung eine Frage allein der Handwerkstechnik war. Zwar gewährleistete der Kanon auf der einen Seite im Bereich Gestaltung der Bauglieder Formen, deren ästhetische Qualität bis heute unbestritten ist. Auf der anderen Seite schuf er aber zugleich Probleme, da die Ordnungen in bestimmtem Sinne nicht widerspruchsfrei waren. Griechische Architekten hatten sich mit spezifischen Systemzwängen auseinanderzusetzen, die sie als Kollektiv selbst geschaffen hatten. Folglich hatten sie sich mit Problemen zu beschäftigen, die es in den Architekturen anderer Epochen schlicht nicht gab. Es ist eines der Hauptanliegen dieses Beitrags, diese spezifischen Probleme der griechischen Architektur zu verdeutlichen. Oder etwas schlichter und allgemeiner gesagt: Es soll etwas von dem deutlich werden, worüber die Architekten überhaupt nachgedacht haben, obwohl sie scheinbar doch ‚immer dasselbe‘ gebaut haben.

Die wichtigste Quelle für die Analyse antiker Entwurfsverfahren sind die Bauten selbst. Schriftquellen dazu gab es zwar in der griechischen Antike nicht wenige, denn Architekten haben sowohl ihre Werke kommentiert sowie systematische Fragen in Texten behandelt. Allerdings sind alle diese Schriften verloren. Von ihrer Existenz wissen wir nur durch die Bücher des römischen Architekten Vitruv, und einige kursorische Hinweise in der Literatur.102 Die Entwürfe, die Vitruv selbst präsentiert, gehören stilgeschichtlich zum späten Hellenismus, erklären also gerade nicht, wie die herausragenden Bauten der archaischen und klassischen Zeit entworfen worden sind. Die inschriftlichen Quellen tragen nur sehr begrenzt zur Analyse der Entwurfsverfahren bei, da sie stets nur das Resultat des Entwurfsprozesses widerspiegeln (etwa in Form von Stücklisten oder Abrechnungen), nie aber die Methoden des Entwerfens selbst. Eine besondere Stellung in diesem Kontext haben hingegen die Bauzeichnungen, die sich in Form von Ritzzeichnungen auf einigen wenigen Baugliedern oder Wänden erhalten haben. Auf sie wird im letzten Abschnitt dieses Beitrags eingegangen.

Eine weiteres Methodenproblem der Rekonstruktion des Entwurfsvorgangs aus den Bauten selbst hängt mit den antiken Maßsystemen zusammen. Schon H. Riemann hatte die Forderung aufgestellt, dass ein vollständig rekonstruierter antiker Bauentwurf auch in antiken Maßeinheiten darstellbar sein müsse. Das Grundproblem dabei ist, dass die Griechen – die anders als die Römer nie zu einer staatlichen Einheit gefunden haben – unterschiedliche Maßeinheiten verwendeten, wie schon durch Herodot sicher bezeugt ist.103 Die sog. metrologischen Reliefs wären prinzipiell eine authentische Quelle für die verschiedenen Längenmaße, haben aber aufgrund verschiedener Deutungsprobleme keine Klarheit erbracht.104 Das mit Abstand umfangreichste, wenn auch ebenfalls nicht eindeutig interpretierbare Material für die Bestimung der Längenmaße sind die Bauten.105 Allgemein akzeptierte Fußmaße sind der attisch-ionische Fuß von ca. 29,6 cm, der dorisch-pheidonische Fuß von ca. 32,6 cm, jeweils entsprechend 16 Daktyloi (‚Zoll‘). Hinzukommt die samische Elle (= 1 Fuß) mit 52,1–3 cm. Direkte Quellen zu den verwendeten Maßen gibt es nur wenige.

Haufig tritt nun aber der Fall auf, dass zwei metrisch gemessene Maße zwar in klarer Proportion zueinander stehen, jedoch nicht in antiken Maßeinheiten formulierbar sind: Die 16 Daktyloi eines Fußes lassen beispielsweise ein Teilung in fünf gleiche Teile nicht ohne Rest bzw. Brüche mit großen Nennern zu. Die Frage nach der verwendeten Maßeinheit hat zu einer Vielzahl von Publikationen und Vorschlägen geführt, die ausgesprochen wenig konsensfähige Ergebnisse gebracht haben. Es mag hier genügen darauf hinzuweisen, dass beispielsweise für den jüngeren Aphaiatempel auf Ägina bisher nicht weniger als sieben verschiedene Fußmaße vorgeschlagen worden sind.106 Bekannte Forscher haben sich mittlerweile dezidiert kritisch zur metrologischen Debatte geäußert.107 Im folgenden wird nicht weiter auf diese Diskussionen eingegangen werden, zumal es durchaus praktikable Möglichkeiten gab, mit dem Problem stark gebrochener Werte in sehr einfacher Weise umzugehen, wie im Schlussabschnitt dieses Beitrags gezeigt werden soll.

2.3.1 Die Architekturordnungen und ihre Verwendung

Das Bild der griechischen Architektur wird geprägt von der dorischen und der ionischen Ordnung. Gelegentlich ist zudem von der korinthischen Ordnung die Rede, jedoch ist der Begriff insofern irreführend, als es keine eigenständige korinthische Ordnung gegeben hat, sondern nur einen besonderen Kapitelltypus, der mit den sonstigen Elementen der ionischen Ordnung kombiniert wurde. Es gab zudem noch weitere Kapitelltypen, die – lokal und zeitlich eng begrenzt – ebenfalls für Stützenstellungen verwendet worden sind.108

Abb. 2.1: Ionische Ordnung (Wiegand and Schrader 1904, Abb. 67, modifiziert).

Abb. 2.1: Ionische Ordnung (Wiegand and Schrader 1904, Abb. 67, modifiziert).

Eine ionische Ordnung ist auf Abb. 2.1 dargestellt. Den Fuß der Säule bildete die auf eine quadratischen Standplatte (Plinthe) gestellte Rundbasis, deren kanonische attische Form aus der Folge von Wulst – Kehle – Wulst gebildet wurde. In archaischer Zeit wurden in den ostgriechischen Siedlungsgebieten alternativ auch Basen samischen und ephesischen Typs verwendet, wobei letztere in der Spätklassik wieder aufgegriffen wurde.109

Der Schaft der Säule hatte bei kanonischer Ausbildung 24 Kanneluren, die durch Stege von einander abgegrenzt wurden. Die beiden verbundenen Voluten des Kapitells ruhten auf einem ionischen Kyma (‚Eierstab‘). Den oberen Abschluss des Kapitells bildete eine dünne Platte. Der Architrav, der die Säulen verband, war an der Front durch drei nach oben vorkragende Faszien (Leisten) gegliedert und wurde von einem schmalen Kyma bekrönt. Über dem Architrav folgte entweder direkt ein Zahnschnitt (wie auf der Abbildung), oder aber es wurde dazwischen ein Fries eingeschoben. Letzterer konnte reliefiert sein oder glatt belassen bleiben (‚Blankfries‘). Darüber folgte das Geison, d. h. ein Traufgesims. Die Sima, die den Dachrand bildete, gehörte nicht mehr zu den spezifischen Baugliedern der Ordnung.

Alle Elemente der dorischen Ordnung (Abb. 2.2) unterschieden sich von denen der ionischen Ordnung. Eine Basis gab es in der dorischen Ordnung nicht, der Säulenschaft ruhte unmittelbar auf dem Stylobat. Die kanonischen zwanzig Kanneluren liefen in spitzen Graten direkt gegeneinander, also ohne trennenden Steg wie im Ionischen, und waren zudem deutlich weniger tief als dort. Dorische Säulenschäfte waren darüber hinaus stets weniger schlank als ionische Schäfte. Das dorische Kapitell bestand aus dem Hypothrachelion, d. h. dem oberen Auslauf der Kanneluren, der von Anuli (kleine Leisten) abgeschlossen wurde, darüber dem Echinus, ursprünglich einem Wulst, der in klassischer Zeit tendenziell auf einen Kegelstumpf reduziert wurde, und dem abschließenden Abakus, einer quadratischen Platte ohne Ornament. Die Formen des Gebälks wurden bestimmt durch den Triglyphenfries. Er bestand aus einer alternierenden Reihe von Triglyphen und Metopen, wobei bis in das 4. Jahrhundert jeweils zwei Triglyphen und zwei Metopen einem Joch entsprachen, später auch drei oder – vor allem bei Kleinarchitekturen – noch mehr. Die Form der Triglyphen war bestimmt durch die drei vertikalen Glyphen (Kerben), im Zentrum zwei und an den Ecken jeweils ein Halbglyph. Die Glyphen waren im Schnitt meist leicht stumpfwinklig, später auch rechtwinklig. Bekrönt wurden die Triglyphen, ebenso wie die Metopen, von einer einfachen Faszie (Leiste). Die Metopen waren meist einfache Platten, konnten aber auch mit Reliefs versehen werden. Der Architrav hatte ebenfalls eine durchgehende obere Leiste, und dazu, nur im Bereich der Triglyphen, eine Regula, d. h. eine weitere, etwas niedrigere Leiste, an der sechs Guttae (konische Tropfen) angearbeitet waren. Das Geison, d. h. das umlaufende Gesims, war durch Mutuli (Nagelplatten) gegliedert, die ebenfalls den Rhythmus des Frieses wiederholten. Die Mutuli waren üblicherweise mit drei Reihen zu je sechs Guttae verziert. Die vertieften Teile des Gesims zwischen den Mutuli werden als Viae bezeichnet. Der Wechsel von Mutuli und Viae erfolgte so, dass jedem Triglyphen ein Mutulus entsprach, jeder Metope ein Mutulus und zwei Viae. Im Gegensatz zum Horizontalgeison war die Unterseite der Giebelgeisa nicht ornamentiert, sondern als einfache Traufnase ausgebildet. Die Stirn der Geisa war in der Regel mit einem schmalen Kyma bekrönt. Die Sima über dem Gesims war – wie im Ionischen – kein Teil der Ordnung.

Abb. 2.2: Dorische Ordnung (Adler and Curtius 1892, Tf. 26, modifiziert).

Abb. 2.2: Dorische Ordnung (Adler and Curtius 1892, Tf. 26, modifiziert).

Zu den Ordnungen gehörten neben den beschriebenen Formen der Bauglieder von Stützenstellungen auch bestimmte Formen der Ausbildung von freistehenden Mauerzungen. Sie wurden jeweils seitlich durch vorspringende Leisten verstärkt, im Ionischen mit gleicher Tiefe, im Dorischen asymmetrisch, wobei die schmalere Leiste der Außenseite der Mauerzunge zugeordnet war. Durch diese verstärkenden Leisten lief die Mauer in eine Art von Pfeiler aus, der als Ante bezeichnet wird. Bekrönt wurde die Ante in beiden Ordnungen wie eine Säule von einem je eigenen Kapitelltypus, der der rechteckigen Form des Antenpfeilers entsprach. Im Sockelbereich von Wänden und als oberer Wandabschluss wurden oft profilierte Leisten verwendet, sog. Kymatien, wobei ionische und dorische allerdings relativ frei eingesetzt wurden, häufig kombiniert mit dem sog. lesbischen Kyma (einer Art Blattwelle). 110

Der strukturelle Unterschied zwischen den beiden Ordnungen im Bereich der Stützenstellungen besteht darin, dass im Dorischen die Gebälkformen durch ihre horizontale Gliederung einen Rhythmus haben, der auf die Säulenstellung Bezug nimmt. Daraus ergaben sich für den Bauentwurf spezifische Anforderungen und Probleme, die in der ionischen Ordnung mit ihrer ungegliederten, bandförmigen Ornamentik nicht auftraten (s. u.). Als System betrachtet, hat die dorische Ordnung daher eine höhere Komplexität, und war für entwerfenden Architekten entsprechend die anspruchsvollere Aufgabe. Umgekehrt war die Ausbildung der Formen der Bauteile im Ionischen differenzierter, und forderte entsprechend mehr Können auf Seiten der Steinmetzen und mehr Arbeitsaufwand.

Abb. 2.3: Moderne Stützenstellung aus Holz mit Angabe der entsprechenden Termini der antiken griechischen Architekturordnungen (W. Osthues).

Abb. 2.3: Moderne Stützenstellung aus Holz mit Angabe der entsprechenden Termini der antiken griechischen Architekturordnungen (W. Osthues).

Die Ausbildung der elementaren Formen beider Ordnungen lässt sich historisch nicht mehr nachvollziehen, denn sie sind auch an den ältesten der erhaltenen Resten von Steinbauten bereits gültig ausgebildet. Sicher ist nur, dass es sich nicht um Übernahmen aus älteren Kulturen des östlichen Mittelmeers handelt, mit denen die Griechen in Verbindung standen. Um die Ursprünge in der älteren griechischen Architektur, deren Bauteile aus Bruchstein, Lehm und Holz gefertigt waren, ist jedoch eine Kontroverse in der Forschung entstanden, die sich vor allem an der Frage entzündet hat, ob speziell die dorische Architektur die zuvor bereits ausgebildeten Formen der hölzernen Stützenstellungen wiederholt (sog. Petrifizierung) oder nicht. Die grundsätzlich möglichen Entsprechungen lassen sich selbst an heutigen Stützenstellungen aus Holz aufzeigen (Abb. 2.3). Die Befürworter dieser Annahme können sich auf antike Quellen berufen. So spricht Vitruv ausdrücklich von einer Nachahmung älterer Formen des Fachwerkbaus in der dorischen Steinarchitektur.111 Pausanias überliefert, dass das Heraion im Heiligtum von Olympia (errichtet um 600) ursprünglich eine Ringhalle aus Holz gehabt habe. Eine der originalen Holzsäulen im Opisthodom (dem rückwärtigen Kultraum) hat er im 2. Jh. n. Chr. noch selbst gesehen.112 Zudem kennt man solche Formenübernahmen aus der Holz- in die Steinarchitektur aus der (nicht griechischen) lykischen Grabarchitektur.113 Gegner der Annahme verweisen u. a. darauf, dass die dorischen Gebälkformen in der vorliegenden Form aus technischen Gründen kein Abbild einer älteren Holzarchitektur sein können. So ist es beispielsweise nicht möglich, dass die umlaufenden Triglyphen die Stirnseiten der Deckenbalken einer Holzarchitektur abbilden: Am dorischen Fries liegen die Triglyphen von Fronten und Flanken in einer Ebene, wohingegen bei einer Holzdecke die Längs- und Querbalken übereinander liegen müssen. Auch wird die konische Form der Guttae angeführt, die keine Holznägel gewesen sein könnten, da ihre Basis nach unten weist, was bedeuten würde, dass sie bei Trocknen des Holzes herausfallen würden.114 Zudem sind alternative Erklärungen vor allem für die Herkunft der Form der Triglyphen vorgelegt worden.115 Den technischen Einwänden lässt sich allerdings begegnen, wenn man annimmt, dass es sich bei den dorischen Architekturformen um eine stilisierte Übernahme der älteren Holztechnik handelt, die technische Zwänge des Fachwerks nicht exakt widerspiegeln musste. In der Steinarchitektur waren alle der Holzarchitektur eventuell nachgebildeten Formen ohne konstruktive Funktion, konnten folglich beliebig angeordnet werden. Zu einer Entscheidung in der bis heute kontrovers geführten Debatte wird es vermutlich nur dann kommen, wenn ein Fund erhaltener Teile früharchaischer Holzgebälke eine neue Faktenbasis schaffen würde.

Was sich hingegen auf Basis einer Vielzahl empirischer Befunde beobachten lässt, ist die weitere Entwicklung der Ordnungen. Dazu zählt in erster Linie die schon angesprochene Beschränkung der Freiräume bei der Ausgestaltung der Formen in klassischer Zeit. Das ist allerdings nicht mit einer Standardisierung gleichzusetzen, denn trotz der strikten Ähnlichkeit der Bauteile ist es in Griechenland nie zu einer Serienfertigung von Bauteilen ohne Bezug auf ein konkretes Projekt gekommen.116 In die klassische Periode fällt jedoch zugleich die einzige fundamentale Innovation des Formenapparats der Ordnungen: das korinthische Kapitell. Erstmals nachweisbar ist es als Innenraumkapitell am etwa 430 begonnenen Apollontempel von Bassae.117 Da ausgesprochen aufwändig in der Herstellung, und daher zweifellos entsprechend teuer war, wurde es nur sehr selten an Ringhallen verbaut.118

In hellenistischer Zeit verloren die Ordnungen, in allerdings begrenztem Umfang, an Verbindlichkeit. Die Vermischung der Elemente beider Ordnungen innerhalb von Säulenstellungen tritt allerdings nie an Ringhallentempeln auf, die vielleicht durch ihre sakrale Bedeutung stärker als andere Gebäudetypen den kanonischen Ordnungen verpflichtet waren. Vereinfachungen von Formen sind jedoch auch dort zu beobachten.119 Die wichtigste fassbare Entwicklung innerhalb der Ordnungen betraf jedoch nicht die Grundform der Bauglieder, sondern ihre Proportionen. Die Formen der ältesten Säulenstellungen waren stets massiv, um nicht zu sagen, wuchtig ausgebildet,120 was vielleicht mit der mangelnden Erfahrung hinsichtlich der Belastbarkeit des Steinmaterials zu Beginn des Monumentalbaus zusammenhängt. Umgekehrt findet man am Ende der Entwicklung, im Hellenismus, schlanke Säulen und leichte Gebälke, mit denen man sicherlich die tatsächliche Belastungsgrenze von Stütze-Gebälk-Systemen in Stein erreicht hatte. Beide geschilderten grundlegenden Tendenzen, die lange Zeit zunehmende Verbindlichkeit der Ordnungen und die immer gestreckteren Proportionen, gelten jedoch nicht absolut, so dass Datierungen nicht immer darauf gegründet werden können. Das illustriert das Beispiel des kleinen Tempels von Kardaki, der von einem der erfahrensten Forscher zunächst spätarchaisch datiert wurde, sich später jedoch als Werk eines hellenistischen Architekten erwiesen hat.121

Dass zwei so restringierende Architekturordnungen ihre dominierende Stellung fast ein halbes Jahrtausend lang behaupten konnten, erklärt sich paradoxerweise durch ihre Flexibilität: Ihre technische Struktur als Stütze-Gebälk-Systeme war für fast alle Bauaufgaben und Gebäudetypen der Griechen verwendbar. Da die Formen der Bauglieder, obwohl ursprünglich dem Bereich der Sakralarchitektur zugeordnet, keinen direkten Bezug zum Kultus hatten, konnte man gleichsam mit Selbstverständlichkeit auf sie zurückgreifen, als man begann, auch öffentliche Bauten monumental auszugestalten. Die Profanisierung der ‚Würdeformen‘ (W. Hoepfner) gestattete es den hellenistischen Monarchen und Einzelherrschern, sie an ihren Palästen (die es zuvor nicht gab) zu verwenden, und dadurch angeregt fanden die Ordnungen schließlich Eingang in die Sphäre der luxuriösen privaten Peristylhäuser. Selbst in die ‚Unterwelt‘ drangen die Ordnungen ein, denn ebenfalls aus hellenistischer Zeit finden sich vor allem in Makedonien in größerer Zahl unterirdische Grabanlagen, deren Fronten wie Tempelfronten gestaltet waren.122 Aufs Ganze gesehenm definierten die Architekturordnungen ein Gebäude nicht als sakral, sondern als griechisch.

Abb. 2.4: Grundrissformen griechischer Tempeltypen (W. Osthues).

Abb. 2.4: Grundrissformen griechischer Tempeltypen (W. Osthues).

Das technische Potential der Ordnungen als Stütze-Gebälk-Systeme wird daran deutlich, dass alle in der Epoche neuen Gebäudetypen ohne fundamentale technische Neuerungen auskommen konnten. Die Ordnungen bildeten geradezu eine Art von Baukasten, in dem alles zu finden war, was man brauchte. Wenn man etwa die Propyläen, die große Toranlage am Eingang zur Athener Akropolis genau betrachtet, wird man dort praktisch kein einziges Bauteil finden, dass nicht auch – mit anderer Dimensionierung – am Parthenon vorkommt. Im selben Sinne ließe sich aus den Baugliedern eines Ringhallentempels eine Risalit-Stoa, eine Säulenhalle mit monumentalem Eingang, zusammensetzen. Eine Tholos, d. h. ein Rundtempel, unterscheidet sich im Querschnitt in keiner Weise von einem Peripteros.123 Teilweise sind die Gebäudetypen direkte Kombinationen von Grundrissen unterschiedlicher Gebäudetypen. Ein Peripteros, seiner Ringhalle entkleidet, ergibt einen Anten- oder Doppelantentempel (Abb. 2.4). Eine Ringhalle, nach innen gewendet, ergibt ein Peristyl (einen Säulenhof), wie man ihn in kleinerer Form von den Säulenhöfen luxuriöser Privathäuser kennt und in größeren Dimensionen von den Agorai, den öffentlichen Platzanlagen im Zentrum von Städten. Was hier nur zur hypothetischen Veranschaulichung der universellen Verwendbarkeit der Bauglieder der Architekturordnungen angeführt worden ist, war in der Antike übrigens durchaus eine reale Option, denn bedingt durch den Verzicht auf Bindemittel wie Mörtel im griechischen Werksteinbau124 konnten Bauten abgetragen und an anderer Stelle neu errichtet werden.125 Häufig wurden Hallenbauten abgetragen und deren Bauglieder an anderen Gebäuden weiterverwendet.126 Auch die Römer haben nach der vollständigen Eroberung Griechenlands wiederholt Säulenstellungen abgetragen und in ihrer Hauptstadt an öffentlichen Plätzen oder in Privathäusern wiederverwendet.127

Die Beschränkung der griechischen Bautechnik auf Stütze-Gebälk-Systeme hat die Entwicklungsmöglichkeiten der griechischen Architektur allerdings gleichwohl auch beschränkt. Das gilt vor allem für die maximale lichte Breite von Räumen, die ohne Innenstützen kaum zwölf Meter überschritten hat. Man braucht in diesem Zusammenhang nur darauf zu verweisen, welche enormen neuen Möglichkeiten des Bauens den Römern der Einsatz von gemauerten oder gegossenen Gewölben erschlossen hat.128 Interessanterweise ist die Grenze, die die Verwendung von Stütze-Gebälk-Systemen den griechischen Architekten gesetzt hat, keineswegs absolut in dem Sinne, dass Wölbtechniken den Griechen nicht bekannt gewesen wären. Keilsteintechnik für Bogen und Gewölbe sind nachweislich spätestens ab der Mitte des 4. Jahrhunderts in Griechenland beherrscht und angewandt worden. Nur sind sie fast nie im Bereich des repräsentativen Bauens verwendet worden,129 sondern im Wesentlichen nur bei Nutzbauten wie Toranlagen und bei unterirdischen Grabanlagen. Der Grund, warum sich die griechischen Architekten die mit diesen Techniken verbundenen neuen Möglichkeiten nicht erschlossen haben, ist folglich kein Problem des konstruktiven Wissens, sondern liegt eher darin, dass die hergebrachten Bautradition als integraler Teil der griechischen Identität verstanden wurden.

2.3.2 Die Probleme des Grundrissentwurfs der Ringhallentempel

Die beiden Architekturordnungen bestanden im Kern aus zwei Komponenten: dem seit dem Neolithikum bekannten Konstruktionsprinzip von Stütze und Gebälk, und einem genuin griechischen Arsenal von Formen, die das Aussehen von Stütze und Gebälk bestimmten. Wie kompliziert, und teilweise fast verworren die Diskussion um die griechischen Entwurfsverfahren im Einzelnen auch immer sein mag, so hat sie doch eines zweifelsfrei gezeigt: Die griechischen Architekten haben aus diesen Architekturordnungen Systeme entwickelt, innerhalb derer die Dimensionierungen nahezu aller Bauglieder in Abhängigkeitsbeziehungen zu einander stehen. Die Entwurfsdiskussion versucht im Kern nichts anderes, als diese Abhängigkeitsbeziehungen an den Ergebnissen der Bauaufnahmen, also der modernen Vermessung der Bauten, nachzuvollziehen. Ein Entwurf oder eine bestimmte Methode des Entwerfens gilt dann als gesichert, wenn angegeben werden kann, wie der Architekt das System interpretiert hat, d. h. ausgehend von welchen primären Größen er die weiteren Größen durch welche Formen der Ableitung bestimmt hat, und wie er dabei mit bestimmten, innerhalb der Ordnungen gegebenen Systemzwängen umgegangen ist.

Abb. 2.5: Grundriss eines dorischen Peripteraltempels (Adler and Curtius 1892, Tf. 24, ergänzt und modifiziert).

Abb. 2.5: Grundriss eines dorischen Peripteraltempels (Adler and Curtius 1892, Tf. 24, ergänzt und modifiziert).

Die Diskussion um den griechischen Bauentwurf konzentriert sich sehr weitgehend auf den Typus des Ringhallentempels, und dort wiederum vor allem auf den dorischen Peripteros.130 Das hängt damit zusammen, dass kein anderer Gebäudetypus in allen Epochen gleichermaßen und in hinreichend großer Zahl gebaut worden ist, was Voraussetzung dafür ist, die Entwicklung der Entwurfsverfahren vergleichend analysieren zu können.

Die Grundrisse fast aller Peripteraltempel kann man als eine Kombination von Rechtecken beschreiben, die ineinander verschachtelt sind. Für die Ringhalle sind das die folgenden (Abb. 2.5): die Euthynterie als Oberkante des Fundaments, die Unterstufe und die mittlere Stufe,131 der Stylobat bzw. die Oberstufe, auf der die Säulen stehen, und das Achsgeviert als (gedachte) Verbindung der Mittelpunkte der Ecksäulen. Die genannten Rechtecke haben bei vielen archaischen und bei fast allen klassischen und späteren Peripteroi umlaufend absolut gleiche Abstände. So sind an Fronten und Flanken die Auftritte der Stufen gleich tief, die Säulen stehen jeweils gleich weit entfernt von der Stylobatkante usw. (siehe Abb. 2.5, dort angegeben für den Abstand Ecksäule-Stylobatkante).132 Diese identischen Abstände bedeuten nun aber, dass trotz des identischen Mittelpunkts die Proportionen der Rechtecke nicht exakt gleich sein können. Die Proportionen aller Rechtecke wären nur dann dieselben, wenn Länge und Breite jeweils um einen anteilig oder proportional gleichen, nicht aber um einen absolut gleichen Betrag vergrößert oder verkleinert worden wären. Die äußeren Rechtecke sind daher stets etwas gedrungener proportioniert als die inneren. Dieser Sachverhalt hatte erhebliche Konsequenzen für den Entwurf einer Ringhalle mit umlaufend einheitlicher Säulenstellung.

Es ist heute weitgehend unumstritten, dass der Ausgangspunkt der Entwürfe früher Ringhallentempel die Festlegung der Maße für Länge und Breite des Stufenbaus war, und zwar so, dass Länge und Breite in einem ganzzahligen proportionalen Verhältnis zu einander standen. Diese Vorgehensweise lag gewissermaßen in der Natur der Sache selbst. Der Architekt musste bei Baubeginn als erste konkrete Entwurfsentscheidung Länge und Breite des Stufenbaus angeben, damit die entsprechend bemessenen Fundamente gelegt werden konnten. Länge und Breite des Stufenbaus dabei in ein proportionales Verhältnis zu bringen, ergab sich aus dem Gebäudetypus. Jede umlaufende Säulenstellung hat eo ipso ein ganzzahliges proportionales Verhältnis von Fronten zu Flanken durch die jeweilige Anzahl der Säulen: Bei x Säulen an der Front und y Säulen an den Flanken folglich . Damit die vorgesehene Zahl von Säulen an Fronten und Flanken später auf dem Stufenbau Platz finden konnten, lag es daher nahe, den Stufenbau entsprechend wie zu proportionieren. Also etwa: Stylobatlänge zu -breite wie für einen Peripteros mit Säulen ( ). Dass das Stylobatrechteck zum Ausgangspunkt des Entwurfs gemacht wurde und keines der anderen, oben genannten Rechtecke, lag einfach daran, dass frühe Peripteroi oft ohnehin nur zwei Stufen hatten. Der Grundgedanke einer solchen Vorgehensweise lässt sich demnach als Anwendung einer Formel beschreiben: ‚Stylobatproportion = Säulenverhältnis‘. Angewandt ist diese Formel unstreitig an einigen der frühesten Bauten, wie am Heraion von Olympia (um 600), am Apollontempel von Korinth (um 550/40), und etwas später noch am Athenatempel von Assos (um 530).133 Das Ergebnis der Anwendung der Formel ‚Säulenverhältnis = Stylobatproportion‘ war allerdings keineswegs eine vollkommen regelmäßige Säulenstellung. Die Säulen an den Flanken mussten nämlich deutlich enger gestellt werden als an den Fronten. Wie erklärt sich nun diese sogenannte Jochdifferenzierung? Verhindert wurden bei dem angesprochenen Verfahren umlaufend einheitliche Säulenabstände zunächst dadurch, dass vom gewissermaßen vom falschen Rechteck ausgegangen wurde. Für einheitliche Säulenabstände hätte man nicht den Stylobat, sondern das Achsgeviert (siehe Abb. 2.5) zum Ausgangspunkt der Planung machen müssen. Zweitens hätte man die Seiten des Achsgevierts nicht durch die Anzahl der Säulen, sondern die Anzahl der Joche (Abstand von Mittelpunkt zu Mittelpunkt zweier benachbarter Säulen) teilen müssen. Im obigen Rechenbeispiel mit geplanten Säulen hätte man die Achsweiten also durch 5 bzw. 14 Joche teilen müssen. Erklärend dafür darf man wohl annehmen, dass die frühen Baumeister deshalb nicht mit Achsgevierten und Jochen – wie oben für den Entwurf einer regelmäßigen Säulenstellung gefordert – kalkuliert hatten, weil ein solches Vorgehen ein grundlegend anderes Verständnis von der Anlage der Ringhalle erfordert hätte. Achsgeviert und Joch sind abstrakte planerische Größen, reine Abstandsmaße, keine realen Objekte wie Säulen und Stylobatkanten. Das Kalkulieren mit Planungsgrößen statt realen Objekten ist eine Abstraktion, zu der die frühen Baumeister sicher noch nicht vorgedrungen waren.

Man kann nun keineswegs unterstellen, dass die frühen Baumeister diese Jochdifferenzierung überhaupt als Fehler ihrer Entwürfe angesehen hätten. Das wurde allerdings in der Folgezeit offensichtlich so gesehen, denn bei jüngeren Bauten der archaischen Zeit ist die Jochdifferenzierung stets erkennbar reduziert, und bei den klassischen Ringhallentempeln vollkommen beseitigt. Als Entwurfsziel wird daher die Reduktion der Jochdifferenzierung von nahezu allen Forschern anerkannt. Über die Methoden, mit denen die Architekten geeignetere Stylobatproportionen bestimmten, besteht jedoch keine Einigkeit. Die Diskussion zeigt vielmehr grundsätzliche Auffassungsunterschiede hinsichtlich der Art des antiken Entwerfens. Die oben angeführte Vorgehensweise für die Bestimmung des Stylobatverhältnisses (‚Stylobatproportion = Säulenverhältnis‘) ist eine Formel, bei der die Stylobatlänge zu kurz gerät, so dass dort die Säulen gedrängter stehen als an der Front. Einige Forscher nehmen nun an, dass die Architekten das Prinzip, die Stylobatproportion aus dem Säulenverhältnis anhand einer Formel abzuleiten, niemals aufgegeben, sondern lediglich optimiert hätten. Das Ziel der Optimierung wäre also eine Variante der Formel, die längere Flanken ergibt, so dass auf den Langseiten genügend Raum ist, um die Säulen in annähernd gleichem Abstand aufzustellen wie an den Fronten. Konkret bedeutet das folgendes für das obige Rechenbeispiel mit Säulen: Die obige Formel ergibt bzw. bzw. . Für ein einheitliches Joch wäre eine gestrecktere Proportion von etwa erforderlich gewesen.134 Diese gestrecktere Proportion ließ sich annähernd durch eine einfache Modifikation der alten Formel ermitteln. Der Grundgedanke dabei war einfach folgender: Wenn bei der alten Formel die Langseite zu kurz geriet, die Säulen dort entsprechend zu dicht stehen würden, dann ließ man dort eine Säule weg, wodurch die verbleibenden Joche größer ausfielen, und damit den Frontjochen ähnlicher waren. Die alte Formel konnte so beibehalten werden, nur dass mit einer Säule mehr gerechnet wurde, als an den Langseiten errichtet wurden. Das bedeutet für das Beispiel mit Säulen eine Stylobatproportion wie . Damit lag man schon nahe am Sollwert von für eine Säulenstellung ohne Jochdifferenzierung. J. J. Coulton hat für einige westgriechische Bauten eben diese Vorgehensweise als Planungsregel rekonstruiert (‚Sicilian rule‘135). Wichtig ist, dass die neue Formel im Grundmuster der alten blieb. Sie zeigt kein tieferes Verständnis des Systems selbst an, sondern stellt eine einfache, erfahrungsbasierte Modifikation dar, die ihren Zweck voraussehbar erfüllt.136

Nach Coulton wurde in nacharchaischer Zeit mit noch weiter optimierten Formeln entworfen. Ihm zufolge ging man dabei allerdings nicht mehr vom Säulenverhältnis, sondern vom Joch und Jochverhältnis aus, berechnete daraus aber wiederum formelhaft die adäquaten Stylobatmaße. Das Joch an den Anfang des Entwurfs zu stellen, hat einen ganz einfachen Grund. Wenn man ein einheitliches Jochmaß an Fronten und Flanken erreichen wollte anstelle der Jochdifferenzierung, dann war der einfachste Weg, diese einheitliche Normaljoch zu Anfang des Entwerfens endgültig festzulegen. Das bedeutete allerdings, dass die Maße für den passend bemessenen Stufenbau aus dem Joch abgeleitet werden mussten, also Fronten und Flanken nicht mehr, wie vorher üblich, die zuerst festzulegenden Größen des Entwurfs bleiben konnten. Konkret würde das folgendermaßen berechnet werden (‚later mainland rule‘): Festlegung des Jochs für Fronten und Flanken auf einen gemeinsames Maß (das sog. Normaljoch); anschließend Berechnung der Stylobatmaße durch Multiplikation des Normaljochs mit der Anzahl der Joche für Fronten bzw. Flanken plus einen Faktor x. Also in obigem Rechenbeispiel: bei Säulen bzw. Jochen Stylobatmaße wie . Dabei ist stets ein Bruchteil des Jochs. Coulton hat dafür verschiedene Werte vorgeschlagen, z. B. , oder auch . Es sind darüber hinaus noch weitere Varianten vorgeschlagen worden, die formelhaft aus dem Säulenverhältnis abgeleitete Rechtecke zum Ausgangspunkt des Entwurfs machen, z. B. ‚Euthynterie-Proportion Säulenverhältnis‘.137

Zu der formelhaften Ableitung der Stylobatproportionen bzw. -maße gehört bei Coulton noch ein zweiter grundlegender Aspekt des griechischen Entwerfens, der direkt mit dem Konzept der Formeln zusammenhängt: Wenn nämlich geeignete Abmessungen des Stufenbaus allein anhand einer Formel (und ggfs. des Jochmaßes) zuverlässig berechnet werden konnten, dann konnte auf Basis dieser wenigen Daten bereits mit der Errichtung des Stufenbaus begonnen werden, bevor noch weitere Teile des Baus durchgeplant worden wären. Coulton hat diese These vom ‚incomplete preliminary planning‘, angeregt durch die Arbeit von Bundgaard (1957) über den attischen Architekten Mnesikles entwickelt. Belegt sieht er seine Interpretation vor allem durch an vielen Bauten zu beobachtende Unregelmäßigkeiten bzw. ad-hoc Lösungen, die bei vollständiger Ausführungsplanung vor Baubeginn erkannt, und durch entsprechende Planänderungen überflüssig gemacht worden wären. Coultons Auffassungen sind von vielen Forschern akzeptiert worden.

Eine vollkommen andere Sicht der Entwicklung ist vor allem unter deutschen Bauforschern vorherrschend. Die Grundpositionen dieser Sichtweise sind bereits 1934 von Hans Riemann in seiner Dissertation formuliert worden. Sie unterscheiden sich von den Auffassungen Coultons vor allem in zwei wesentlichen Annahmen. Erstens wird davon ausgegangen, dass bei Baubeginn zumindest in allen Hauptdimensionen individuell ausgearbeitete Bauentwürfe vorgelegen hätten. Zweitens wird der Übergang zur klassischen Epoche grundsätzlich anders interpretiert, denn die Architekten hätten aus den Erfahrungen mit den älteren Entwurfsverfahren radikale Konsequenzen gezogen: Statt weiter anhand von Formeln nach Stylobatproportionen und -maßen zu suchen, die im Ergebnis doch nie ein exakt einheitliches Normaljoch zuließen, stellte man – wie auch Coulton annimmt – das Normaljoch an den Anfang des Entwurfs und berechnete daraus die entsprechenden Stylobatmaße. Auf diese Weise konnte, wie schon angegeben, das Normaljoch gar nicht verfehlt werden.138 Der Preis dafür war allerdings, dass die nunmehr als abgeleitete Größe bestimmten Stylobatmaße kein einfach proportioniertes Rechteck mehr ergaben. Bei solchen Entwurfsanalysen werden die Stylobatmaße der Bauten mit Normaljoch daher nicht mehr, wie bei den archaischen Bauten, als Schlüssel zur Dechiffrierung des Entwurfs angesehen, sondern als „gleichgültig und abgeleitet“.139 So hat beispielsweise H. Bankel (1993), der umfassend den Entwurf des jüngeren Aphaiatempels auf Ägina rekonstruiert und in antiken Maßeinheiten dargestellt hat. die geplanten Stylobatmaße 46 Fuß 14 Daktyloi zu 97 Fuß 9 Daktyloi rekonstruiert – Werte, die erkennbar niemals den Ausgangspunkt eines Entwurfsprozesses gebildet haben können. Relativ schnell und konsequent hat sich der Übergang zum auf dem Joch gegründeten Entwurf im Mutterland vollzogen. Nur in den westgriechischen Gebieten haben nach den Untersuchungen von D. Mertens die Architekten auch in klassischer Zeit noch gleichsam den Spagat versucht zwischen Normaljoch und klar proportioniertem Stylobat.140

An sich hätte sich bei den vom einheitlichen Joch ausgehenden Entwürfen immer mindestens ein einfach proportioniertes Rechteck ergeben, zwar nicht beim Stylobat, wohl aber beim Achsgeviert, denn Länge und Breite des Achsgevierts sind in diesem Fall ja stets Vierfache des Jochs als gemeinsamem Grundmaß. Im obigen Rechenbeispiel der Ringhalle mit Säulen würden sich Joche ergeben, mithin ein Achsgeviert von . Bei ionischen Ringhallen mit Normaljoch ist das auch der Fall. Da an dorischen Ringhallen die Eckjoche – aus Gründen, auf die noch zurückzukommen sein wird – meist um einen bestimmten Betrag verengt bzw. ‚kontrahiert‘ wurden, ging auch die Proportion des Achsgevierts bei dorischen Ringhallen wieder verloren. H. Riemann hat daher angenommen, dass die klassischen Bauten des Mutterlands stets in zwei Planphasen entworfen wurden: zunächst ohne Eckkontraktion, mit proportioniertem Achsgeviert, und anschließend umgearbeitet auf eine Version mit Eckkontraktion, und entsprechend ohne proportionertes Achsgeviert. Es ist allerdings evident, dass man die von Riemann angenommene erste Planphase mit proportioniertem Achsgeviert an einem erhaltenen Bau niemals nachweisen kann, da sie nicht ausgeführt wurde.

Man kann den klassisch-mutterländischen, vom Joch ausgehenden Entwurf als Paradigmenwechsel gegenüber dem archaischen, vom Stylobat ausgehenden Entwurf verstehen. Während die ältere Form des Entwerfens vom Stufenbau, gewissermaßen vom Ganzen, ausgeht, wird im jüngeren Verfahren ein einzelnes Element, eben das Joch, zum Ausgangspunkt gemacht. Oder anders gesagt: der ältere Entwurf verläuft von außen nach innen, der jüngere umgekehrt von innen nach außen. Vor allem aber ist das jüngere Verfahren in dem oben schon angesprochenen Sinn eine Abstraktion, denn hier folgt der Entwurfsprozess nicht mehr dem Bauprozess – also gleichsam der Reihenfolge der Fragen, die die Handwerker im Verlauf des Bauprozesses an den Architekten stellten, zuerst nach den Fundamentmaßen, dann den Stufenmaßen, dann der Säulenposition usw. – sondern der Entwurfsprozess sieht den Bau als ein Gesamtsystem, das von seinem zentralen Element her konstruiert werden muss.

Ein noch weiter gehender Schritt in die prinzipiell gleiche Richtung ist der Entwurf auf Basis eines Moduls. Der Abstraktionsgrad ist bei dieser Form des Entwerfens noch höher, denn während beim Joch-Entwurf ein zentrales Strukturelement des Baus, die Kombination zweier Säulen in einem fixierten Abstand, zum Ausgangspunkt der weiteren Planung gemacht wird, ist beim modularen Entwurf der Ausgangspunkt kein Architekturelement, sondern das Maß selber, eben der Modulus, der Ausgangspunkt. Er dient als universelle Einheit, mit der alle realen Bauglieder durch Teilung oder Multiplikation dimensioniert werden. Prägnante Beispiele für Grundrisse, die auf einem streng modular aufgebauten System basieren, sind Grundrisse, die ein dem Modul entsprechendes Raster zeigen. Zu ihnen gehört der spätklassische Athenatempel von Priene, und der hellenistische Artemistempel von Magnesia am Mäander. Beide sind ionischer Ordnung. Die Namen ihrer Architekten sind bekannt. Der Athenatempel ist ein Werk von Pytheos, der Artemistempel von Hermogenes. Von beiden Architekten ist zudem bekannt, dass sie Schriften publiziert haben.

Das modulare Entwurfsverfahren ist eines von zwei Entwurfsverfahren, die man auch jenseits der Bauten selbst belegen kann, denn es wird von Vitruv für seinen dorischen Tempelentwurf verwendet. Rein römisch ist das Konzept sicher nicht, denn Vitruv nennt neben dem römischen modulus auch den entsprechenden griechischen Terminus Embater,141 der schon bei Philon von Byzanz im Zusammenhang mit dem Geschützbau belegt ist.142 Vitruv gewinnt den Modulus durch ganzzahlige Teilung der Front- bzw. Stylobatbreite. Sein dorischer Tempel ist jedoch, nachdem Vitruv seine Bücher veröffentlicht hatte, nirgendwo nachweisbar gebaut worden, so dass in der Forschung sich die Frage stellt, ob ältere Bauten auf Basis des Modulus entworfen worden sind. Während viele Forscher darin eine jüngere Methode erkennen wollten, die allenfalls in hellenistischer Zeit von Bedeutung sei, hat A. Mallwitz schon den Zeustempel von Olympia als Produkt eines modularen Entwurfsschemas interpretiert.143 M. W. Jones (2001) hat versucht, den modularen Entwurf als ein in klassischer Zeit allgemein verwendetes Konzept nachzuweisen. Einen besonders kleinen Modulus von nur 10,53 cm, der auch nicht – wie meist angenommen wird – der Größe eines bestimmten Bauteils entspricht, hat J. Pakkanen am Zeustempel in Stratos aufzuzeigen versucht.144 Die Diskussion über die Moduli dieser Größenordnung überschneidet sich allerdings mit der alten Forderung nach Darstellung aller metrisch gemessenen Größen eines Baus in einem einzigen antiken Fußmaß. Kann man ein solches Fußmaß identifizieren, also alle Maße in einfachen Brüchen und Vielfachen des Fußmaßes darstellen, dann ist der Fuß identisch mit dem Modulus. So gesehen, wären dann alle Bauten, bei denen sich ein Fußmaß nachweisen läßt, modular entworfen worden.

2.3.3 Die Integration von Grund- und Aufriss

Die Einführung des Normaljochs gab den Grundrissen eine einheitliche Struktur insofern, als die Säulenabstände an Fronten und Flanken nicht mehr differierten. In der ionischen Architektur war die Entwicklung der Ordnung zu einem strukturierten System der Elemente damit im Grundsatz abgeschlossen. Man ersieht das an den schon erwähnten ionischen Grundrissen, die ein vollständig und einheitlich strukturiertes Raster bilden. Für die dorische Architektur war das anders, wovon hier noch die Rede sein wird.

Grundsätzlich gab es für beide Ordnungen keinen Grund, den einmal beschrittenen Weg der Systematisierung auf die Grundrissebene zu beschränken, und in der Tat hatte man schon weit vor der Einführung des Normaljochs damit begonnen, die Entwürfe von Grund- und Aufriss zu integrieren. Das Mittel dazu war die Dimensionierung der Bauglieder. Ein zweifellos sehr altes Instrument, mit dem sich eine strukturierte Dimensionierung der Maße von Grund- und Aufriss – also die Verzahnung beider Planungsebenen – bewerkstelligen ließ, war die Verwendung von Proportionen. Sie lassen sich häufig an der Gesamtstruktur oder an zentralen Elementen der Strukturen nachweisen, etwa indem die Breite einer Säulenstellung in einfachem proportionalen Verhältnis zur Höhe der Säulenstellung steht. Für solche Beziehungen gibt es viele Varianten. Eine der häufiger zu findenden ist das Verhältnis von Joch zu Säulenhöhe, nicht selten (bzw. 22 32). Auch bei der Säule selbst wird nicht selten der untere Durchmesser (gewissermaßen der Grundriss der Säule) im Verhältnis zur Höhe angegeben, wie auch von Vitruv. In jedem Fall wurden auf diese Weise Grund- und Aufriss durch die Verwendung gemeinsamer Grundmaße miteinander verbunden.

Proportionen waren zudem ein praktikables Instrument, um Entwurfsideen darzustellen und unter Fachleuten zu kommunizieren. Die Säulenstellungen vieler Bauten unterschieden sich ohnehin im Wesentlichen durch ihre Proportionen, und nur in sehr viel geringerem Maße durch Details bei der jeweiligen Ausbildung der Formen, die durch die Architekturordnungen zunehmend strikter vorgegeben waren. Folglich dürften Architekten eine recht genaue Vorstellung davon gehabt haben, welche Proportionen an den Bauten ihrer Zeit und welche an den älteren gewählt worden waren. Da sie die Bauten ständig vor Augen hatten, konnten sie sich sehr leicht ein Bild davon machen, welche Auswirkungen etwa die Änderung des Verhältnisses zwischen Säulenhöhe und Gebälkhöhe auf das Erscheinungsbild einer Fassade haben würde. Aus den gleichen Gründen verwendet heute noch die Bauforschung sehr häufig Proportionen als Instrument für den Vergleich von Bauentwürfen oder zur Identifikation von Bautraditionen, und nicht zuletzt als Mittel für die Datierung, da die Proportionierungen sich meist den Epochen zuordnen lassen. Man darf schließlich auch ziemlich sicher sein, dass die Proportionierung der einzelnen Bauglieder einen wesentlichen Teil der verlorenen Schriften griechischer Architekten ausgemacht haben, denn Vitruv bezeichnet viele von ihnen pauschal als Schriften über ‚ionische/dorische Symmetrien‘. Symmetrien im antiken Sinne des Wortes sind nichts anderes als Proportionen.145

Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass diese die Gesamtmaße bestimmenden Proportionen verkettet werden konnten mit den Dimensionierungen weiterer Bauglieder. So konnte die aus dem Joch abgeleitete Gesamthöhe des Gebälks durch weitere proportionale Festlegungen auch zur Binnengliederung des Gebälks herangezogen werden (Verhältnis der Höhen von Architrav, Fries und Geison). Nach dem Muster solcher Proportionsketten ist Vitruvs ionischer Tempelentwurf strukturiert.146 Die Verwendung von Proportionsketten führt bereits bei wenigen Schritten häufig zu Brüchen mit sehr großen Nennern. Einige Autoren haben daraus gefolgert, dass griechische Architekten fortgeschrittene Kenntnisse der Bruchrechnung gehabt haben müssten. Im letzten Kapitel dieses Beitrags wird darauf näher eingegangen. Dort findet sich auch eine Beispielrechnung.

Eine andere Form, Grund- und Aufrissentwurf miteinander zu verzahnen, war der schon angesprochene modulare Entwurf. Bei dieser Vorgehensweise ist die Integration von Grund- und Aufriss keine eigenständige Entwurfsentscheidung, sondern bereits in der Entwurfsmethodik verankert, denn wenn alle Entwurfsgrößen durch Teile oder Vielfache des Modulus dimensioniert werden, dann sind die Grund- und Aufrissmaße per se proportional mit einander verbunden. Man kann hier also nicht nur über den Grundriss, sondern auch über den Aufriss ein Raster legen, das aus dem Modul gebildet ist.

In der dorischen Architektur waren die Beziehungen zwischen Grund- und Aufriss wesentlich komplexer, denn dort gab es, anders als in der ionischen Architektur, strukturelle Bezüge zwischen Grund- und Aufriss jenseits der reinen Dimensionierung der Bauglieder. Diese Bezüge ergaben sich daraus, dass in der dorischen Ordnung zwei Gruppen von Baugliedern existierten, die diskrete Einheiten darstellten: die Säulenstellung mit ihrem Wechsel von Säule und Säulenzwischenraum (Interkolumnium), die den Grundriss bestimmt, und den Triglyphenfries des Gebälks mit seinem Wechsel von Triglyphen und Metopen, der zum Aufriss gehört. Bezüge zwischen diesen beiden Gliederungen waren schon weit vor der Einführung des Normaljochs etabliert worden. In der kanonischen Form des sog. Zwei-Triglyphen-Systems war der Triglyphenfries des Gebälks mit der Säulenstellung durch einen gemeinsamen Rhythmus synchronisiert, indem jeder Säule und jedem Interkolumnium jeweils ein Triglyph zugeordnet ist, also immer ein Triglyph über jeder Säule und ein weiterer zwischen den Säulen.

Auch wenn diese Zuordnung von Säulen und Triglyphen dem modernen Betrachter selbstverständlich erscheint, so war sie es doch nicht: Die Abstimmung der Position beider Elemente war ein eigener, bewusst vorgenommener Schritt, der weder von der dorischen Ordnung als ein System, noch historisch aus der älteren Holzarchitektur hervorging. Das veranschaulicht bereits das oben gezeigte Bild einer modernen Stützenstellung aus Holz (Abb. 2.3), denn dort ist die Lage die Deckenbalken keineswegs auf die Position der Stützen abgestimmt. In der Antike war es zunächst auch nicht anders, denn die Triglyphen waren anfangs tatsächlich relativ willkürlich, ohne Bezug auf die Säulenstellung auf dem Gebälk verteilt. Das zeigt noch der älteste der großen sizilischen Tempelbauten, der Apollontempel von Syrakus (1. V. des 6. Jhs.). Dort gab es nicht zwei Triglyphen pro Joch, sondern weniger, so dass eine Zuordnung nicht möglich war. Die Etablierung des kanonischen Zwei-Triglyphen-Systems ging im Übrigen schon früh einher mit einer Regel für die eine einheitliche Proportionierung der Frieselemente: An vielen Bauten beträgt die Breite der Triglyphen zwei Zehntel des Jochs, die Breite der Metopen drei Zehntel, so dass sich Triglyphen- zur Metopenbreite wie zueinander verhalten, bzw. das Joch zur Triglyphenbreite wie .147

Hier zeigt sich nun aber die Eigendynamik der gewissermaßen nur erst begonnen Systematisierung: Solange die Joche an den Fronten breiter waren als an den Flanken, mussten auch die Triglyphen bzw. Metopen an Fronten und Flanken unterschiedlich breit ausfallen. Genauer gesagt, entweder waren die Triglyphen breiter, oder die Metopen, und dann war die Proportion nicht realisierbar. Oder aber die Proportion wurde bewahrt, dann waren weder die Triglyphen- noch die Metopenbreiten einheitlich. Das war auch deutlich sichtbar, weil hier ein weiterer Zusammenhang wirkt: Architrav und Fries mussten aus konstruktiven Gründen gleich hoch sein, wie umlaufende Quaderschichten. Das Verhältnis von Höhe zu Breite der Triglyphen bzw. der Metopen musste daher unterschiedlich ausfallen: Bei umlaufend gleicher Frieshöhe waren über den kürzeren Jochen Triglyphen und Metopen jeweils schlanker als über den längeren Jochen. Diese Differenzen reproduzierten sich schließlich in den vom Fries abhängigen Gliederungen: Analog zu den unterschiedlichen Breiten von Triglyphen und Metopen an Fronten und Flanken mussten auch am Geison die Mutuli und Viae unterschiedlich bemessen werden, und ebenso die von der Triglyphenbreite abhängigen Regulae, und selbst die Zwischenräume zwischen den Tropfen der Regulae mussten unterschiedlich bemessen werden. Macht man sich alle diese Maß- und Proportionsunterschiede im Gebälk bewusst, die sich aus der Verschiedenheit der Joche an Fronten und Flanken ergaben, wird nachvollziehbar, woher der Impetus kam, nach Entwurfsverfahren zu suchen, die ein einheitliches Joch an allen Seiten ermöglichten. Die Systematisierung der Grundrisse im Sinne des Normaljochs war vermutlich sogar angestoßen durch die vielen Maß- und Proportionsunterschiede im Gebälk bzw. im Aufriss. In der ionischen Ordnung gab es keine vergleichbaren Abhängigkeiten zwischen Joch und Gebälkgliederung, weil ionische Gebälke nur kontinuierliche, nicht rhythmisierte Ornamentformen hatten (Faszien und Kymatien), die wie ein elastisches Band auf beliebige Jochmaße hin gedehnt oder gestaucht werden konnten.

Das Eckproblem

Die Integration von Grund- und Aufriss war zwar ein fundamentaler Schritt auf dem Weg, die alte Stütze-Gebälk-Konstruktionsweise zu einem streng strukturierten System fortzuentwickeln, in dem Bauteile gleichen Typs auch einheitlich dimensioniert werden konnten. Die Entwicklung der dorischen Ordnung zu einem in diesem Sinne vollständig kohärenten System kollidierte jedoch an einem bestimmten Punkt mit den alten Regeln der Ordnung und den konstruktiven Anforderungen der Steinbauweise, nämlich an der Ecke. Dort traf der Anspruch auf vollständige Strukturierung auf eine nicht zu überwindende Grenze. Die alte Ordnung aus einer Zeit, der Systemdenken in der Architektur zweifellos noch fremd war, ließ sich nicht ohne Rest in ein vollkommen widerspruchsfreies System transformieren.

Der Eckkonflikt war ein Symmetrieproblem in dem Sinne, dass das Eckjoch und das Normaljoch niemals völlig identisch sein konnten. Entweder für das Joch, oder für die Triglyphen- oder die Metopenbreite konnte das jeweilige Normalmaß nicht übernommen werden.148 Der Konflikt entstand durch die Unvereinbarkeit zweier Prinzipien, nämlich erstens dem Grundsatz, dass die Architrave stets breiter waren als die Triglyphen, und zweitens dem in der griechischen Architektur stets beachteten Grundsatz, dass ein dorischer Fries immer mit einem Triglyphen beginnen und enden sollte. Die Breite der Architrave war konstruktiv bestimmt, da sie das übrige Gebälk und große Teile der Dachlast tragen mussten. In der Regel hatten die Architrave eine Breite von etwa vier Zehnteln des Jochs, das sie überdecken. Die Breite der Triglyphen war hingegen rein formal festgelegt. Sie entsprach fast immer etwa zwei Zehnteln des Jochs, was sich wiederum aus der oben angesprochenen Proportion von Triglyphen- zu Metopenbreite ergibt.149 Diese Differenz führte nun dazu, dass der Triglyph an der Ecke des Gebälks nicht – wie der Architrav unter ihm und die übrigen Triglyphen über den Säulen – in der Achse der Säule bzw. des Architravs platziert werden konnte, sondern nach außen versetzt werden musste (siehe Abb. 2.6). Der Konflikt ist ein klassisches Dilemma: Hätte man den Triglyphen über der Ecksäule in die Achse der Säule verschoben, hätte außen an den Triglyphen noch das Fragment einer Metope angefügt werden müssen, damit Fries und Architrav gleich lang gewesen wären. Ein solches Metopenfragment wurde jedoch niemals toleriert. Platzierte man den Triglyphen jedoch an der Ecke, ergab sich, wie auf der Abbildung dargestellt, ein Achsversatz zwischen Triglyphen- und Säulenachse.

Abb. 2.6: Dorischer Eckkonflikt (Adler and Curtius 1892, Tf. 24, modifizierter Ausschnitt).

Dieser Achsversatz bedeutete, dass an der Ecke der Säulenstellung der Achsabstand der letzten beiden Säulen stets kleiner sein musste als der Achsabstand der Triglyphen über diesen beiden Säulen. Wenn die Achsabstände bzw. Säulenjoche alle gleich groß waren, so waren die Achsabstände der Triglyphen über dem Eckjoch größer als normal. Oder umgekehrt, wenn die Abstände der Triglyphen durchgehend einheitlich waren, dann waren die Achsabstände zwischen den Ecksäulen kleiner als normal (sog. Eckkontraktion). Natürlich war auch eine Kombination dieser beiden grundlegenden Vorgehensweisen möglich, d. h. eine Kombination aus Eckkontraktion und Dehnung der Achsabstände der Triglyphen über dem Eckjoch (Abb. 2.7).

Abb. 2.7: Übersicht über die Lösungen des dorischen Eckkonflikts (Osthues 2005).

Abb. 2.7: Übersicht über die Lösungen des dorischen Eckkonflikts (Osthues 2005).

Nahezu alle denkbaren Varianten, den Eckausgleich in der Säulenstellung und bzw. oder im Fries abzutragen, sind im Laufe der Zeit realisiert worden. Ihnen allen gemeinsam war allerdings, dass sie immer nur verschiedene Gestaltungen des Eckausgleichs darstellten, denn eine Lösung im Wortsinne, bei der an der Ecke der Säulenstellung überhaupt keine Unregelmäßigkeiten aufgetreten, war unter den oben angegebenen Bedingungen nicht möglich.150

Der Eckkonflikt ist war ein Entwurfsproblem, das, wie die Geschichte seiner Lösungen zeigt, die griechischen Architekten in erheblichem Umfang beschäftigt hat. So hat es über einhundert Jahre gedauert, bis die letzte der entwickelten Lösungen, die einfache Eckkontraktion, realisiert worden war.151 Auch danach wurde die Thematik offenbar weiter verhandelt, was daraus hervorgeht, dass keine der verschiedenen Lösungen sich jemals vollständig durchgesetzt hat. Einen ‚Schluss der Debatte‘ hat es also nie gegeben, obwohl er sozusagen beantragt wurde: Renommierte Architekten der späten Klassik und des Hellenismus wie Pytheos und Hermogenes sollen von ihren Kollegen gefordert haben, die dorische Ordnung wegen des nicht lösbaren Symmetrieproblems an der Ecke vollständig aufzugeben.152 Belegt wird die ungebrochene Relevanz des Problems schließlich dadurch, dass noch Vitruv, fast ein halbes Jahrtausend nach Beginn der dorischen Monumentalarchitektur, eine Lösung präsentiert hat, die mindestens insofern neu war, als sie an keinem einzigen Bau griechischer Architekten nachweisbar ist. Diese Lösung, auf die er erkennbar stolz war, bestand allerdings einfach darin, dass er unter dem Namen semimetopia die oben angesprochenen Metopenfragmente an den Ecken zuließ, die griechische Tradition stets tabuisiert hatte.153

Systematisch gesehen, war das Eckproblem kein ursprüngliches Problem der dorischen Ordnung selbst. Es war ein Problem, das sich erst aus dem immer weiter gesteigerten Anspruch auf Systematisierung ergab. Hätte man nämlich, wie noch am Apollontempel in Syrakus, darauf verzichtet, den Triglyphenfries mit der Säulenstellung zu koordinieren, hätte es das Eckproblem niemals gegeben: in diesem Fall konnte man sogar alle Joche einheitlich bemessen, und die Abstände der Triglyphen ebenso, nur hätten beide Gliederungen dann eben keinen Bezug aufeinander. Ein Entwurf wie der des Apollontempels hatte kein spezifisches Problem an der Ecke. Man könnte eher sagen, dass die Säulenstellung aufgrund der mangelnden Koordination ihrer Bauglieder als Ganzes ein Problem war. Erst die Systemanspruch definierte die Ecke als spezifische Problemzone.

Konsequenzen für den Bauentwurf

Eine der oben erwähnten Lösungen für den Eckkonflikt, die sog. einfache Eckkontraktion, hat besondere Bedeutung sowohl für das antike Entwerfen selbst als auch für die oben schon skizzierte moderne Diskussion dieser Verfahren. Bei der einfachen Eckkontraktion wurde der Triglyphenfries vollständig aus normal bemessenen Triglyphen und Metopen gebildet. Der Ausgleichsbetrag wurde allein durch die Kontraktion des Eckjochs realisiert. Das Eckjoch musste dafür gegenüber dem Normaljoch exakt um den Betrag verkürzt werden, der sich aus der Differenz von Architrav- und Triglyphenbreite ergab. Wäre dieser Betrag verfehlt worden, hätte der Fehler im Triglyphenfries durch verlängerte oder verkürzte Metopen bzw. Triglyphen über dem Eckjoch ausgeglichen werden müssen. Der Fries wäre damit nicht mehr völlig regelmäßig gewesen.

Prinzipiell hatten die Architekten zwei Möglichkeiten, das Maß für die Verkürzung des Eckjochs zu bestimmen. Sie konnten dieses Maß anhand einer Formel berechnen, und zwar derselben Formel, die Richard Koldewey in seinem großen Werk über die westgriechischen Tempelbauten formuliert hat: {AB – TB} . Das heißt, das Eckjoch musste um die halbe Differenz von Architrav- und Triglyphenbreite gegenüber dem Normaljoch verkürzt werden.154 Dass diese Formel in der Antike bekannt war, ist zwar nicht zu beweisen, aber keinesfalls unwahrscheinlich. Sie könnte in den leider vollständig verlorenen Schriften griechischer Architekten über ‚Symmetrien dorischer Tempel‘ enthalten gewesen sein. Die Lektüre solcher Architekturschriften für die Ausbildung zum Architekten wird bereits von Xenophon in einem seiner sokratischen Dialoge155 mit Selbstverständlichkeit erwähnt, so dass man die Rezeption der Schriften in der Architektenausbildung spätestens für das letzte Drittel des 5. Jahrhunderts annehmen darf. Die andere Möglichkeit wäre gewesen, den regelmäßigen Triglyphenfries zum Ausgangspunkt des Entwurfs zu machen, denn man hätte, ausgehend vom Fries, schrittweise Normal- und Eckjoch, die Abmessungen des entsprechenden Stylobates usw. bis hin zu Länge und Breite der Fundamentoberkante ableitend berechnen können. Diese Vorgehensweise bedeutet, dass der Entwurfsvorgang von oben nach unten, also umgekehrt zum Bauvorgang erfolgt. Welche der beiden Methoden die Architekten gewählt haben, wissen wir nicht. Klar ist aber auf jeden Fall, dass schon im Anfangsstadium des Planungsprozesses die Gebälkmaße (Architrav- und Triglyphenbreite) festgelegt worden sein müssen, weil ohne diese Maße weder das Eckjoch hätte berechnet werden können, noch die aus dem Eck- und Normaljoch abzuleitenden Maße für Länge und Breite der Säulenstellung, noch die daraus wiederum zu berechnenden Maße für die erforderliche Stylobatlänge und -breite sowie die Maße der übrigen Teile des Stufenbaus. Dass das der Fall war, lässt sich in einigen Fällen sogar an den Bauten selbst beweisen. Das Metroon im Heiligtum von Olympia ist ein solcher Bau.156 Dem Joch entsprechen dort jeweils zwei Stylobatplatten. Auch alle anderen Platten des Stufenbaus unter dem Stylobat, sowie selbst die Fundamentplatten, wiederholen dieses Maß. Allein die Platten unter den Eckjochen sind durchgängig genau um das Maß kürzer, das sich aus dem Eckausgleich ergab. Das bedeutet, dass der Architekt schon beim Einbringen der untersten Platten des Fundamentes genau kalkuliert hatte, um wie viel die Eckjoche kontrahiert werden mussten, damit im Triglyphenfries keine Unregelmäßigkeiten auftraten.

Hieraus ergibt sich eine eindeutige Schlussfolgerung für die oben referierte Diskussion um die griechische Entwurfspraxis. Für Bauten mit einfacher Eckkontraktion sind die beiden Annahmen von Coulton157 und anderen nicht haltbar. Man kann nicht von ‚incomplete preliminary planning‘ sprechen, wenn bei der Verlegung der untersten Fundamentplatten die Gebälkmaße bereits nachweisbar fixiert worden waren. Ebensowenig können die Stylobatproportionen nach Faustregeln (‚rules of thumb‘) festgelegt worden sein, die keinen Bezug zum Gebälk hatten. Denn selbst wenn ein qua Formel festgelegter Stylobat annähernd für die einfache Eckkontraktion geeignet gewesen wäre, so blieb es doch von drei weiteren Faktoren abhängig, ob der Fries tatsächlich regelmäßig ausfallen konnte oder nicht: dem Achsabstand der Säulen von der Stylobatkante,158 der Architrav- und der Triglyphenbreite. Dass diese drei Faktoren mehr oder minder zufällig, ohne entsprechende Vorausplanung in genau passendem Verhältnis zu einander gestanden hätten, ist kaum vorstellbar.

Umgekehrt ist es – mit Coulton – durchaus plausibel anzunehmen, dass an Bauten, bei denen die Eckkontraktion zwar vorhanden war, aber nicht genau dem Ausgleichsbetrag entsprach, so dass weitere Anpassungen im Gebälk notwendig wurden, die Größe der Eckjoche aus der Anwendung von Grundrissformeln resultierte. Das ließ sich praktisch auch leicht realisieren, denn wenn der Baufortschritt den Fries erreicht hatte, konnte dort einfach ausgemessen werden, um wie viel länger oder kürzer als das Normalmaß die Triglyphen und Metopen über dem Eckjoch sein mussten.

2.3.4 Architekturordnungen und Bauentwurf: Architektur als ‚System‘

Die Entwurfsdiskussion geht, wenn auch meist implizit, fast immer davon aus, dass die griechischen Bauentwürfe mehr oder weniger systematisch entwickelt worden sind. Das heißt konkret, dass Entwurfsgrößen nicht einfach in Fuß und Daktylos fixiert wurden, sondern dass die Maße in einem inneren, durch Proportionen vermittelten Zusammenhang stehen. Es ist offensichtlich, dass diese Art des systematischen Entwerfens auf irgendeinen Weise mit den Architekturordnungen zusammenhängt. Wie dieser Zusammenhang genau beschaffen war, wird selten angesprochen, so dass hier abschließend einige Überlegungen dazu vorgetragen werden sollen.

Die griechischen Architekturordnungen waren zunächst nichts weiter als ein einfaches, nahezu universelles bautechnisches Grundmuster (Stütze – Gebälk), verbunden mit den spezifisch griechischen Formen für Kapitell, Architrav, Geison usw. Die Herausbildung dieser Formen in der frühen Holzarchitektur ist nahezu nicht mehr zu verfolgen. Was man aber nachzeichnen kann, ist die schrittweise Transformation der alten Ordnungen in Systeme, mit stabilen Ordnungsprinzipien, einer großen Zahl von Abhängigkeiten und systemspezifischen Problemstellungen. Diese Transformation setzte voraus, dass die Ordnungen, wenn sie auch ursprünglich keine Systeme waren, so doch gewissermaßen systemfähig waren. Grundmuster wie etwa der Antentempel oder auch der Peripteraltempel gab es bereits in hocharchaischer Zeit, nur wurden sie dort noch mehr oder weniger mit freier Hand abgesteckt,159 später jedoch konstruiert nach Maß und Zahl, und mit hohem Anspruch an Exaktheit. Einen ansatzweise ähnlichen Prozess hat es auch in der Vasenmalerei gegeben. Deren Ornamentformen wurden ebenfalls zunächst mit freier Hand aufgemalt, doch waren viele dieser Formen im Grundsatz geometrisch (Halbkreise, Spiralen, Mäander usw.), so dass schon in protogeometrischer Zeit die zuvor aufgemalten Formen mit dem Zirkel in den Ton aufgerissen werden konnten. Genauso sind die Voluten des ionischen Kapitells, geometrisch gesehen Spiralen, in der frühesten Zeit noch freihändig ausgearbeitet worden, später jedoch mit dem Zirkel konstruiert worden. Die bei weitem wichtigste Voraussetzung, die die Transformation der alten Ordnungen in Systeme möglich gemacht hat, lag aber wohl in der Bautechnik. Das zeigt die Gegenüberstellung mit anderen elementaren Techniken des frühen Bauens: Mauern aus Lehmziegeln waren, strukturell gesehen, ein Kontinuum ohne innere Gliederung, das entsprechend wie ein Band beliebig verlängert oder verkürzt werden konnte. Stützenstellung wie in den griechischen Ordnungen bestanden dagegen aus diskreten Einheiten, die immer eine – regelmäßige oder unregelmäßige – Gliederung hatten, und auch nur um mindestens eine Einheit verlängert oder verkürzt werden konnten. Nur solche gegliederten, rhythmisierten Strukturen, nicht aber bandartige Strukturen wie Mauern konnten bei fortgeschrittener Systematisierung überhaupt zu Problemen wie Jochdifferenzierung oder Eckkonflikt führen. Und noch ein zweiter Aspekt der Stützenstellungen hat in diesem Zusammenhang grundlegende Bedeutung: Stützenstellungen, über Eck angeordnet, tragen das Prinzip des Entwerfens in Proportionen immer schon in sich. Allein das bloße Abzählen der Stützen an Fronten und Flanken zur Benennung ihrer jeweiligen Längen führt direkt zum Planen bzw. Entwerfen in ganzzahligen Verhältnissen.

Aber auch wenn diese elementaren Strukturen der frühen Holzarchitektur gleichsam eine geeignete objektive Basis für die späteren Entwurfssysteme darstellten, so handelt es sich bei der folgenden Entwicklung doch keineswegs um irgendeine Form von Eigendynamik eines Systems. Der entscheidende Impuls für alles weitere war der subjektive Gestaltungsanspruch der griechischen Architekten. Das illustriert schon die Tatsache, dass auch in vielen anderen Epochen und Regionen ebenfalls mit Stütze und Gebälk gebaut wurde, ohne dass daraus vergleichbare Systeme entwickelt worden sind. Die Systematisierung der alten griechischen Ordnungen war ein längerer Prozess. Das entsprechende Interesse der Architekten ist bereits frühzeitig erkennbar, wenn auch zunächst in der schlichten Form, gewissermaßen „Ordnung im Säulenwald“ (G. Gruben) zu schaffen. Zu den ersten solchen Eingriffen zählt die Verpflichtung auf strikte Uniformität funktional gleichartiger Bauglieder. Sie ist offenbar erst in der Steinarchitektur durchgesetzt worden, denn an einigen alten Bauten wie etwa die sog. Basilica in Paestum und auf Korfu fehlt diese Uniformität noch. Dort hatten beispielsweise die Kapitelle noch keine strikt einheitliche Form. Auch die angesprochene Synchronisation von Triglyphenfries und Säulenstellung ist ein ein bewusst vorgenommener, strukturierender Eingriff in eine ältere, noch ungeordnete Bauweise. Dass viele der Architekten der archaischen Zeit bereits ein dezidiertes Interesse an geordneten Strukturen hatten, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass für beide Maßnahmen erkennbar ein Preis bezahlt werden musste und bezahlt worden ist. Im Fall der Vereinheitlichung der Formen verlor das einzelne Bauglied seinen individuellen Wert, und wahrscheinlich auch die Steinmetzen die Möglichkeit, ihr individuelles Können zu zeigen. Im Fall des Triglyphenfrieses war der Preis der Ordnung der Eckkonflikt, der schon beim allerersten Steinbau mit Achsbindung der Triglyphen bemerkt worden sein muss, weil über den Eckjochen Friesblöcke mit Normalmaß zu kurz gewesen sein müssen.

Die zweifellos anspruchsvollste Aufgabe bei der Transformation des alten, gleichsam freihändigen Umgangs mit den Ordnungen in eine klar strukturierte Bauplanung war der scheinbar schlichte Anspruch, auch die Jochmaße an Fronten und Flanken zu vereinheitlichen. Uniforme Jochmaße waren viel schwieriger zu realisieren als uniforme Kapitellprofile. Im Kontext dieser selbst gestellten Aufgabe wird auch aus dem Architekten des alten Typs, dessen Stellung dadurch bestimmt ist, dass er handwerklich und technisch qualifizierter ist als die übrigen Steinmetzen, der Architekt im modernen Sinne, dessen primäre Aufgabe das Entwerfen des Bauplans ist. Die geschilderten Schritte auf dem Weg zur Eliminierung der Jochdifferenzierung geben hier einige aufschlussreiche Einblicke. Der erste Schritt in diese Richtung, also die westgriechische Methode, eine der für die Stylobatproportion kalkulierten Säulen der Langseite wegzulassen, war noch reiner Pragmatismus, sozusagen ein handwerklicher Kunstgriff, der kein theoretisches Konzept voraussetzt. Ähnlich wie in einem Brettspiel entnahm man der Grundrissfigur einen Spielstein und passte die Postion der übrigen ein wenig an, und schon war die Figur im Sinne der Regelmäßigkeit deutlich optimiert.

Die später gefundenen Lösungen sind aber schon Ergebnisse einer Analyse der Ringhalle als Struktur, denn sie implizieren eine doppelte Abstraktionsleistung, wie zuvor schon gezeigt wurde: Zum einen war bei diesen Lösungen nicht die Anzahl der Baukörper, d. h. die Anzahl der Säulen, sondern das Verhältnis ihres Abstands voneinander, also das Joch als reines Maß der Ausgangspunkt entsprechender Entwurfsverfahren. Zum anderen emanzipierte sich beim vom Joch ausgehenden Entwerfen der Entwurfsprozess endgültig vom Bauprozess. Der Entwurfsprozess hatte sein eigenes Muster, das keine bloße Vorwegnahme der am Bau notwendigen Schritte mehr war, denn das einheitliche Normaljoch ließen sich nur realisieren, wenn bei der Planung das Joch – oder für den einheitlichen Triglyphenfries das Gebälk – zum Ausgangspunkt gemacht wurde, während das Bauen stets und immer mit dem Legen der Fundamente für den Stufenbau begann. Das modulare Entwerfen war letztlich nur eine weiter getriebene, gleichsam noch abstraktere Variante dieser Verfahren, denn dort wurde gar nicht mehr von einer zentralen Baugruppe wie dem Joch oder dem Gebälk ausgegangen, sondern von einem reinen Maßsystem, einem dem Modul entsprechenden Raster, in das die Grund- und Aufrisse wie in Millimeterpapier eingezeichnet werden konnten. Bei allen diese Verfahren ergab sich zudem zwangsläufig eine wesentlich größere Planungstiefe als notwendig war, solange man mit den älteren Formeln gearbeitet hatte, bei denen eine Jochdifferenzierung akzeptiert werden musste.

Für diese Entwicklung lassen sich keine äußeren Anstöße jenseits des Interesses der Architekten an systematischer Strukturierung angeben. An Stabilität hatte es selbst den Bauten mit vergleichsweise großer Jochdifferenzierung nie gemangelt: Immerhin stehen noch heute Joche der Apollontempel von Korinth und Syrakus aufrecht. Auch die Anbindung des Triglyphenfrieses an die Säulenstellung war in konstruktiver Hinsicht bedeutungslos, denn der Triglyphenfries war als reines Ornament im Sinne der Standsicherheit bedeutungslos. Effektive ästhetische Vorteile wird man ebenfalls kaum geltend machen können. Selbst wenn man den Griechen eine besondere Sensibilität für Proportionen zubilligt (die gelegentlich geradezu mythisch überhöht wird), so war es doch unmöglich für den Betrachter, den Unterschied zwischen einem klassischen Bau mit Normaljoch und einem spätarchaischen Bau mit einer Jochdifferenzierung von vielleicht zwei oder drei Prozent optisch wahrzunehmen. Ökonomische Vorteile des Einheitsjochs durch die identische Bemaßung aller Bauteile des Gebälks waren ebenfalls kaum ein treibendes Motiv, denn eine standardisierte Produktion von Baugliedern wie in Rom hat es in Griechenland (jenseits von Dachziegeln) nie gegeben, und für einen Steinmetz, der einen Natursteinblock zurichtete, ergab sich keine nennenswerte Einsparung an Arbeit, wenn der Block wenige Zentimeter länger oder kürzer sein sollte.

Es bleibt daher die Frage, woher der Impuls zur Strukturierung der Entwürfe seine außerordentliche Intensität, und vor allem seine Dauerhaftigkeit bezog. Man könnte den Anspruch auf strikte Systematik des Entwerfens mit der im Werksteinbau geforderten Präzision in Verbindung bringen, d. h. die Übertragung eines baukonstruktiven Prinzips auf das Entwerfen. Im Werksteinbau ohne Einsatz von ausgleichenden Bindemitteln wie Mörtel war ein exakter Fugenschluss bei manchen Baugruppen zwingend, beispielsweise bei den Lagerfugen von Säulentrommeln, denn bei einem Schaft mit zehn Horizontalfugen zwischen den Trommeln würde die Stabilität der Säule spürbar beeinträchtigt, wenn sich das Lagerspiel von unpräzise gearbeitete Fugen addiert – die Säule würde wackeln. Man kann in diesem Sinne fragen, ob die Präzision in der Schichtung der Säulentrommeln nicht darauf geführt haben sollte, mit der gleichen Präzision auch den Abstand zwischen den Säulen festzulegen. Das ist auch gemacht worden.160 Man findet zudem Belege für eine technisch kaum noch begründbare Präzision an Baugruppen, die kaum Stabilitätsprobleme aufwerfen.161 Eine Fetischisierung von Präzision lässt sich aber trotz solcher Beispiele keineswegs generell unterstellen. Viele Bauten zeigen vielmehr umgekehrt, dass die Baumeister und Handwerker sehr genau wussten, wo Exaktheit aus technischen Gründen gefragt war, und wo nicht. So zeigen die Abakusbreiten dorischer Kapitelle selbst am Parthenon Unterschiede, die im Bereich von Lagerfugen unmöglich hätten toleriert werden können. Einen Weg, der direkt von bautechnisch geforderter Präzision zur strikten Systematisierung von Bauentwürfen führen würde, gibt es demnach nicht. Strapaziert man den Gedanken etwas weniger, bleibt es gleichwohl plausibel anzunehmen, dass zumindest die Baumeister der archaischen Zeit einen Begriff von Qualität entwickelt hatten, der auch beim Entwerfen einen ‚sauberen Fugenschluss‘ verlangte.

Spätestens für die Zeit ab dem 5. Jahrhundert kann man zeigen, dass der vielleicht aus dem ambitionierten Handwerk stammende Anspruch, Größenverhältnisse durch Proportionen in ein klar strukturierten Zusammenhang zu bringen, auch jenseits der Architektur vielfach formuliert worden ist. In allgemeiner Form waren Maß und Zahl als Gesetz des Kosmos schon eine frühe theoretische Grundposition der Pythagoreer. Aufgegriffen wurde dieser Gedanke in der Folge auch von Philosophen wie Platon, der daher der Mathematik eine sehr hohe Stellung in seiner Philosophie einräumte, da mathematische Objekte und mathematisch strukturierte Beziehungen seiner Vorstellung von ‚Ideen‘ als Grundstrukturen des Seienden sehr nahe kamen. Aus dem selben Grund schätzte Platon Architektur mehr als andere Handwerke, weil in ihr Maß, Zahl und Exaktheit eine erhebliche Rolle spielten.

Konkreter mit der Entwicklung der Architektur verbinden lassen sich ästhetische Theorien mit explizitem Bezug zur Praxis, die Proportionen ins Zentrum der künstlerischen Arbeit gestellt haben, wie etwa der berühmte – wenn auch im Einzelnen kaum bekannte – Kanon des Polyklet, der Aussagen über das harmonische Verhältnis der Größe der Elemente des menschlichen Körpers zueinander enthalten hat.162 Überzeugungskraft dürfte das Konzept, ästhetisch überzeugende Lösungen durch strikt proportionale Verhältnisse der jeweiligen Elementen zu ermöglichen, aber vor allem durch den Bezug zur Musik gewonnen haben. Hier war der Zusammenhang von definierten Intervallen und Harmonie klar erkennbar, denn nur, wenn die Länge gleichgespannter Saiten in bestimmten proportionalen Verhältnissen verkürzt oder verlängert werden, klingen zwei gleichzeitig erzeugte Töne harmonisch. Dass Bezüge zwischen der Musik und der Architektur gesehen wurden, zeigt explizit der Begriff der Eurhythmia, der – zweifelsfrei aus der Musik stammend – bekanntlich noch bei Vitruv das Leitbild ist für ‚richtige‘ Bestimmung der Proportionen zwischen den Baugliedern und in ihrem Verhältnis zum Ganzen.163 Weit weniger bekannt ist, dass der Begriff auch weit früher schon in der griechischen Literatur mit Bezug auf die durch Proportionen vermittelte Harmonie in der Architektur nachweisbar ist.164

Übersehen sollte man bei dem Bezug auf solche Theorien allerdings nicht, dass es dafür noch ein zweites Motiv gab. Das Entwerfen wird durch diese Bezugnahmen von einer ursprünglich zum Handwerklichen gehörenden Tätigkeit zu einer angewandten Wissenschaft. Dieser Anspruch ist lange vor Vitruv nachweisbar von griechischen Architekten erhoben worden, bis hin zu der fast absurden Forderung des Pytheos, der Architekt müsse in den einschlägigen Wissenschaften noch mehr Kompetenz haben als die jeweiligen Fachwissenschaftler selbst. Wissenschaft als Grundlage ihrer Arbeit, und damit einen entsprechenden sozialen Status, konnten die Architekten nur im Bereich des Entwerfens für sich reklamieren, denn die Arbeit auf der Baustelle war und blieb ja Handwerk. Sie waren damit auch durchaus erfolgreich, wie entsprechende Äußerungen prominenter Autoren der klassischen Zeit belegen, die stets auf die Anwendung von Mathematik und Geometrie sowie auf die ‚intellektuelle‘ Arbeit des Entwerfens abstellen.165

2.3.5 Bauzeichnungen

Hinsichtlich der Bedeutung von Zeichnungen bei der Arbeit der griechischen Architekten muss zunächst die Funktion der Zeichnungen unterschieden werden. Zeichnungen können das Medium sein, in dem sich die eigentliche Entwurfsarbeit vollzieht, wenn beispielsweise die bestimmenden Proportionen von Grund- und Aufrissen durch Zirkelschläge, Dreieckskonstruktionen, Rechteckkonstruktionen (‚goldener Schnitt‘) oder ähnlich erfolgt. Bei bestimmten Entwurfsaufgaben hat das Zeichnen gegenüber der rechnerischen Ableitung von Größen den Vorteil, wesentlich einfacher und auch schneller zum Ziel zu führen. So lässt sich die Höhe im gleichseitigen Dreieck durch eine einfache Lotlinie darstellen, wohingegen die Berechnung ihrer Länge den Umgang mit der Kubikwurzel erfordert. Dasselbe gilt – mindestens bei nicht ausgesprochen günstig gewählten Ausgangsmaßen – für die Bestimmung der Länge der Diagonale des Quadrats, bei der immerhin die Auflösung der Quadratwurzel im (lange bekannten) Satz des Pythagoras erforderlich wird. Auch Vitruv, der vom Architekten fortgeschrittene Kenntnisse der Mathematik verlangt und das Proportionieren in ganzzahligen Verhältnissen zur Grundlage seiner modularen Entwürfe macht, scheut sich keineswegs, selbst bei einer relativ einfachen Aufgabe wie der Flächenverdoppelung des Quadrats eine geometrische Bestimmung zu bevorzugen, mit der schlichten Begründung, dass die gesuchte Seitenlänge eben nicht ganzzahlig darstellbar sei.166

Eine weitere Funktion der Zeichnungen ist die Darstellung der Ergebnisse der Entwurfsarbeit gegenüber den ausführenden Handwerkern und den Bauherren. Präsentationszeichnungen waren in der Antike sicherlich bekannt. Vitruv kennt sie, als perspektivische Darstellung, unter dem griechischen Begriff Scaenographia.167 Da er keinen entsprechenden lateinischen Terminus angibt, wird man davon ausgehen können, das spätestens im Hellenismus solche Zeichnungen angefertigt worden sein müssen. Dafür spricht auch, dass der Begriff im Sinne von gemalten Bühnenbildern in den griechischen Quellen nachweisbar ist. Im Sinne einer Architekturzeichnung ist er allerdings nicht belegt, so dass nicht angegeben werden kann, ab wann griechische Architekten anhand solcher Zeichnungen ihre Entwurfsideen dargestellt haben. Zweidimensionale (Ritz-) Zeichnungen waren in der Architektur seit je her üblich. Es mag hier genügen daraufhinzuweisen, dass die Ausarbeitung von geometrisch strukturierten Baugliedern wie Geisa oder Triglpyhen aus einem Steinquader praktisch gar nicht möglich ist, ohne die entsprechenden Formen des Bauteils zuerst auf die Seiten des Quaders aufzureißen.

Vor diesem Hintergrund, sowie der prominenten Stellung der Geometrie innerhalb der griechischen Wissenschaften, und schließlich der geradezu ins Auge springenden Geometrie der Formen der griechischen Architektur, ist es kaum überraschend, dass vor allem die frühe Forschung mit Selbstverständlichkeit davon ausgegangen ist, dass die griechischen Architekten ihre Bauten mit Stift, Lineal und Zirkel entworfen haben. Nach Aufmaß angefertigte Grund- und Aufrissdarstellungen antiker Ruinen wurden daher von vielen Forschern nach geometrischen Konstruktionslinien abgesucht, die aufzeigen sollten, welche Grundsätze und welche Schrittfolgen die Entwürfe widerspiegeln.168

Aber schon der hier mehrfach zitierte Hans Riemann, und nach ihm viele der Architekten, die selbst an Aufnahmen antiker Bauten gearbeitet haben, haben zeichnerische Entwurfsverfahren für die archaische und klassische Zeit mit verschiedenen Einwänden bestritten. So wird darauf verwiesen, dass für das Zeichnen von Plänen, deren Maßstab ausreichend groß war, um Details präzise abgreifen zu können, kein geeigneter Zeichengrund verfügbar war. Antike Papyrosblätter von Büchern hatten eine Breite von nur ca. 45 cm, und wurden bei Buchrollen zwar aneinander geklebt, jedoch ist über große Formate nichts bekannt. Zudem werden weder in Inschriften noch in literarischen Quellen jemals entsprechende Baupläne erwähnt. Hinzukommt, dass für die Visualisierung von Entwurfsideen in Grundrissplänen oder Fassadenaufrissen in den beiden frühen Epochen kaum Bedarf bestanden haben dürfte, da angesichts der Typengebundenheit und der strukturellen Ähnlichkeit der Bauten leicht vorstellbar war, welchen Effekt Änderungen der Proportionen haben würden.169 Akzeptiert werden von diesen Autoren, auch für die früheren Epochen, allein Werkrisse für die Konstruktion von Architekturdetails (dazu ausführlich unten).

Die Annahme, dass die Vitruv unter dem griechischen Begriff Ichnographia bekannten Grundrisszeichnungen erst sehr spät Verwendung gefunden hätten, ist nur bedingt haltbar, denn es gibt deutliche Hinweise darauf in – von der Bauforschung kaum beachteten – Quellen, die älter sind als Vitruv. So erwähnt der Ingenieur und Mathematiker Philon von Byzanz in seinem Buch über die Verteidigungsanlagen von Städten unterschiedliche Formen der Anlage von Türmen und Stadtmauern, für die er auf Zeichnungen verweist. Diese σχήμаτа, die in den erhaltenen Codices leider nicht mehr vorhanden sind, waren aller Wahrscheinlichkeit nach Grundrissdarstellungen, da Philon die Turmformen und die Position der Maueranschlüsse darstellen wollte.170 Vitruv kennt ebenfalls den griechischen Begriff σχήμаτа, und übersetzt ihn mit lat. forma, was bei ihm und anderen römischen Autoren im Kontext des Bauwesens stets Grundrisse bezeichnet171 (Das bekannteste Beispiel für die Verwendung des Begriffs ist die forma urbis für den teilweise erhaltenen Stadtplan Roms). Im Sinne von ‚Schemazeichnung‘ wird der griechische Begriff auch schon sehr viel früher von den sog. Taktikern bei der Darstellung von Truppenformationen auf dem Schlachtfeld, also gleichsam dem Grundriss der Schlachtreihen, gebraucht.172 Es spricht m. E. also viel dafür, dass Architekten solche vermutlich unmaßstäblichen Skizzen beim Entwerfen von solchen Bauten verwendet haben, deren Grundriss-Disposition nicht ähnlich stark typisiert war wie die der Tempel, also etwa für Rathäuser, Gymnasia oder Palästren, die allerdings in der Tat erst in hellenistischer Zeit häufiger gebaut wurden.

Es gibt jedoch auch ältere Bauten, deren Grundrisse kaum anders als geometrisch ausgearbeitet worden sein können, nämlich die Rundtempel. Für die spätklassische Tholos in Delphi hat W. Hoepfner (2000) eine Rekonstruktion des Entwurfsvorgangs vorgelegt. Es ist kaum vorstellbar, dass der Architekt die sehr exakt ausgeführte Positionierung der Säulen bzw. ihrer Abstände rechnerisch bestimmt haben sollte, also durch Teilung des entsprechenden Grundrisskreises durch die Anzahl der Joche. Dies zumal die Zahl π in dieser Zeit (vor Archimedes) noch nicht hinreichend exakt berechnet worden war. Viel wahrscheinlicher ist, dass der Architekt anhand eines Pentagramms (Fünfeck) und anschließender Winkelhalbierung die Aufstandspunkte der zwanzig Säulen bestimmt hatte. Der oben angesprochene Einwand hinsichtlich der Größe des Zeichnungsträgers dürfte hier kaum gelten: Der fertige Stufenbau selbst dürfte der Zeichengrund gewesen sein, auf den die Konstruktion durch Ritzlinien aufgetragen wurde. Auch die genaue Form der Architrave von Rundbauten in Form eines Kreissegments, die die Säulen verbinden, dürfte durch einen mit dem Zirkel ausgeführten Riss bestimmt worden sein, oder direkt vom Grundkreis der Säulen auf der Krepis abgenommen worden sein. Der namentlich bekannte Architekt der Tholos in der Marmaria bei Delphi, Theodoros von Phokaia, hat über den Bau eine Schrift publiziert.173 Man darf wohl vermuten, dass er darin die Geometrie des Baus und deren Konstruktion dargelegt hat, wobei die oben angesprochenen σχήμаτа sicher die geeignete Form waren, die Konstruktion des Grundrisses zu erläutern. Gleiche oder ähnliche geometrische Verfahren der Formfindung dürften an der ebenfalls spätklassischen sog. Thymele des jüngeren Polyklet im Heiligtum von Epidauros und am frühhellenistischen Philippeion in Olympia zur Anwendung gekommen sein.174

Fasst man das bisher Angeführte zusammen, so wird man zwar keinen Grund haben zu bezweifeln, dass für den Bau der kanonischen Tempelformen in der Tat kein Anlass bestand, Bauzeichnungen anzufertigen. Bauzeichnungen als Instrument des Entwerfens, auch von Grundrissen, wird man deshalb aber gleichwohl nicht für die vorhellenistische Zeit pauschal ausschließen dürfen, und zwar weder in Form der wohl unmaßstäblichen σχήμаτа, die der grundlegenden Formfindung dienten, als auch für die maßstäbliche Grundrissdarstellung bei der Errichtung des Oberbaus von Rundbauten, die wahrscheinlich anhand einer per Handskizze entwickelten Schrittfolge auf der Plattform aufgerissen wurden. Im Fall der Tholoi ist kaum etwas anderes vorstellbar, als dass sowohl die Grundrissentwicklung wie die Darstellung bzw. Auftragung des Grundrisses auf dem Stufenbau mit geometrischen Mitteln erfolgte. Da die Tholos eine bereits in archaischer Zeit – wenn auch selten – verwendete Grundrissform war, ist ein genuin geometrisches Entwerfen auch für die frühen Phasen der griechischen Architektur anzunehmen.

Eine wesentlich verbesserte Grundlage für das Verständnis der Bedeutung von Zeichnungen in der griechischen Architektur haben die Beobachtungen von Werkrissen gebracht, die Lothar Haselberger 1979 am hellenistischen Apollontempel im Heiligtum von Didyma bei Milet entdeckt hat.175 Die Zeichnungen befinden sich auf den Sockelwänden des Adyton genannten Innenhofs des Tempels, die eine Art Konstruktionsbüro und Planarchiv von über 200 qm Fläche ausmachen. Sie wurden mit Stichel, Zirkel und Lineal auf die zuvor mit Rötel bestrichenen Wände aufgerissen, so dass die Risse den Marmor der Wände in Form von weißen Linien freilegten. Änderungen und Korrekturen waren durch Überstreichen vorhandener Ritzlinien mit Rötel problemlos möglich. Erhalten haben sich die Zeichnungen nur deshalb, weil der Bau niemals vollendet worden ist, so dass das Glätten der Wände, das die Zeichnungen zerstört hätte, unterblieb. Die frühesten von ihnen stammen aus der Mitte des 3. Jahrhunderts, die jüngsten aus der römischen Kaiserzeit.

Abb. 2.8: Konstruktionszeichnung eines Säulenschaftes mit angearbeitetem Torus auf einer Wand des Adytons am hellenistischen Apollontempel in Didyma (Haselberger 1980, modifiziert).

Abb. 2.8: Konstruktionszeichnung eines Säulenschaftes mit angearbeitetem Torus auf einer Wand des Adytons am hellenistischen Apollontempel in Didyma (Haselberger 1980, modifiziert).

Unter den erhaltenen Werkrissen findet sich ausschließlich Aufriss- und Schnittzeichnungen. Für die Darstellung eines Grundrisses bestand vermutlich auch kein Bedarf mehr, da die Zeichnungen ja erst aufgebracht wurden, als die Hofwände und der Stufenbau bereits teilweise fertiggestellt worden waren. Für die Forschung von besonderem Interesse ist die Schnittzeichnung eines Säulenschaftes mit angearbeitetem Torus (Abb. 2.8). Dargestellt ist nur der linke Teil des – rotationssymmetrischen – Schaftes, d. h. der Kontur und die Achse. Der Riss hat zwei verschiedene Maßstäbe: In der Horizontalen sind Schaft und Torus in natürlichem Maßstab gezeichnet, in der Vertikalen der Schaft im Maßstab , so dass in dieser Ebene ein Daktylos der Zeichnung einem Fuß am ausgeführten Werkstück entspricht. Die sechzig parallelen Linien im Abstand von einem Daktylos entsprechen folglich einer Schaftlänge von 60 Fuß oder ca. 18 m. Ohne diesen reduzierten Maßstab wäre der Schaft auf der wesentlich niedrigeren Wand gar nicht darstellbar gewesen.

Die Länge jeder dieser parallelen Linien, gemessen zwischen der Konturlinie und der Achse, gibt so den (halben) Durchmesser des Schaftes auf der Höhe an, die diese jeweilige Linie bezeichnet. Der Radius des Unterlagers der untersten Säulentrommel entspricht also der Länge der untersten Linie zwischen Achse und Kontur, der Radius des Oberlagers der obersten Trommel der Länge der obersten Linie usw. Bei der Ausarbeitung der Endform des Schaftes ergab sich damit für jeden Fuß Höhe der zugehörige Sollwert für den Radius des Schaftes.

Der Werkriss diente nicht allein als Maßvorgabe für die Steinmetzen, die die Maße mit dem Stechzirkel an dem Riss abgreifen konnten, sondern diente zugleich der Konstruktion der Entasis. Die Entasis176 – wörtlich: ‚Anspannung‘, etwa in der Art eines Muskels – bezeichnet die leichte Schwellung des Schaftes gegenüber der stereometrischen Grundform. Letztere ist ein Kegelstumpf, der im Riss durch die Sehne angegeben ist. Der Zirkelschlag direkt daneben definiert den Umfang der Schwellung, die im Maximum 4,6 cm beträgt. Hier liegt der zweite Vorteil des in der Höhe reduzierten Maßstabs. Wollte man nämlich dieselbe, extrem schwach ausgeprägte Entasiskurve in natürlichem Maßstab zeichnen, hätte der Einstichpunkt für den Zirkelschlag sehr viel weiter rechts liegen müssen – selbst die Wand dieses riesigen Tempels hätte dafür als Zeichnungsträger bei weitem nicht ausgereicht. Die wie beschrieben definierte Schwellung ergibt keinen flaschenförmigen Schaft, wie bei römischen Säulen häufig, sondern die griechische Schaftform, bei der trotz der Schwellung das Unterlager den maximalen Durchmesser des Schaftes aufweist.

Die Zeichnung des Torus (Wulst) unter dem Schaft ist ebenfalls zugleich Maßvorgabe und Konstruktion. Sein äußeres Profil war zunächst durch zwei Viertelkreise angegeben, deren Einstichpunkte auf der horizontalen Linie liegen, die die Lage des maximalen Durchmessers des Torus angibt. Der untere Viertelkreis ist jedoch ein zweites Mal gezeichnet worden, wobei der neue Einstichpunkt unterhalb der horizontalen Linie lag, wodurch die Kurve unten stärker einzieht als beim ersten Einstichpunkt. Ähnliche Überarbeitungen einer zuvor entwickelten Grundform lassen sich auch an einem zweiten Riss nachweisen, auf dem Gebälk und Giebel des Naïskos dargestellt sind, eines kleinen tempelförmigen Baus innerhalb des Adyton. Dieser Riss gibt allerdings, anders als der Schaftriss, nicht die tatsächlich ausgeführte Form wider, denn der Naïskos, von dem sich Werkstücke erhalten haben, war deutlich weniger breit als auf dem Riss. Die Zeichnung ist, gerade weil sie verworfen worden ist, definitiv ein Teil des Entwurfsprozesses gewesen.

Entwurfszeichnungen sind inzwischen auch an anderen Bauten aus hellenistischer Zeit in Kleinasien177 nachgewiesen worden, und im griechischen Mutterland ebenfalls.178 Angesichts der komplexen Darstellungstechnik des didymäischen Säulenschaftes mit zwei Maßstäben in einer Zeichnung ist an sich schon evident, dass die geometrische Konstruktion von Formen von Baugliedern älter sein muss als der Bau in Didyma. Der früheste der wenigen älteren Werkrisse gehört sogar zu einem der ältesten griechischen Monumentalbauten, dem hocharchaischen ersten Tempel der Aphaia auf Ägina (um 570). Auf der Unterseite einer Toichobatplatte (Standplatte für den Mauersockel) fand sich eine Ritzzeichnung, auf der eine Kreislinie mit Achsenkreuz durch Zirkelschläge in sechs gleichlange Segmente unterteilt worden ist.179 Die genaue Funktion der Zeichnung ist unklar. Sie diente jedenfalls in der zuerst vorgesehenen Verwendung180 nicht zum Anreißen der Position einer Fußtrommel auf einer Stylobatplatte, denn der aufgerissene Kreis hat nicht den Durchmesser der Fußtrommeln der Säulen des Tempels.

Vor dem Hintergrund der hier zuletzt beschriebenen Werkrisse ist davon auszugehen, dass zeichnerische Formen des Entwerfens vor allem bei der Konstruktion von Detailformen schon sehr früh eine erhebliche Rolle gespielt haben – wahrscheinlich eine weit größere als in der Grundrissentwicklung.

2.3.6 Paradeigma und Anagraphé

Neben den Bauten selbst und den Werkrissen geben auch die Inschriften Hinweise auf die Arbeitsweise der griechischen Architekten. Zwei Termini spielen hier eine besondere Rolle.

Paradeigma, ‚Beispiel‘, bedeutet zweierlei: zum einen ein einzelnes Exemplar einer Menge gleichartiger Objekte, zum anderen das Vorbild oder Muster für eine Menge entsprechender Objekte. Die letztgenannte Bedeutung ist sicher die, die in den Bauinschriften gemeint ist. Die ältere Deutung der Inschriften sah in Paradeigmata Modelle der Bauten in stark reduziertem Maßstab, die der Abstimmung zwischen Bauherrn und Architekten gedient hätten.181 Mindestens in einem Fall ist ein solcher Kontext in den Textquellen auch belegt, nämlich im Bericht über die Fertigstellung des spätarchaischen Apollontempels in Delphi. Herodot bezieht sich an dieser schon oben angeführten Stelle auf eine Vereinbarung zwischen dem Vorstand des Heiligtums und der Familie der Alkmäoniden aus Athen. Die Familie hatte ihre Zusage, die Fertigstellung des Tempels zu finanzieren, nicht nur erfüllt, sondern mehr als das, denn sie ließ die Tempelfront in Marmor statt vereinbarungsgemäß in Kalkstein errichten.182 Unklar ist aber, was genau hier von Herodot mit Paradeigma bezeichnet wurde. Manche Autoren denken an ein Modell der Tempelfront, andere lediglich an eine Materialprobe.

Im allgemeinen wird die Interpretation von Paradeigma im Sinne eines Modells von ganzen Gebäuden heute abgelehnt.183 Geltend gemacht wird vor allem, dass Modelle für die grundsätzliche Abstimmung mit dem Bauherrn angesichts der Typengebundenheit der griechischen Architektur kaum erforderlich gewesen sein können. Als Instrument für die Darstellung eines Entwurfs für die Handwerker auf der Baustelle wären Modelle ungeeignet gewesen, denn die Maßstabsreduktion hätte es kaum ermöglicht, die Größen und Formdetails von einzelnen Baugliedern am Modell abzugreifen.

Sehr viel plausibler ist die Deutung von Paradeigma als Musterexemplar für die Anfertigung von Bauteilen mit komplexer Form, die für ein Gebäude in Serien hergestellt werden mussten. Einige dieser Bauteile sind auf andere Weise, also durch Beschreibung oder zweidimensionale Zeichnung, gar nicht vollständig darstellbar. Das gilt vor allem für das korinthische Kapitell. In einem Fall hat sich ein solches Musterstück wahrscheinlich erhalten. Im Heiligtum von Epidauros wurde ein korinthisches Kapitell gefunden, das mit Sicherheit niemals am Bau versetzt worden ist, obwohl es völlig fehlerfrei und bis auf wenige Bossenreste vollständig ausgearbeitet worden ist. Das Kapitell gehört zu dem Thymele genannten Rundtempel, als dessen Architekt der jüngere Polyklet angesehen wird. Man nimmt an, dass es – als Eigentum des Gottes, wie der Tempel selbst auch – nach Abschuss der Arbeiten im Heiligtum vergraben wurde (weswegen es bis heute perfekt erhalten geblieben ist).184 Interessant ist das Kapitell zudem deshalb, weil es zeigt, dass im Fall der Thymele der Architekt tatsächlich auch ein hochqualifizierter Steinmetz oder Bildhauer war, also noch in der Handwerkstradition stand und nicht ausschließlich als planender Architekt arbeitete.

Weiterhin gibt es inschriftliche Hinweise auch auf ionische Musterkapitelle. Eine dieser Inschriften stammt aus der Zeit, als Athen noch die Kontrolle über das Apollonheiligtum auf Delos hatte. Sie besagt, dass ein Unternehmer ein Kapitell in Athen zu übernehmen und nach Delos zu transportieren hatte (für das sog. Stiermonument?).185 Möglicherweise handelt es sich auch hier um das Musterstück des Architekten, der nicht selbst auf Delos vor Ort war.

Neben Kapitellen, die nicht rotationssymmetrische Formen hatten wie das dorische Kapitell (hier genügte zur Ausarbeitung eine Schablone mit dem Kapitellprofil), haben auch für alle Elemente der plastischen Bauornamentik sicher Modelle bereitgestellt sein müssen, etwa für die Simen (Traufrinnen) mit Wasserspeiern in Form von Löwenköpfen und die Akrotere, d. h. die floralen oder figürlichen Schmuckelemente an den Ecken und Firsten der Dächer.

Auch einfachere Formen wurden durch Paradeigmata definiert. Eindeutig ist der Hinweis auf die Aufbewahrung eines Musterstücks für die Dachziegel der Skeuothek, des im letzten Kapitel schon erwähnten Arsenals im Hafen von Piräus.186 Möglicherweise wurden die Ziegel nicht in unmittelbarer Nähe zur Baustelle hergestellt. Gut vorstellbar ist auch, dass dieser Prototyp aufbewahrt wurde, damit später nach seinen Vorbild eventuell benötigte Reparaturstücke angefertigt werden konnten. Das Stück war jedenfalls so wichtig, dass sein Aufbewahrungsort in der Inschrift festgehalten wurde.

Paradeigmata gab es zudem auch für die Verbindungselemente. Inschriftlich nachweisbar ist das Musterstück eines Dübels für die Vorhalle des Telesterions von Eleusis.187 Die Dübel zur Verbindung der Säulentrommeln wurden nicht aus Holz, sondern aus Bronze hergestellt, deren Zusammensetzung (elf Teile Kupfer auf einen Teil Zinn) im Auftrag spezifiziert war. Auch waren die Abmessungen nicht einheitlich. Die Dübel für die unteren Trommeln mit relativ größerem Durchmesser sollten größer sein als die für die oberen Trommeln unter dem Kapitell.

Aus Holz waren hingegen die Kisten, die in der Skeuothek für die Aufbewahrung der Schiffsausrüstung dienten, für die es ebenfalls ein Paradeigma des Architekten gab.188 Auch aus Holz war eine beiderseits weiß gestrichene Platte (Pinax), die in den Inschriften aus Delos erwähnt wird.189 Man könnte hier an die Verwendung als Zeichengrund – in der Art eines mittelalterlichen Rissbodens – denken. Die Funktion der Platte ist jedoch vollkommen unklar. Sicher ist nur, dass sie in Verbindung mit der Restaurierung eines Propylons mit Türen aus Holz gebraucht wurde.

Weit weniger eindeutig interpretierbar in den Inschriften als der Terminus Paradeigma ist der der Anagraphé. Das Grundproblem ist, dass das zugehörige griechische Verb sowohl ‚aufschreiben‘ bedeuten kann, wie etwa das Einmeißeln einer Inschrift in einen Stein, wie auch ‚auf etwas aufzeichnen‘, also die graphische Darstellung eines Objekts. Zweifelsfrei ist, dass Anagraphé in den Bauinschriften stets auf Anweisungen des Architekten an die Handwerker bezogen ist.

Das prägnanteste Beispiel ist die sog. ‚Prostoon‘-Inschrift.190 In ihr werden Aufträge vor allem für die verschiedenen Typen von Werksteinen aufgelistet (Stufenblöcke, Stylobatplatten, Metopen, Triglyphen, Geisa u. a.), jeweils getrennt in Aufträge für das Brechen der Steine, den Transport vom Steinbruch zum Heiligtum sowie für Ausarbeitung und Versatz der Bauglieder. Der Auftrag etwa für die Ausarbeitung und den Versatz der dorischen Geisa (Kraggesimse) lautet folgendermaßen:

„To make 47 Doric [Pentelic191] geisa according to the specification to be provided by the architect [πϱὸϛ τὸν ἀναγϱαφέα ὅν ἄν δῶι ὁ αϱχιτέκτων], length 6’, breadth 3 ’, thickness 1 ’, including two corner geisa, and hoist them up an join them so that they fit closely everywhere, without damage – width of joint-fillets ‘ – and connect them with clamps and dowels in molten lead, and level off the upper face of the course.“192

Die Formulierung πρὸϛ τὸν ἀναγραφέα ὅν ἄν δῶι ὁ αρχιτέκτων wurde in der Inschrift nicht weniger als elf Mal verwendet.193 Sie kommt in ähnlicher Form häufig in Bauinschriften vor.194 Was sie inhaltlich bezeichnet, ist im Grundsatz klar, denn die explizit gegebenen Maßangaben definieren lediglich einen rechteckigen Quader von Fuß, nicht aber ein dorisches Geison. Entsprechend muss die Anagraphé die zusätzlich notwendigen, die Form bestimmenden Angaben zur Ausladung der Hängeplatte, zur Neigung der Oberseite und der Nagelplatten (Mutuli), Höhe der Tropfen (Guttae), Traufnase (Scotia) usw. enthalten haben. Unklar bleibt aber, in welcher Form diese Informationen nachgereicht werden sollten. Bundgaard, der sich ausführlich mit der Deutung des Begriffs Anagraphé beschäftigt hat, kam zu keinem eindeutigen Ergebnis,195 und schiebt entsprechend in die oben zitierte Übersetzung in Klammern als Alternative ein: „[…] according to the specifications (possibly: the diagram) to be provided by the architect.“ Anders Maier, der den Begriff in einer Mauerbau-Inschrift von 337/6 mit „Aufrisse“ bzw. „Baurisse“ übersetzt, und zwar gerade mit Referenz auf die Prostoon-Inschrift.196 Am wahrscheinlichsten ist m. E., dass ein Werkriss gemeint ist, der das Profil des Geisons darstellte, und von dem die Steinmetzen die einzelnen Maße mit dem Stechzirkel abgreifen konnten. Ein solches Profil brauchte jeder Steinmetz für die Weiterarbeit, nachdem die Seitenflächen des Quaders ausgearbeitet worden waren. Noch heute wird in jeder monographischen Darstellung eines griechischen Baus für das Geison eine Profilzeichnung oder Seitenansicht gegeben, weil eine rein verbale Darstellung äußerst umständlich wäre. Nicht dem Profil entnehmen können hätte der Steinmetz nur die Spezifikationen für die Breite von Mutuli und Viae. Sie hätten zwar in einer separaten Untersicht des Geisons dargestellt werden können, doch dürfte das kaum notwendig gewesen sein, denn die betreffenden Maße ließen sich leicht an den Triglyphen und Metopen abnehmen.197 Ein Modell kann der Begriff wegen seiner Wortbedeutung hier zweifellos nicht gemeint haben.

Für die hellenistische Zeit lässt sich belegen, dass Anagraphé nicht allein einen Werkriss bezeichnete, also eine Darstellung einer Form für den ausführenden Steinmetz, sondern auch eine Konstruktionszeichnung, die der Formfindung durch den Architekten diente. Der Werkriss für den Säulenschaft mit Entasis aus Didyma, wie im voraufgehenden Abschnitt beschrieben, wäre in diesem Sinne eine Anagraphé. Nachweisbar ist diese Bedeutung bei Philon von Byzanz. Er beschreibt in seinen Belopoika zwei verschiedene Methoden, bestimmte Größen für ein Peritret – ein Wurfgeschütz – durch geometrische Konstruktion zu finden. Erstere198 schreibt vor, zunächst einen Winkel zu konstruieren war mit Hilfe eines beliebig bemessenen Kreises. Dieser Winkel soll dann übertragen werden auf die Anagraphé – μετενέγκαϛ οὖν ἐπί τὸν ἀναγϱφέα τὴν ἐκ τοῦ κύκλου γωνίαν –, und daraus wird durch weitere Konstruktionsschritte Länge, Höhe und Breite des Geschützes bestimmt. Von Bedeutung im hier behandelten Kontext ist lediglich, dass bei Philon Anagraphé zweifelsfrei eine zeichnerische Konstruktion meint. Da Philon angibt, beim Bau des Geschützes die Maße aus der Zeichnung abzugreifen, muss es sich um eine Konstruktionszeichnung in natürlichem Maßstab handeln. Das entspricht genau der oben für das Geison der Prostoon-Inschrift vorgelegten Interpretation. Damit scheint die Abgrenzung von Bedeutung und Funktion von Paradeigma und Anagraphé klar: Paradeigma bezeichnete ein voll ausgearbeitetes Musterstück, Anagraphé einen Werkriss. Paradeigma war, wo notwendig, die dreidimensionale Darstellung eines Werkstücks, Anagraphé, wo hinreichend, die zweidimensionale Darstellung eines Profils oder Schnitts des Werkstücks.

2.4 Materialien

2.4.1 Holz

Architekturglieder aus Holz haben sich nahezu nirgendwo erhaltenen. Zu den seltenen Ausnahmen gehören einige Verdübelungen an Säulentrommeln des Erechtheion und des Parthenon. Hinweise auf Holzart, Herkunft und Preis geben einige der Inschriften und vereinzelte Angaben in den Quellen, vor allem bei Theophrast (ca. 370–287) im fünften Buch seiner Naturgeschichte der Gewächse.199 Über die Art der Verwendung als Dach- und Deckenkonstruktion lassen Baureste Rückschlüsse zu, wenn die Anschlussstellen (Balkennester usw.) erhalten sind. Für die Frühzeit lassen einige der Hausmodelle Hinweise zur Holzkonstruktion zu. Bildliche Darstellungen geben hingegen kaum Aufschlüsse.200

Im Steinbau hatte Holz als Baustoff eine quantitativ wie strukturell hohe Bedeutung. Verwendet wurde es in der Regel in etwa derselben Weise wie noch im Steinbau der frühen Neuzeit, nämlich für die Ausstattung der Bauten mit Türen, Fenstern und Treppen, und vor allem für Decken und Dachstühle. Nur wenn ein Bau hohe Ansprüche demonstrieren sollte, wurde das standardmäßig verwendete Holz durch Stein substituiert. Vor allem Tür- und Fensterlaibungen wurden in Stein gefertigt, seltener Kassettendecken. Am Tempel von Sangri auf Naxos – einem technischen Kabinettstück – ist sogar das Dach (Dachbalken und Dachhaut) vollständig aus Marmor gefertigt.

Noch höher war die Bedeutung des Holzes im Lehmziegelbau, also vor allem bei Wohnhäusern, und in der Frühzeit auch bei öffentlichen und sakralen Bauten. Es diente hier zusätzlich zur Aussteifung von Mauern (wie auch an Stadtmauern) und Wänden, und zum Schutz von Mauerzungen (Anten). Zudem waren an Lehmziegelbauten auch Stützen und Gebälke regelmäßig in Holz ausgeführt.

Des Weiteren wurde Holz auf den Baustellen für Werkzeuge201 und Meßzeuge sowie für Maschinen (Gerüste, seltener Kräne) benötigt. Auch brauchte man Holz für das Brennen der Dachziegel und das Schmelzen des Bleis für den Verguss von Eisenklammern. Holzkohle – selten reine Kohle202 – war beim Schmieden der Beschläge, Dübel, Klammern und Werkzeuge erforderlich.

Kaum bekannt sind hingegen reine Holzkonstruktionen.203 Sie werden aber bei Brücken vielfach üblich gewesen sein.204 Ansonsten lassen sich nur einige nur für temporäre Nutzung errichtete Bauten belegen, deren Holz also wiederverwendet werden konnte, wie das ältere Dionysos-Theater am Südabhang der Athener Akropolis.205 Die Gründe für das weitgehende Fehlen reiner Holzkonstruktionen liegen kaum in klimatisch bedingter hoher Brandgefahr – Lehmziegelbauten waren kaum weniger gefährdet –, sondern in den hohen Kosten für hochwertiges Bauholz. Nicht sicher bekannt sind zudem freitragende Holzkonstruktionen ganzer Gebäude (wie Fachwerkhäuser), obwohl die erforderlichen Kenntnisse und Techniken aus dem Schiffbau, und vor allem aus dem Gerüstbau bekannt gewesen sein müssen, denn mit Hilfe der Gerüste und Winden wurden Bauglieder von über 10 to Gewicht versetzt (s. Abb. 2. 15). Nicht nachweisbar verwendet wurde Holz für Fundamentierungen, denn man kennt keine Pfahlgründungen in sumpfigem Gelände, obwohl auf solchem Untergrund einige der größten Tempelbauten errichtet worden sind (Heratempel auf Samos, Artemision in Ephesos, jeweils mit Vorgängerbauten).

Holzarten und ihre Verwendung

Theophrasts Aussage, dass am Bau außer den sehr weichen nahezu alle vorkommenden Holzarten verarbeitet wurden,206 hat schon die ältere Forschung bestätigt, die die Verwendung von nicht weniger als 25 Arten in den Quellen nachweisen konnte.207 Diese Vielfalt dürfte vor allem zwei Gründe haben. Zum einen wird man aus Kostengründen soweit wie möglich Holz aus den jeweils umliegenden Wäldern verwendet haben, welche Arten auch immer dort vorherrschten. Zum anderen ergaben sich aber vor allem bei weiträumigen, anspruchsvollen Bauten Anforderungen an die Qualitäten und Dimensionen der Balken, denen nur mit bestimmten, meist importierten Holzarten entsprochen werden konnte.

Anforderungen hinsichtlich der Biege- und Druckfestigkeit stellten vor allem die Tragwerke der Dächer, die die Last der Ziegel und einer eventuell darunter liegenden Lehmschicht zu tragen hatten. Bei den Deckenbalken erforderte die freie Länge entsprechende Dimensionierungen. Die Beschränkung der freien Spannweiten der Decken auf kaum über 12 m dürfte darauf zurückzuführen sein. Bei Decken, auf die Estrich aufgebracht werden sollte (mehrgeschossige Stoen), durfte das Holz nicht zu sehr auf Temperaturschwankungen reagieren, um Rissbildungen im Estrich zu vermeiden. Insbesondere bei den großen Tempeltüren (Höhe bis über 10 m) war das Alterungsverhalten (Verzug) und die Resistenz gegen Fäulnis bei Feuchtigkeit bei der Auswahl, neben ästhetischen Aspekten wie Maserung, zu berücksichtigen. Dasselbe galt für Hölzer, die für Steinverbindungen als Dübel und Schwalbenschwanz-Klammern eingesetzt wurden.208

Das Fachwissen, das sich die Zimmerleute – sicher auch im Austausch mit den Schiffbauern – über die Eigenschaften der lieferbaren Hölzer erworben hatten, muss erheblich gewesen sein, und galt offenbar als so zuverlässig, dass sich wissenschaftliche Autoren wie Theophrast bei der Diskussion technischer Eigenschaften der Holzsorten vielfach darauf bezogen. Theophrast bezeichnet als das am besten nutzbare Holz die Weißtanne (Abies alba) und die Schwarzkiefer (Pinus nigra),209 was vielleicht als verallgemeinernde Aussage für die an größeren Bauten tragend verwendeten Hölzer angesehen werden kann. Einen Einblick in die Breite der funktionsspezifischen Verwendung der Hölzer gibt die folgende Zusammenstellung einiger belegbarer Verwendungen210:

Baugruppe Holzart Ort/Bau
Säulen Eichenholz Heraion, Olympia
Stützten Eichenholz salle hypostyle, Délos
Dachstühle Pinie Klaros, Delos
Tanne Epidauros, Delphi, Delos1
Zeder Ephesos, Artemision
Zypresse Parthenon, Delphi (alkmaionidischer Apollontempel)
Decken Tanne Delphi, Eleusis
Buchsbaum Erechtheion
Ulme Delos, Apollontempel
Zeder Delos, Apollontempel
Zypresse Epidauros, Asklepiostempel
Eiche salle hypostyle, Delos
Fenster makedonischem Nadelholz Eleusis
Empolia (erh.) Zypresse Erechtheion
Empolia (erh.) Zypresse Parthenon
Empolia (erh.) Olivenholz(?) Apollontempel auf Delos

Tab. 2.1: Holzarten und ihre Verwendung.
1Balken von 18 Ellen (ca. 9 m) Länge [Pfette?], IG XI 2, 203 B, Z. 101.

Tab. 2.1: Holzarten und ihre Verwendung.
1Balken von 18 Ellen (ca. 9 m) Länge [Pfette?], IG XI 2, 203 B, Z. 101.

Herkunft, Einschlag, Verarbeitung

Die wichtigsten Liefergebiete für Bauhölzer im Mutterland waren Arkadien für Eiche, Euböa für Nußbaum, das Olymp-Gebirge für Buchsbaum, Makedonien für Nadelhölzer211 (speziell Schiffbau), Kreta für Zypressen212. Aus Kleinasien wurde Holz importiert vor allem aus dem Ida-Gebirge, den griechischen Schwarzmeerstädten Sinope und Amisos sowie aus Olympos an der Südküste. Trotz des enormen Aufwandes für den Transport wurden für bestimmte Zwecke Hölzer auch aus nicht-griechischen Gebieten bezogen. Neben Anatolien ist hier vor allem das Zedernholz aus Syrien (Libanon) und Zypern zu nennen.

Über den Einschlag ist hinsichtlich der Werkzeuge und der Transporttechniken innerhalb der Waldgebiete wenig bekannt. Sehr wahrscheinlich wurde mit Äxten gefällt und die Stämme mit Ochsen zunächst bis zu Verladeplätzen geschleift, die an Wegen oder Flüssen lagen.213 Die Kenntnisse, die der ‚Qualitätssicherung‘ dienten, sollen sogar in Fachschriften niedergelegt worden sein.214 Geschlagen werden sollten Bäume mittleren Alters, der Einschlag in den trockneren Jahreszeiten durchgeführt werden. Laubholz, dessen Rinde am Ort entfernt werden sollte, um das Holz sterben und trocknen zu lassen, sollten im Frühjahr vor dem Ausschlagen der Blätter geschlagen werden, Eiche hingegen im Spätherbst oder Winter, was der Verrottung und dem Befall durch Holzwürmer entgegenwirken sollte. Einfluss auf die Qualität sollten auch die Mondphasen gehabt haben: bei zunehmendem Mond geschlagenes Holz sollte härter sein und weniger stark verrotten. Verladen und verhandelt wurden in der Regel wohl Stämme, die Verarbeitung zu Balken und Brettern erfolgte, soweit aus den Quellen erkennbar, entweder beim lokalen Händler oder vor Ort auf der Baustelle.215

Holztechnik

Holz, das besonders gegen Verzug gesichert werden sollte, wurde vor der Verwendung zunächst über längere Zeit – teilweise über Jahre216 – abgelagert. Auf der Baustelle wurde das Holz den Spezifikationen entsprechend zugeschnitten und bearbeitet. Die Balken des nicht einsehbaren Dachs (offene Dachstühle waren extrem selten) wurden wahrscheinlich nur grob, mit dem Querbeil (Dechsel) in rechteckige Form gebracht, wie die Balkennester an den Blöcken belegen, in denen die Balken gelagert wurden. Bretter wurden gesägt.217

Die Art der Holzverbindungen lässt sich nur selten direkt nachweisen,218 doch dürften Verzapfungen und Verdübelungen (auch für die Anbringung von Zierleisten belegt219), wie sie in Rom häufiger nachgewiesen sind220 und wie man sie noch heute aus dem Fachwerkbau kennt, Standard gewesen sein. Am Vorhandensein der erforderlichen Kenntnisse besteht ohnehin wegen der Ähnlichkeiten der Technik mit dem Schiffbau kein Zweifel.221 Wo die Belastung relativ gering war, also vor allem bei der Applikation von Zierleisten, etwa bei kassettierten Decken, wurde Klebstoff verwendet.222

Die Verwendung von Nägeln scheint hingegen keine übliche Form der Verbindung gewesen zu sein, denn andernfalls hätte Philon in seinem Traktat es für Dachlatten nicht ausdrücklich vorgeschrieben.223 Dagegen spricht auch, dass man bei Dächern, die man in Sturzlage ausgegraben hat, kaum Nägel gefunden hat. Verkleidungen von Dachrändern aus Terrakotta (‚westgriechische Dächer‘) wurden jedoch, wie die Nagellöcher in ihnen anzeigen, angenagelt. Schrauben – wiewohl im Prinzip bekannt durch die Pressen – wurden sicher nicht verwendet.

Zur Verarbeitung zählen schließlich auch die Konservierungstechniken, die das Holz vor Fäulnis und Schädlingen schützen sollten. Bekannt ist, dass die Bemalung (Enkaustik), wenn auch in erster Linie als Ornamentierung gesehen, als Schutzschicht diente, ebenso wie – bei nicht einsehbaren Baugliedern – die aus dem Schiffbau bekannte Beschichtung mit Pech.224 Theophrast berichtet, dass das Holz der Drehzapfen von Türen mit Kuhmist bestrichen wurde, um ein langsames, verzugfreies Austrocknen zu gewährleisten.225 Wie dauerhaft Holzkonstruktionen gewesen sein konnten, illustriert die originale, hölzerne Innensäule des Heraion, die Pausanias noch gesehen hat: Sie muss über 600 Jahre alt gewesen sein.

Transportkosten, Preise und politische Bedeutung des Holzexportes

Hochwertiges Holz war wegen der bezogen auf das Siedlungsgebiet geringen Waldestände, und die damit einhergehenden weiten Handelswege, sehr teuer.226 Konkrete Preisangaben sind allerdings nur selten möglich, weil nur wenige Urkunden Preise, Holzart und Abmessungen verzeichnen. Die höchsten Preise erzielte das aus der Levante importierte Zedernholz. Wie sich aus einer Abrechnungsurkunde aus dem Heiligtum von Eleusis ergibt, entsprach im 4. Jahrhundert der Preis für ein einzelnes Brett von ca. cm nicht weniger als 23 Tageslöhnen eines qualifizierten Arbeiters.227 Dieser Preis war der Lieferpreis vor Ort, enthielt also bereits die Transportkosten. Ulmenholz hatte gemäß derselben Urkunde immerhin noch ein Viertel des Wertes von Zedernholz228, und war damit, auf das Volumen bezogen, immer noch deutlich teurer als hochwertiger Stein.229 Vermutlich deshalb wurden Häuser auch ohne die Türen und Fenster verkauft.230 Handelte es sich hingegen um geringwertige Hölzer, übertrafen häufig die Transportkosten die Materialkosten.231

Die Preise für hochwertige Hölzer hatte eine politische Komponente, da auf den Export hochwertiger Hölzer Ausfuhrzölle erhoben wurden (bekannt als Monopol des Königs in Makedonien), und vor allem, weil für den Schiffbau geeignetes Holz eine strategische Ressource war. Holzexportlizenzen wurden sogar wiederholt als Instrument der politischen Bestechung eingesetzt.232

2.4.2 Stein

Gesteinsarten

Praktisch alle in Griechenland vorkommenden Gesteine, mit denen sich bauen lässt, sind auch für Bauten verwendet worden. In der Holz-Lehmziegel-Architektur der geometrischen und früharchaischen Zeit wurden lediglich im Fundamentbereich Lese- und Feldsteine verbaut, und entsprechend finden sich unterschiedliche Gesteine in denselben Mauern. Erst mit dem Beginn des Monumentalbaus in Stein am Ende des 7. Jahrhunderts, bei dem Steinqualitäten nicht mehr beliebig verwendet werden konnten, setzt die gezielte Verwendung von Gesteinsarten ein, und damit auch die systematische Gewinnung dieser Gesteine in großem Umfang in Steinbrüchen.

Über Gesteine und ihre Eigenschaften existierte in der griechischen Antike eine Fachliteratur. Schon die ionischen Naturphilosophen hatten sich mit Gesteinen beschäftigt. Von den antiken ‚Steinbüchern‘ erhalten ist eine Schrift von Theophrast.

Die für den Monumentalbau wichtigsten Gesteinsarten sind verschiedene Sedimentgesteine, vor allem die harten, grauen Kalksteine und verschiedene Kalksandsteine sowie der Marmor. Der in den Quellen häufig genannte ‚Poros‘ ist geologisch nicht eindeutig bestimmbar, sondern bezeichnete verschiedene Kalksteine, Muschelkalke und Tuffe. Magmatische Gesteine wie Granite, Basalte und Andesite wurden vergleichsweise selten verwendet, und häufig nur in nicht oder kaum sichtbaren Bereichen wie Fundamenten.

Gesteine, die anfällig für Erosion waren, wurden auf den Außenflächen mit einem – meist sehr feinen und dünn aufgebrachten – Kalkputz überzogen, in den Marmormehl eingerührt sein konnte. Solche Putze waren zudem erforderlich, um bestimmte Bauteile mit Farbe zu überziehen.

Die Verwendung der Gesteinsarten richtete sich zwar prinzipiell nach deren natürlichen Eigenschaften, ist jedoch nicht im engen Sinne funktional differenziert. So findet man nur sehr selten Bauten, an denen die statisch kritischen Tragbalken über den Säulen aus anderem Material gefertigt sind als die darüber liegenden Teile des Gebälks (Fries und Gesims), die allein auf Druck belastet werden. Wenn innerhalb des Oberbaus verschiedene Gesteine verwendet wurden, dann meist wegen der Farbigkeit, etwa für Fußböden, oder weil nur bestimmte Gesteine – vor allem Marmor – geeignet waren für bildhauerischen Bauschmuck (Ornamente und Bildreliefs).

Steingewinnung

Steinbrüche wurden schon in mykenischer Zeit betrieben, das erforderliche technische Wissen war also lange vor der hier behandelten Epoche bekannt. Zur Gewinnung von Baumaterial wurden Steinbrüche in nachmykenischer Zeit aber erst seit dem Beginn des Monumentalbaus genutzt, also ab dem späten 7. Jahrhundert.

Normalerweise wurde das Gestein oberirdisch abgebaut. Es gab jedoch auch unterirdische Vorkommen, die abgebaut wurden, wie etwa in Syrakus oder Ephesos. Wurde ein unterirdischer Steinbruch aufgelassen, wurden die Schächte gelegentlich als Nekropole weitergenutzt (Syrakus, Akrai233). Steinbrüche waren in der Regel öffentliches Eigentum, dass meist parzellenweise an Unternehmer verpachtet wurde (so bekannt aus Korinth). Abgebaut wurde auf Bestellung anhand entsprechender Listen, so dass die erforderlichen Abmessungen des Steins gemäß seiner späteren Funktion schon beim Brechen des Steins maßgeblich waren. Öfter wurden Vorkommen an verschiedenen Stellen gleichzeitig ausgebeutet, um unterschiedliche Qualitäten abbauen zu können (Ephesos, Thasos-Aliki, Ägina). Wegen der Belieferung von Baustellen durch mehrere Steinbrüche oder durch verschiedene Pächter wurden auf den Blöcken häufig Abrechnungsmarken eingeschlagen, die bei der endgültigen Glättung der Sichtflächen der Blöcke nach dem Versatz am Bau abgearbeitet wurden.

Im Steinbruch wurden zunächst die obersten, erodierten Schichten entfernt, deren Material für das Bauen ungeeignet war. Der eigentliche Abbau erfolgte durch Zerspanen und Absprengen.234 Dabei wurde die Schichtung des Gesteins im Steinbruch auf die spätere Einbaulage der Blöcke am Bau bezogen, so dass die horizontalen Schichten im Gestein auch am Bau horizontal erscheinen. Das bedeutete praktisch, dass Wandquader gleichsam liegend, Säulentrommeln hingegen stehend aus dem anstehenden Gestein herausgebrochen wurden.235 Der Gedanke, der dahinter stand, war offensichtlich der, dass vertikal verlaufende Gesteinsschichten in den Baugliedern unter Druck wie Sollbruchstellen gewirkt hätten. In Kauf nehmen musste man zur Vermeidung dieses Problems, dass bei vertikalen Baugliedern wie Säulentrommeln oder Türgewänden sehr tiefe Schrotgräben angelegt werden mussten. Daher kennt man auch Architrave, bei denen die Schichtung am Bau nicht in derselben Ebene liegt wie im Steinbruch, d. h. die Architrave wurden genauso wie Platten aus dem anstehenden Gestein herausgesprengt, und am Bau gleichsam um 90° gekippt.

Für das Brechen der Blöcke wurden zusätzlich zur Oberfläche zunächst ein bis drei Seiten des Steins freigelegt, indem Schrotgräben (bis ca. 60 cm Breite) mit der Hacke oder mit Hammer und Meißel angelegt wurden. Wo möglich, wurden die Schrotgräben dort angelegt, wo härtere und weichere Schichten im Gestein aufeinandertrafen. Zum Absprengen des Unterlagers und der eventuell noch nicht freigelegten Seitenflächen wurden Keile aus Holz oder Metall zum Spalten des Steins verwendet. Holzkeile wurden nach dem Einsetzen in passgenaue Ausarbeitungen gewässert, so dass sie durch das Aufquellen den Stein absprengten. Metallkeile wurden in Reihe eingetrieben, wobei der für das eigentliche Absprengen entscheidende Schlag auf die Keile von allen Arbeitern exakt gleichzeitig ausgeführt werden musste.236 Nicht immer wurde allein die Unterseite abgesprengt, es konnten gleichzeitig auch Seitenflächen abgesprengt werden, was handwerklich anspruchsvoller war, aber effektiver war.

Die abgesprengten Blöcke wurden in der Regel bereits im Steinbruch auf annähernd ihre endgültige Form abgearbeitet. Auf diese Weise war die endgültige Form von einem dünnen Werkzoll eingehüllt, d. h. in Bosse belassen. Das diente dem Schutz der späteren Sicht- und Lagerflächen beim Abtransport aus dem Steinbruch. Die Ausarbeitung der annähernd endgültigen Form bereits im Steinbruch hatte weitere Vorteile. Zum einen war das bruchfeuchte Material leichter, und damit schneller zu bearbeiten. Zum anderen konnte dadurch das Transportgewicht reduziert werden. Der Werkzoll konnte so gering ausfallen, dass an den Trommeln für eine Säule die vorgesehene Entasis bereits im Steinbruch erkennbar war, wie in einem sizilischen Steinbruch (Selinus, Cave di Cusa) beobachtet worden ist, aus dem einige Bauglieder nicht mehr ausgeliefert worden sind. Insofern verwundert es nicht, dass in Steinbrüchen Arbeiter beschäftigt waren, die auch am geplanten Bau selbst tätig waren,237 wohingegen die Arbeit in Steinbrüchen im allgemeinen als körperlich belastend, aber unqualifiziert galt, weswegen man dort gelegentlich Kriegsgefangene einsetzte.

Der Steinsplitt, der beim Anlegen der Schrotgräben anfiel, wurde meist beim Steinbruch gelagert. Große Mengen von solchem Splitt sind heute ein Merkmal, anhand dessen aufgelassene Steinbrüche identifiziert werden können. Um Fundamentgräben von Neubauten aufzufüllen, war der Splitt aus den Steinbrüchen nicht erforderlich, da beim Abarbeiten des Werkzolls auf dem Bauplatz genügend Splitt anfiel. Bei geeignetem Material – Kalkstein oder Marmor – konnte der Splitt auch zum Kalkbrennen verwendet werden.

2.4.3 Lehm, Ton und weitere Materialien

Neben Holz und Stein wurde noch eine große Anzahl weiterer Materialien benötigt, vor allem Lehm, Ton, gebrannter Kalk, Eisen, Bronze, Hanf, Farbpigmente usw. Ihnen allen ist gemeinsam, dass die Erschließung der Rohstoffe und die Entwicklung der Techniken ihrer Verarbeitung – im Gegensatz zum Bauen mit Werksteinen – in eine Zeit weit vor der hier betrachteten Periode fallen. Daher wird im folgenden nur summarisch auf diese Materialien eingegangen.

Das unter den angesprochenen Materialien für das Bauwesen quantitativ mit Abstand wichtigste war Lehm. In Form von luftgetrockneten Ziegeln oder als Stampflehm war Lehm das Standard-Baumaterial für Wohn- und Nutzbauten.238 Auch Stadtmauern wurden in klassischer Zeit, und auch später noch, aus Lehmziegeln gebaut (Plataiai, Mantineia). Obwohl preiswert und leicht zu verarbeiten, in diesem Sinne also ‚billig‘, wurden auch nach dem Aufkommen der Werksteintechnik vereinzelt noch Sakralbauten oder anspruchsvolle öffentliche Gebäude mit Lehmziegelwänden errichtet. Zu ersteren gehört der Despoinatempel in Lykosura, zu letzteren das Pompeion in Athen, das Katagogeion in Kassope, das Gymnasion und die Palästra in Olympia und viele andere.

Über die Technik des Lehmziegelbaus lassen sich jedoch nur sehr wenig präzise Aussagen machen, da praktisch keine Baureste erhalten sind, falls die Lehmmauern nicht bei einem Feuer (‚sekundär‘) gebrannt, und so erhalten geblieben sind. Lehm hat als Baumaterial verschiedene vorteilhafte Eigenschaften. Leicht zugängliche Vorkommen gab es außer in felsigen Gebieten fast überall. Lehm wirkt stark feuchtigkeitsregulierend, denn Lehm resorbiert die Luftfeuchtigkeit sehr schnell, und gibt bei Trockenheit die aufgenommene Feuchtigkeit auch sehr schnell wieder ab. Zudem wirkt Lehm, vor allem, wenn er mit pflanzlichen Stoffen gemagert wird, als effizienter Dämmstoff. Schließlich ist Lehm bei Zerstörungen in einfachster Weise wiederverwendbar. Eine eingestürzte Mauer etwa lässt sich problemlos wieder aufbauen, wenn der Lehm gewässert und wieder in Formen verstrichen worden ist. Nachteil des Lehms ist, dass er bei Schlagregen oder konstanter Bodenfeuchtigkeit zerfließt, so dass entsprechende Schutzmaßnahmen wie Sockelzonen aus Stein und große Dachüberstände erforderlich sind. Das Bestreichen der Wandaußenflächen mit Kalkmilch oder Kalkputz bietet ebenfalls wirksamen Schutz. Alle genannten Maßnahmen haben die Griechen praktiziert. Insbesondere die Steinsockel von Lehmziegelbauten haben sich häufig erhalten. Bei Wohn- oder Nutzbauten sind diese Sockel zumeist aus Bruch- oder Lesestein zusammengefügt. Bei sakralen oder öffentlichen Bauten wie den oben angeführten Gebäuden wurden die Sockelzonen der Lehmziegelwände aus großen, sorgfältig bearbeiteten und in dichtem Fugenschluss versetzten Steinplatten (Orthostaten) errichtet, also in Werksteintechnik.

Für die Mauern selbst wurde der Lehm zunächst mit Wasser angemacht und aufbereitet. Sog. fetter Lehm mit hohem Tongehalt wurde mit Sand gemagert, damit beim Trocken, bei dem die Ziegel wegen der Abgabe des Wassers schrumpfen, möglichst wenig Risse auftraten. Demselben Zweck diente auch die Beimengung von pflanzlichen Stoffen, vor allem Stroh, das zudem, wie angesprochen, die Dämmeigenschaften verbessert. Der aufbereitete Lehm wurde anschließend mit Hilfe von Holzrahmen geformt und an der Luft zur Vermeidung von Rissen langsam, also wohl eher im Schatten und nicht im Hochsommer, getrocknet. Verlegt wurden die Ziegel in ähnlichen Mustern wie später die Backsteine. Die Fugen wurden mit wässrigem Lehm verstrichen. Nicht zu klären ist, in welchem Umfang die Griechen die als Pisé bekannte Bauweise praktizierten, bei der der sog. Stampflehm schichtweise zwischen Bretterschalen eingebracht und durch Stampfen verdichtet wird. In der Regel verbleibt von einer Lehmziegel- oder Stampflehmmauer nach Auflassen des Gebäudes nur eine formlose Lehmschicht auf Höhe des Steinsockels. Die wenigen durch Brand erhaltenen Reste von Mauern aus Lehm waren aus Lehmziegeln errichtet, so dass man zumindest vermuten kann, dass Pisé seltener war als Lehmziegel. Zudem waren die für Pisé erforderlichen Schalbretter sicher teurer als die relativ kleinen Holzformen der Lehmziegel.

Gebrannter Ton, oder meist eher stark tonhaltiger Lehm, der in speziellen Öfen gebrannt wurde, ist in der griechischen Architektur vor allem für Dachziegel verwendet worden. Hinzukommen am Dach die Traufrinnen (Simen), kleine Palmetten über deren Fugen (Antefixe) und Schmuckapplikationen an Ecken und Firsten (Akrotere, teils floral, teils figürlich), sowie an westgriechischen Dächern Verkleidungsplatten für die vorkragenden Teile des Gebälks, die ursprünglich die Holzgebälke gegen Feuchtigkeit schützten.

Fast keine Rolle spielen in der griechischen Architektur hingegen gebrannte Ziegel bzw. Backstein. In seiner üblichen Form und als primäres Baumaterial kommt er in Griechenland erst in der römischen Kaiserzeit auf. Vereinzelt findet man jedoch im Hellenismus gebrannte Ziegel in spezieller Funktion (Formziegel), etwa zum Aufmauern von Säulenschäften. Die Techniken waren folglich durchaus bekannt. Ähnliches gilt für den gebrannten Kalk, der in der Kaiserzeit, mit Sand vermischt zu Mörtel, als Bindemittel von Backstein und Naturstein benutzt wurde. In der hier betrachteten Epoche wurde Brandkalk, vermischt mit feinem Sand oder Marmormehl, nur verwendet, um an Bauten aus porösem Steinmaterial die Außenseiten von Wänden, Säulen und Gebälken zu verputzen. In einigen wenigen Ausnahmefällen hat man auch Kalkmörtel gefunden, mit dem Fugenklaffungen nachträglich verschlossen worden sind.

Die Dachziegel aus gebranntem Ton gelten als griechische Erfindung des frühen 7. Jahrhunderts.239 Im alten Orient und im pharaonischen Ägypten sind sie nicht nachweisbar, und auch des Klimas wegen wenig wahrscheinlich. Im mykenischen Griechenland gab es allerdings bereits Dachziegel. Ob es eine Entwicklungslinie von dort nach Korinth, dem Ort der ersten Werkstätten für griechische Dachziegel, gibt, ist bisher unklar. Dachziegel aus den dazwischen liegenden ‚dunklen Jahrhunderten‘ und der geometrischen Zeit sind m. W. bisher nicht gefunden worden.

Die Herstellungstechnik für die verschiedenen Elemente der Dachhaut war auch vor der Einführung des Dachziegels lange bekannt, denn sie war dieselbe wie für die Gefäßkeramik. Auch gab es bereits lange vorher hinreichende Erfahrungen mit dem Brand großer Bauteile, wie die älteren Großgefäße belegen, die zur Aufbewahrung von Getreide und Öl in den Boden eingelassen wurden (sog. Pithoi). Dachziegel wurden aus grob gemagertem Ton hergestellt. Ziegel für besonders aufwändige Bauten wurden vor dem Brand zusätzlich durch Tauchen mit einer dünnen Schicht fein geschlämmten Tons überzogen. Für die Formgebung wurden schon in spätarchaischer Zeit Modeln verwendet, die einheitlichere Ziegelserien ermöglichten als bei den älteren, handgestrichenen Ziegeln.

Die meisten griechischen Dächer haben jeweils zwei Hauptformen von Ziegeln: einen Flachziegel, der den größten Teil der Eindeckung bildet, und einen Deckziegel, der die Fugen zwischen den Flachziegeln überdeckt. Hinzukommen kommen noch besondere Formen für den First und den Dachrand. Man unterscheidet nach der Grundform der Ziegel zwei Haupttypen von Dächern. Beim korinthischen Dach sind die Flachziegel gerade Platten mit leicht aufgewölbten seitlichen Rändern. Die Deckziegel über den Fugen sind im Querschnitt dreieckig in der Art eines Giebels. Beim lakonischen Dach sind die Flachziegel leicht konkav, die Deckziegel stark konvex geformt. Bei Dächern mit gekrümmten Flachziegeln wurden die Ziegel im Lehmbett verlegt, das auf die Holzschalung über dem Tragwerk aufgebracht wurde.240 Bei korinthischen Dächern mit geraden Flachziegeln, die durch Falze untereinander und mit den Deckziegeln verbunden waren, hätte das Lehmbett und die Schalung entfallen können, so dass eine einfache Lattung ausgereicht hätte wie bei modernen Ziegeldächern.

Ziegelformate und -formen wurden häufig speziell für die jeweiligen Bauten hergestellt, und waren somit Teil des Bauentwurfs. Der Bedarf an großen Mengen von Dachziegel hat aber gleichwohl – anders als im Werksteinbau – auch zur Standardisierung der Maße und Formen geführt. Zur Kontrolle der Form und Abmessungen, der sog. ‚tile standards‘, gab es Prüfplatten aus Stein, ähnlich Messtischen für Hohl- und Längenmaße. Die Ziegel konnten dort durch Einlegen mit den Vorgaben abgeglichen werden.241

Eisen und Bronze wurde nicht nur zur Herstellung von Werkzeugen, sondern auch am Bau selbst verwendet, um Werksteine horizontal mit Klammern und vertikal mit Dübeln zu verbinden (zu den Formen s. Abschnitt 2.6 zu Bautechniken). Die schon im Zusammenhang mit den Paradeigmata angesprochenen Bronzedübel, die für die Vorhalle des Telesterion von Eleusis hergestellt wurden, bestanden aus elf Teilen Kupfer auf einen Teil Zinn, wie aus der zugehörigen Inschrift hervorgeht. Eisen für Dübel und Klammern war stets Schmiedeeisen mit geringem Karbongehalt, das sehr korrosionsbeständig ist. Gleichwohl wurden Dübel und Klammern zum Schutz vor Korrosion nach dem Einlegen in entsprechend ausgearbeitete Bettungen im Stein mit Blei vergossen, das nach dem Abkühlen wegen der Schrumpfung durch Schläge mit einem stumpfen Meißel in die Bettung gepresst wurde. Bronze bzw. Eisen wurde auch für die Türscharniere, Schlösser und sonstige Beschläge gebraucht. Ein Einzelfall hinsichtlich der Verwendung von Eisen am Bau dürfte der „Chalkioikos“ (‚Eisen-Haus’) genannte Tempel der Athena in Sparta gewesen sein, wahrscheinlich ein Lehmziegelbau, der mit Blechen verkleidet war.242 Herstellung und Verarbeitungstechnik von Bronze und Eisen wurden bereits in der Zeit vor dem Beginn des 6. Jahrhunderts beherrscht. Die sehr weit entwickelten Kenntnisse dürften vor allem aus der Waffentechnik stammen.

Weitere Materialien, die im Bauwesen verwendet wurden, waren Farbstoffe. Farbig abgesetzt wurden bestimmte Komponenten der Gebälkornamentik. So wurden bei Bauten dorischer Ordnung die Triglyphen meist blau, die Architravtänien rot angestrichen. Man kann das mehr als nur in Resten heute noch an den makedonischen Kammergräbern in Verghina sehen. Bemalt wurden zudem plastisch ausgearbeitete Ornamentbänder (Kymatien), die gelegentlich auch nur auf Profile aufgemalt wurden. In der dabei angewandten Technik wurden die Farbpigmente durch Bienenwachs, eventuell versetzt mit Öl, gebunden. Aufgetragen wurden die Farben heiß, entweder nach Erhitzen über Kohlebecken, oder mit heißen Spachteln. Daher wird diese Technik als Enkaustik bezeichnet, was im Griechischen wörtlich ‚Eingebranntes‘ bezeichnet. Viele der Farbstoffe wurden importiert, z. B. aus Ägypten oder dem Sudan. Die Enkaustik war keine spezifisch für das Bauwesen entwickelte Technik, sondern wurde allgemein bei der Wand- und Tafelmalerei eingesetzt.

Zu nennen wäre schließlich noch eine Vielzahl anderer Materialien, zu denen beispielsweise Hanf für Seile, Weidenruten für Körbe – die Griechen kannten für den Transport von Sand, Erde usw. keine Schubkarren – und einige andere gehören. Fensterglas war nicht bekannt, obwohl Glas in hellenistischer Zeit als Material für kleinere Gefäße nicht selten ist.

2.5 Logistik

Vor allem der Bau von öffentlichen und sakralen Bauten in Griechenland erforderte im Bereich der Logistik243 einen erheblichen Aufwand und leistungsfähige technische Lösungen. Der Grund dafür liegt primär in der Bautechnik: Anders als beim Bauen mit luftgetrockneten oder gebrannten Ziegeln, wo vergleichsweise kleine, oft auch standardisierte Formate verwendet wurden, waren die in der Werksteintechnik bevorzugten Formate auf die Gesamtgröße des jeweiligen Gebäudes abgestimmt. Selbst bei Bauten von nicht übermäßiger Größe konnten auf diese Weise normale Wandquader, von denen Hunderte gebraucht wurden, ohne weiteres 500 kg wiegen. Bauglieder wie Architrave und Türstürze, bei denen die Formate nicht frei gewählt werden konnten, sondern auf die zu überspannenden Stützen abgestimmt sein mussten, erreichen an mittelgroßen Tempelbauten häufig Gewichte zwischen 5 und 10 to. In Ausnahmefällen wurden auch noch weit schwerere Bauglieder verwendet. Insbesondere in archaischer Zeit scheinen die Griechen bestrebt gewesen zu sein, die Grenzen des Machbaren bewusst ausmessen zu wollen. Das lässt sich schon daran ablesen, dass vielfach komplette Säulenschäfte aus einem einzigen Steinblock ausgearbeitet wurden, obwohl die wesentlich weniger aufwändige Bauweise, bei der die Säulenschäfte aus einzelnen Trommeln zusammengesetzt wurden, längst bekannt war. Zu den schwersten Baugliedern, die in archaischer Zeit versetzt wurden, gehören etwa die rund 20 to schweren Türgewände des um 530 errichteten Apollontempels auf Naxos.244 Der Architrav über dem Mitteljoch des Artemisions von Ephesos wog ca. 40 to.245 Die 14 m hohen Türgewände des hellenistischen Apollontempels von Didyma aus Marmor kommen sogar auf ein Gewicht von 70 to, was das Maximalgewicht darstellt, dessen Transport aus dem griechischen Bauwesen bekannt ist.246

Weiter verkompliziert und gesteigert wurden die Ansprüche an die Logistik häufig durch die Lage der Bauplätze und der Steinbrüche. Selbstverständlich wurde bei Heiligtümern, die auf einem Stadtberg (Akropolis) oder in einem Berghang gelegen waren, die anstehenden Gesteine – falls geeignet – zum Bauen genutzt, womit sehr viel Arbeit eingespart werden konnte, da das Steinmaterial für das Einebnen von Bergkuppen oder die Anlage von Terrassen direkt weiterverarbeitet werden konnte. War hingegen kein geeignetes Steinmaterial am Bauplatz vorhanden, oder sollte in Marmor gebaut werden, mussten nicht nur weitere Transportwege bewältigt werden, sondern auch starke Steigungen. Die Blöcke mussten also zunächst aus den oft in den Bergen gelegenen Steinbrüchen abgelassen, abtransportiert, und anschließend gegebenenfalls auf eine Akropolis hinaufgebracht werden. So wurde der Marmor für die perikleischen Bauten in Athen in dem Pentelikon genannten Berghang gebrochen, in die attische Ebene gebracht, und anschließend den Akropolis-Abhang hinauftransportiert (ca. 14 km). Die Steinbrüche, die für das Didymaion bei Milet genutzt wurden, lagen im rund 20 km entfernten Latmosgebirge (wo heute noch einige unfertige Bauglieder am Ort liegen). Steinmaterial für das Apollonheiligtum von Delphi wurden per Schiff in den Hafen Kirrha am Golf von Korinth gebracht. Der Weg vom Hafen zum Heiligtum ist ca. 18 km lang, der Höhenunterschied beträgt etwa 650 m.

2.5.1 Steintransport

Abb. 2.9: Ablassen eines Kapitells aus dem Steinbruch mit einem Schlitten über eine Rampe (Korres and Vierneisel 1992, Nr. 13).

Abb. 2.9: Ablassen eines Kapitells aus dem Steinbruch mit einem Schlitten über eine Rampe (Korres and Vierneisel 1992, Nr. 13).

Für das Ablassen der Blöcke aus hochgelegenen Steinbrüchen waren Wagen häufig ungeeignet, weil sie wegen des Gewichts der Ladung auf relativ steilen Rampen nicht ausreichend hätten gebremst werden können. Man verwendete daher Schlitten, die durch die im Vergleich zu Wagenrädern weit höhere Friktion der Kufen wesentlich besser für Gefällestrecken geeignet waren. In manchen Steinbrüchen haben sich die Riefen erhalten, die bei der Verwendung von Schlitten durch den Abrieb der Kufen entstanden sind. Zusätzlich gebremst wurden die Schlitten durch Seile, die über Widerlager liefen (Abb. 2.9).

Bei Straßentransporten wurden gelegentlich von Pferden gezogene Wagen benutzt. Eine antike Quelle erwähnt einen von vier Pferden gezogenen Wagen für Kyrene im heutigen Lybien247. Das dürfte allerdings eher die Ausnahme gewesen sein, die sich vielleicht durch die relative Schnelligkeit von Pferden im Vergleich zu anderen Zugtieren erklärt. Weit häufiger wurden Maultiere eingesetzt. Erwähnt werden sie in der bei Plutarch überlieferte Anekdote, derzufolge das ‚fleißigste‘ Maultier beim Steintransport für den Bau des Parthenon nach Abschluss der Arbeiten auf einen Volksbeschluß hin freigelassen wurde. Da es jedoch von selbst in die Stadt zurückkehrte, wurde ihm lebenslanges Futter auf Staatskosten bewilligt.248 Beim Transport schwerster Bauglieder kamen als Zugtiere ausschließlich Ochsen in Frage, denn sie können – bedingt durch die Möglichkeit zur Anschirrung am Widerrist – eine Last von bis zu 150% ihres eigenen Körpergewichtes ziehen, sind allerdings auch mit einer Geschwindigkeit von nur 2 km/h auch die langsamsten unter den Zugtieren249. Authentische Informationen zum Transport mit Ochsenkarren enthält eine Inschrift, die die Kosten des Steintransportes von den Brüchen im Pentelikon zum Heiligtum von Eleusis verzeichnet. Der Wagen, der mit einer Säulentrommel beladen war, wurde von neunzehn Joch Ochsen gezogen. Für den ca. 35 km langen Weg brauchte der Transport drei Tage, einschließlich des Rückweges, denn die Trommel wurde wieder – aufgrund eines Bestell- oder Materialfehlers? – zum Steinbruch zurückgebracht. Die Transportkosten waren, nebenbei bemerkt, höher als die für die Kannelierung einer kompletten Säule.250 Einen noch erheblich aufwändigeren Transport erwähnt Diodor für Sizilien, der von einem von einhundert Joch Ochsen gezogenen Wagen berichtet.251 Denkbar ist das durchaus, wenn man die oben erwähnten Maximalgewichte von Baugliedern bedenkt, setzt aber auch voraus, dass die betreffende Straße kaum Kurven gehabt haben kann.

Über die Technik der schweren Wagen ist so gut wie nichts bekannt. Auch gibt es keine entsprechenden Reliefdarstellungen. Konkret lässt sich nur angeben, dass Diodor in der angesprochenen Passage ausdrücklich erwähnt, dass der Wagen vier Räder gehabt hat. Normalerweise würde man aus technischen Gründen erwarten, dass ein solcher Wagen eine gelenkte Vorderachse gehabt haben müsste, doch ist aus römischer Zeit bekannt, dass auch vierräderige Wagen ohne Lenkung, mit dicht hintereinander angeordneten Rädern, gebaut worden sind. Die Wagen müssen Scheibenräder gehabt haben, denn Speichenräder sind, wenn man die entsprechenden Achslasten bedenkt, kaum vorstellbar.

Praktisch keine detaillierten Informationen finden sich in den Quellen über die Schiffstransporte. Entsprechend ist auch nicht bekannt, welche Schiffstypen eingesetzt wurden, bzw. ob es – wie in römischer Zeit252 – spezielle Steintransporter gegeben hat. Einige Inschriften erwähnten lediglich das Entladen von Steintransportern in den Häfen, die für Transporte in die Heiligtümer von Epidauros und Delphi genutzt wurden.253 Auf jeden Fall hat es auch Ferntransporte von Steinmaterial per Schiff gegeben, d. h. es wurden nicht ausschließlich Flöße eingesetzt, denn schon in archaischer Zeit wurde etwa von der Ägäisinsel Paros in großem Umfang Marmor exportiert. So bestehen zum Beispiel die Dachziegel (!) des Zeustempels von Olympia aus parischem Marmor. Der ältere Plinius erwähnt, dass bei Bau des Palastes des Königs Mausolos in Halikarnass (Bodrum) prokonnesischer Marmor verbaut wurde, der folglich vom Marmarameer bis an die türkische Westküste verschifft worden sein muss.254 Schiffstransporte müssen erheblich kostengünstiger gewesen sein als Landtransporte, zumal sie auch keine ausgebauten Straßen und belastbaren Brücken voraussetzten. Die notwendigen Hafenanlagen waren ohnehin vorhanden, da die Griechen wo immer möglich Schiffe für den Transport von Gütern und Menschen einsetzten.

2.5.2 Bewegen schwerer Bauglieder

Nicht alle Bauglieder können auf Wagen verladen worden sein, wie sich schon daraus ergibt, dass die oben erwähnten Maximalgewichte einzelner Bauglieder die Zuladung selbst moderner Lastkraftwagen übersteigen würden. Bekannt sind mehrere Transporttechniken für Bauteile, die nicht auf Wagen oder Schlitten verladen werden konnten. Eine sehr alte solche Technik, die aus dem Alten Orient durch bildliche Darstellungen bekannt ist,255 ist das Bewegen schwerster Lasten mit Rollhölzern, die quer zur Transportrichtung in dichter Folge hintereinander gelegt wurden. Um den zu bewegenden Block auf die Hölzer zu heben, dürften einfache Stemmeisen genügt haben, die an der Seite der Transportrichtung angesetzt wurden, um die Hölzer unterzulegen. Beim Ziehen der Blöcke mit Seilen bzw. Schieben von der Rückseite kommt das jeweils hinterste Holz frei, das dann von Helfern nach vorne gebracht wird, und durch die weitere Vorwärtsbewegung unter den Block gerät. Notwendig für diese Form des Bewegens schwerer Lasten ist vor allem ein sehr fester Untergrund, da ein Einsacken der Hölzer in den Boden ein weiteres Bewegen der Last verhindert. Denkbar ist, dass aus diesem Grund starke Bretter als Laufbahn für die Rollhölzer verlegt wurden, die ähnlich wie die Rollen jeweils von hinten nach vorne umgesetzt wurden. Mit dieser Methode kann selbst ein einzelner Mann mit einfachsten Mitteln – Rundhölzern und Stemmeisen – einen Stein von 0,5 to über kurze Strecken bewegen.256 Rollhölzer werden mehrfach in Inschriften erwähnt, z. B. für das Bewegen von Steinen im Hafen des Heiligtums von Epidauros.257 Rundhölzer als Transportmittel werden auch von Philon von Byzanz im Zusammenhang der Belagerung von Städten für das Anschieben der sog. Schildkröten an eine Stadtmauer erwähnt. Die Schildkröte diente als Schutzdach für die Angreifer, die mit einem Rammbock versuchten, Mauern einzudrücken.258

Andere Techniken, überschwere Bauglieder zu bewegen, waren erheblich aufwändiger, zugleich aber auch effizienter als das sehr zeitaufwändige Verschieben von Blöcken über Rollhölzer. Beschrieben sind solche Verfahrensweisen bei Vitruv.259

Abb. 2.10: Vorrichtung zum Transport von Säulenschäften.

Abb. 2.10: Vorrichtung zum Transport von Säulenschäften.

Eine Methode war, Säulentrommeln oder -schäfte zu bewegen, indem sie von einem Holzrahmen eingefaßt wurden, an den die Zugtiere angeschirrt wurden. Die Trommel oder der Schaft selbst wurde dabei bewegt wie eine Walze (Prinzipskizze dazu Abb. 2.10). Das hatte gegenüber dem Wagentransport den Vorteil, dass die Fläche, mit der die Säulentrommel auf dem Boden auflag, wesentlich größer war als die von Rädern, wodurch das Problem umgangen wurde, dass die Räder bei weichem Untergrund und hoher Transportlast in den Boden einsackten.

Vitruvs Beschreibung gibt technisch genau das Problem solcher Konstruktionen und auch die Lösung an: Der Schwachpunkt ist die Verbindung zwischen dem Rahmen und der Säulentrommel, die die rotierende Trommel mit dem horizontal liegenden Rahmen herstellen muss. Dazu wurden zunächst Rundeisen im Zentrum der Lagerflächen in die Trommel eingesetzt und verbleit. Diese Rundeisen griffen nicht direkt in den Holzrahmen ein (den sie dabei praktisch sofort zerstört hätten), sondern in eiserne Ringe, die in die Hölzer der Schmalseiten des Rahmens eingelassen waren. Technisch gesehen handelt es sich also bei den Rundeisen um kurze Wellen, die in Gleitlagern liefen.

Mit dieser Methode ließen sich allerdings nur zylindrische Bauglieder – Säulenschäfte und Trommeln – bewegen, die sich rollen lassen. Für schwere quaderförmige Bauglieder wie Architrave ist bei Vitruv eine andere Technik beschrieben. Dabei dient der Quader selbst, etwa ein Steinbalken, als Achse, der von Rädern umbaut wird, durch die der Quader durchbindet (Abb. 2.11). Zur Anschirrung wurden die Quader dann wieder mit einem Holzrahmen eingefasst (auf der Abbildung nicht dargestellt), wie eben für die Säulentrommeln beschrieben. Richard Koldewey, von dem die Rekonstruktionszeichnung stammt, hat Architrave mit den für die Konstruktion notwendigen Einlassungen am Tempel F in Selinunt beobachtet.260

Abb. 2.11: Vorrichtung zum Rollen von Quadern (Koldewey and Puchstein 1899, Abb. 98).

Abb. 2.11: Vorrichtung zum Rollen von Quadern (Koldewey and Puchstein 1899, Abb. 98).

Die angesprochenen Beschreibungen von Vitruv sind von besonderem Interesse, weil sie nicht nur technisch genau sind, sondern zudem die Namen der Architekten angeben, die diese Methoden entwickelt haben, und den Bau, bei dem sie erstmals eingesetzt wurden. Chersiphron, der die Konstruktion für das Ziehen von Säulenschäften entwickelt hat, war der erste Architekt des Artemisions von Ephesos. Metagenes, der die Vorrichtung für das Rollen von Architraven konstruiert hat, war sein Sohn und Nachfolger in der Bauleitung am Artemision. Offensichtlich haben die beiden die von ihnen entwickelten Methoden in einer Schrift veröffentlicht, denn sonst wäre es nicht zu erklären, woher Vitruv die technischen Details und Maßangaben zu den Rahmenkonstruktionen und der Lagerung hatte. Es handelt sich also bei der Vitruv-Passage um ein Exzerpt einer frühen griechischen Architekturschrift bzw. einer entsprechenden Mittelquelle.261 Der einzig unklare Punkt in diesem Zusammenhang ist, an welchem Artemision die beiden Architekten gearbeitet haben, denn der archaische Bau aus der Mitte des 6. Jahrhunderts ist durch einen Brand zerstört worden und in hellenistischer Zeit durch einen Neubau ersetzt worden. Die ältere Forschung hat die beiden Architekten dem archaischen Bau zugeschrieben, in jüngerer Zeit sind sie jedoch mit dem Neubau in Verbindung gebracht worden.262 Entsprechend lässt sich die Erfindung dieser Methoden nicht sicher datieren. Soweit bekannt, scheint es sich bei ihnen – anders als beim Transport mit Rollhölzern – um genuin griechische Innovationen zu handeln.

2.5.3 Hebetechniken

Zu den erstaunlichen Aspekten der frühen griechischen Architektur gehört die Tatsache, dass bereits an den allerersten großen Bauten, die vollständig aus Stein errichtet worden sind, wie beispielsweise an der um 570 datierten sog. H-Architektur auf der Athener Akropolis, Bauglieder mit einem Gewicht von von mehreren Tonnen versetzt worden sind.263 Erstaunlich ist das vor allem deshalb, weil an dem nur wenig älteren Heraion in Olympia die Säulen noch aus Holz hergestellt worden waren. Solche Holzsäulen konnten ohne Kran oder Gerüst aufgerichtet werden. Das ist daran zu erkennen, dass auf den Standplatten der Säulen sichelförmige Einarbeitungen gefunden worden sind, die als Widerlager beim Aufrichten der Stämme mit Zugseilen gedient haben.264 Welche Technik, so fragt sich, stand den Athener Handwerkern zur Verfügung, die es ihnen ermöglichte, gleich am Beginn des Vollsteinbaus solche Lasten zu heben, und wo stammt sie her, wenn nicht aus dem älteren Holzbau?

Eine mögliche Antwort hat der oben schon erwähnte Architekt des ephesischen Artemisions, Chersiphron, gegeben. Er ließ zur Platzierung der Architrave auf den Kapitellen Rampen errichten, über die die Steinbalken hochgezogen wurden. Um sie exakt in Position zu bringen, ließ er die Interkolumnien zwischen den Säulen mit Sandsäcken füllen. Durch selektives Entleeren der Säcke wurden die Architrave genau in ihre endgültige Lage manövriert. Diese Technik ist offensichtlich aus Ägypten übernommen worden. Sie erfordert allerdings einen immensen Aufwand für die Anlage der Rampen und sehr viel Arbeitskraft beim Hochziehen der Blöcke. Die Griechen haben daher eine andere Technik erfunden, den mit Flaschenzügen bestückten Kran. Üblicherweise wird diese Erfindung an das Ende des 6. Jahrhunderts gesetzt, da ab ca. 515 der Einsatz des Wolfes und der Hebezange (s. u.) nachweisbar ist, die zur Befestigung von Seilen an den zu hebenden Bauteilen dienten.265

Abb. 2.12: Kran, Typ Trispastos (Wikipedia, Eric Gaba, modifiziert nach Dienel and Meighörner 1997, 12f.).

Abb. 2.12: Kran, Typ Trispastos (Wikipedia, Eric Gaba, modifiziert nach Dienel and Meighörner 1997, 12f.).

Kräne, die mit Flaschenzügen bestückt waren, sind aus den älteren Mittelmeerkulturen nicht bekannt. Insofern dürfte es sich um eine griechische Erfindung handeln. Dem würde entsprechen, dass Vitruv für die Kräne keine lateinischen, sondern nur griechische Begriffe nennt. Ob die ersten Kräne allerdings alle mit Flaschenzügen ausgerüstet waren, kann man bezweifeln. Gesichert ist der Gebrauch von Flaschenzügen durch Inschriften und Erwähnungen in den Quellen für das 4. Jahrhundert. In diese Zeit fällt auch die erste theoretische Darstellung des Flaschenzuges.266 Denkbar ist m. E., dass die Kräne zunächst mit einfachen Umlenkrollen ausgerüstet waren, wobei die Seile von einer (oder mehreren) Haspeln mit langen Speichen gezogen wurden. Alternativ könnten auch jeweils zwei Kräne für den Versatz eines einzelnen schweren Werkstücks eingesetzt worden sein. Ein Antrieb durch Tretmühlen ist erst für die römische Kaiserzeit nachweisbar.

Die Technik der griechischen Kräne ist nur schlecht rekonstruierbar, da die entsprechenden Schriftquellen aus der Kaiserzeit stammen, und keine bildliche Darstellung erhalten ist. Vitruv267 beschreibt drei Typen:

Abb. 2.13: Kran, Typ Dikolos (Nix and Schmidt 1900, Abb. 45).

Abb. 2.13: Kran, Typ Dikolos (Nix and Schmidt 1900, Abb. 45).

Abb. 2.14: Kran, Typ Tetrakolos (Nix and Schmidt 1900, Abb. 50).

Abb. 2.14: Kran, Typ Tetrakolos (Nix and Schmidt 1900, Abb. 50).

Der Trispastos und das Pentapaston sind identische Konstruktionen, die sich nur durch die Zahl der Umlenkrollen des Flaschenzuges (drei bzw. fünf) unterscheiden. Der Ausleger besteht jeweils aus zwei an der Spitze verbundenen Holzbalken, die ein umgekehrtes V bilden (Abb. 2.12). Ihre geneigte Position wird durch im Boden verankerte Spannseile fixiert. Die Winde ist als Querstrebe zu den V-Trägern angeordnet, und wird durch Speichen per Hand gedreht. Mit einem Kran dieses Typs lassen sich Lasten durch Betätigen der Winde nur in vertikaler Richtung bewegen, was ideal ist etwa für das Beladen eines Wagens, nicht aber für die am Bau erforderlichen Bewegungen. Ein vor den Säulen liegender Architrav muss beim Aufsetzen auf die Kapitelle zusätzlich horizontal, also quer zur Basis des Krans, bewegt werden. Zwei Möglichkeiten sind in dieser Hinsicht denkbar. Zum einen könnte die Horizontalbewegung dadurch erfolgt sein, dass die Spannseile, die die V-Träger halten, entsprechend abgelassen wurden, was allerdings sehr genau kontrolliert erfolgen müsste. Die andere Möglichkeit besteht darin, dass bei entsprechend großer Höhe die Last mit relativ wenig Kraft in gewissem Umfang seitlich bewegt werden kann (je besser, desto weiter die Spitze des Krans von der am Seil hängenden Last entfernt ist).